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Innere Medizin 4. April 2006

Kamera-Pille auf dem Weg durch den Dünndarm

Die früher noch als Realisierung einer Science-Fiction-Vision beschriebene Miniatur-Videokamera, die aus dem Dünndarm Bilder an die Außenwelt sendet, reiht sich langsam in die gastroenterologische Routinediagnostik ein.

Die Kapselendoskopie ist seit dem Jahre 2001 offiziell durch die Gesundheitsbehörden für die Diagnostik zugelassen. Die Euphorie war groß, doch bekanntlich folgt bei medizinischen Neuerungen auf große Euphorie stets ebensolche Kritik nach Bekanntwerden erster Langzeitstudien.
Ein Pionier der ersten Stunde, der Wiesbadener Internist Prof. Dr. Christian Ell, über den aktuellen Stand der Dinge: "Tatsächlich hat die neue Methode anfangs eine Begeisterung ausgelöst, die keine Grenzen kannte. Und technologisch ist die Entwicklung der Kapsel sicher ein Durchbruch. Allerdings muss man wissen, bei welchen Indikationen sie eingesetzt werden kann". In Österreich ist die Kapsel für die Diagnose chronischer gastrointestinaler Blutungen zugelassen. Nicht so geeignet scheint das Verfahren, nach Ell, zur Diagnose eines Morbus Crohn, einer Zöliakie oder chronischer Abdominalschmerzen zu sein.

Endoskopie versus Enteroskopie

Die direkte "Konkurrenz" zur Kapselendoskopie, die Push-Enteroskopie ist seit nunmehr etwa 10 bis 15 Jahren im Einsatz. Ell: "Sie fristet allerdings ein kümmerliches Dasein und konnte aufgrund des aufwändigen Verfahrens nie die große Begeisterung auslösen. Auch die Eingrenzung des Untersuchungsbereiches auf den oberen Dünndarmbereich und die höhere Belastung für die Patienten ließ für viele Kollegen diese Methode eher uninteressant erscheinen."
Vergleichsstudien zwischen der Kapselendoskopie und der Enteroskopie liegen, wie der Gastroenterologe bedauert, kaum vor, zur neuen Methode gibt es lediglich sechs publizierte Originalarbeiten. Dennoch zeigte sich in prospektiven, wenn auch kleinen Studien eine günstigere diagnostische Ausbeute für die Kapsel.
So kommen laut Ell bei nicht aktiver Blutung eine Ösophago-Gastro-Duodenoskopie (ÖGD), eine Coloskopie, die Push-Enteroskopie oder die Kapselendoskopie als diagnostische Maßnahmen in Frage. Bei akuter, sichtbarer Blutung sind ÖGD, Coloskopie, Angiografie, Blutpoolszintigrafie oder eine Enteroskopie indiziert. Die Kapselendoskopie ist hierfür nicht geeignet.
Ell: "Bei aller kritischen Darstellung stellt die Kapselendoskopie eine große Bereicherung zur Diagnose der okkulten Blutung dar und wird sicherlich zum Standardverfahren werden. Alle nicht endoskopischen Methoden sind als Verfahren der Reserve anzusehen."
Viele medizinische Zentren haben die Kapsel bereits angeschafft.
Über die Sinnhaftigkeit dieser nach Ell überstürzten Anschaffungen ließe sich freilich diskutieren: "Wir brauchen nicht so viele Kapselsysteme. Denn dies hat lediglich zur Folge, dass es durch eine zu häufige Anwendung des Verfahrens bei nicht klassischen beziehungsweise falschen Indikationen zu einer schlechteren diagnostischen Ausbeute und damit zu einem geringeren Ansehen dieser an sich hervorragenden Innovation kommt."

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