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Innere Medizin 4. April 2006

Dicksein macht krank

Adipositas, eine Epidemie, die immer mehr um sich greift – nicht nur in den USA oder Europa. Dies ist umso bedenklicher, als neue Studien immer deutlicher zeigen, dass Adipositas eine Erkrankung ist, die fast jedes Organsystem in Mitleidenschaft zieht. Ganz besonders krank machend ist der viszerale Typ der Fettsucht.

Selten wird Evolution mit einem Überfluss an Nahrung konfrontiert. Daher wundert es kaum, wenn es genetisch keine langfristigen Regulationsmechanismen gibt, die ein Zuviel an Kalorien gesund „entsorgen“. Die Adipositas wurde bereits 1987 von der WHO als Krankheit anerkannt und wird derzeit über den Body Mass Index (BMI) von über 30 definiert. Der Forschungsschwerpunkt „Fettstoffwechsel und Adipositas“ der Gruppe um Prof. Dr. Hermann Toplak, Medizinische Universitätsklinik Graz, trug hierzulande zu einer Neuorientierung der Stoffwechselkrankheiten bei, die 1997 zur Gründung der Österreichischen Adipositasgesellschaft führte.
Toplak betonte bei der diesjährigen Jahrestagung der Österreichischen Diabetes Gesellschaft in Graz, dass trotz Umdenkens in der Ärzteschaft Adipositas in der breiten Bevölkerung noch immer nicht als medizinisches Risiko gesehen wird, sondern nur als kosmetisches Problem: „Doch auch im Rahmen der Evidenz basierten Medizin haben sich Wissenschaftler in erster Linie auf kardiovaskuläre Ereignisraten konzentriert. Dies ist ziemlich oberflächlich, denn die viszerale, bauchbetonte Adipositas ist mehr als bloß ein Risikofaktor.“
Fettstoffwechselstörungen beeinflussen die Lebenserwartung signifikant. Laut einer Framingham-Studie sind allein die Gesamtcholesterinwerte zu etwa 2/3 der Gesamtinformation über die Lebenserwartung einer Population aussagekräftig. Diese Werte lassen sich mithilfe der Fettverteilung komplettieren, denn Patienten mit viszeraler Adipositas sind deutlich morbider, vor allem was makrovaskuläre Erkrankungen betrifft.
Das Stoffwechselrisiko beginnt schon vor der offiziellen BMI-Grenze von 30. Bei Männern sollte im Idealfall die Taille unter 94 cm liegen, das deutlich erhöhte Risiko beginnt bereits ab 102 cm. Bei Frauen liegen diese Werte bei 80 bzw. 88 cm. „Das heißt allerdings nicht, dass Patienten mit gynoider, also hüftbetonter Adipositas als gesund zu werten sind“, relativiert Toplak.
Die Risiken steigen unterschiedlich. Besonders Erkrankungen wie Diabetes mellitus, Gallenblasenerkrankungen, Hypertonie, Atemnot und Schlafapnoe können sich bis zum Dreifachen erhöhen. Moderat wachsen hingegen Beschwerden wie Osteoarthritis (v.a. im Knie), Harnsäureerhöhung und Struma. Die Gefahr für polyzystische Ovarien und Hormonstörungen bei Adipositas steigen hingegen wenig.

Makrovaskuläre Ereignisraten werden vom BMI beeinflusst

Ein erhöhter BMI stellt für eine KHK per se einen Risikofaktor dar und die viszerale Adipositas steigert die kardiovaskuläre Ereignisrate noch zusätzlich um das Doppelte.
Bei der Entwicklung eines Schlaganfalles spielt die bauchbetonte Fettverteilung eine noch größere Rolle: „Bemerkenswert ist, dass die Grunderkrankungen des Alters sich beim Adipösen bereits früher manifestieren als beim schlanken Menschen.“
Neue Daten zeigen, dass nicht nur die bereits bekannten Risikofaktoren der Atherosklerose bei dickeren Menschen problematisch erhöht sind, sondern diese durch bestimmte immunologische Prozesse verstärkt werden.
Vermutet werden als Folge dessen gestresste Endothelzellen, welche letztendlich vaskulären Erkrankungen zu Grunde liegen. Doch Adipositas schädigt nicht nur die inneren Organe, auch unser Stützgerüst muss unter der Last des Mehrgewichtes leiden.
Toplak abschließend: „Welche Auswirkungen diese Erkrankung daher ebenso auf unser Sozial- und Gesundheitssystem hat, wird klar, wenn man sich vor Augen führt, dass jeder zweite, der bei uns die Frühpension antritt, diesen Weg aus orthopädischen Gründen gehen muss. Und eines liegt auf der Hand – der Schlüssel zum Erfolg im Kampf gegen die Adipositas ist in erster Linie die Prävention!“

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