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Innere Medizin 4. April 2006

Depression und Diabetes im Wechselspiel

Einen offensichtlichen Zusammenhang zwischen einem Diabetes mellitus und einer Depression zu sehen, kann dem Arzt mitunter recht viel pathogenetische Phantasie abverlangen. Allerdings gibt es zu dieser Thematik eine Reihe von Studien, die eine eindeutige Korrelation belegen.

„Die Diagnose eines Diabetes mellitus lässt sich relativ einfach stellen. Bei depressiven Krankheitsbildern gestaltet sich die Sache allerdings schwieriger“, erklärt Prof. Dr. Hans-Georg Zapotoczky, Psychiatrische Abteilung der Universitätsklinik Graz. Schließlich hat der depressive Patient Hemmungen, seine Ängste und andere nicht somatische Beschwerden beim Arzt vorzubringen. Eine entsprechende Anamnese oder spezielle Fragebögen bringen hier Licht ins Dunkel.
Ein depressiver Patient „kann nicht, mag nicht, spürt nicht und findet keine Ruhe“, beschreibt der Grazer das Zustandsbild. Neben Energie- und Lustlosigkeit sind auch eine vermehrte Agitiertheit, Unruhe und Schlaflosigkeit typisch.

Gefühllos und versteinert

Zapotoczky: „Sehr wenige depressive Menschen können tatsächlich weinen. Die Betroffenen sind in der Regel nicht traurig, vielmehr herrscht eine Empfindungslosigkeit vor, sie sind wie versteinert.“
Dass gerade Diabetiker auf Depressionen untersucht werden sollten, begründet sich in der durch mehrere Untersuchungen unterstützte Annahme einer vermehrten Häufigkeit von depressiven Störungen bei Diabetes. Vor allem, wenn stationäre Aufenthalte mit der Erkrankung verbunden sind. Dennoch scheint mehr dahinter zu stecken, als lediglich eine reaktive depressive Stimmung auf die Krankheit.
Ein weitgehend erforschter Zusammenhang zwischen diesen beiden Krankheitsbildern ist die Hyperaktivität der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenachse. Beim Diabetes mellitus kommt es auch zu einer Beschleunigung der stressinduzierten Atrophie von Dendriten im Hippocampus. Dieses Areal stellt das Zentrum der Befindlichkeit des Menschen dar.
Auch umgekehrt entwickeln depressive Patienten etwa zweimal häufiger einen Diabetes. Das depressive Syndrom entsteht durchschnittlich acht Jahre vor Manifestation der Zuckerkrankheit. Es ist ein bekanntes Phänomen, dass Depressionen anderen organischen Störungen vorausgehen können. So ist oftmals im Vorfeld von Parkinson, Alzheimer oder auch karzinomatöser Erkrankung eine Depression zu finden. Daher müsse, so Zapotoczky, eine vorliegende Depression rechtzeitig erkannt werden, damit man prophylaktische Maßnahmen zur Vorbeugung somatischer Erkrankungen ergreifen kann.
Eine Depression steht in engem Zusammenhang mit dem Faktor Stress. „Einige der häufigsten Ursachen für Stressreaktionen ist der Verlust der Kontrolle über die Situation.“ Dies verursacht Angst, die wiederum eine der größten Risikofaktoren für die Depression darstellt. Über die Beeinflussung der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse kommt es zu einem Hyperkortisolinismus, eine Verminderung von Wachstums- und Sexualhormonen ist die Folge. Es entstehen eine vermehrte Insulinresistenz, ein Hyperinsulinismus und eine Dyslipidämie. Klinisch imponieren Libidoverlust, Störungen von Schlaf oder Appetit, psychomotorische Syndrome, ein erhöhter Blutdruck oder gastrointestinale Symptome. Da es auch zu thrombogenetischen Veränderungen kommt, können allerdings nicht nur ein Diabetes, sondern auch kardiovaskuläre Krankheiten, allen voran Herzinfarkt und Schlaganfall manifest werden. „Sehr viele depressive Menschen erleiden in späterem Krankheitsverlauf ein kardiovaskuläres Ereignis. Dies wird zudem durch die vermehrte Sympathikusaktivierung, der damit verbundenen Steigerung der Herzfrequenz oder der Freisetzung freier Fettsäuren, forciert.

Häufiges kognitives Defizit

Nicht vergessen sollte man, so der Psychiater, dass jede Depression auch mit kognitiven Funktionsstörungen vergesellschaftet ist. Neben der Konzentrationsfähigkeit sind auch Gedächtnis, Aufmerksamkeit oder die Entschlusskraft beeinträchtigt. In diesem Zusammenhang wird auch gelegentlich von einer Pseudodemenz bei depressiven Menschen gesprochen.
Auch bei Hyperkortisolinismus und eben Diabetes sei, so Zapotoczky, die Gedächtnisleistung vermindert, Aufmerksamkeit und Lernfähigkeit eingeschränkt. Diese Erkenntnis sollte man als Arzt im Patientengespräch mit einem Diabetiker im Auge behalten. Oft muss die Therapieempfehlung mehrmals oder genauer erklärt werden, um eine entsprechende Compliance zu erhalten.
Als Konsequenz derartiger Überlegungen über die Zusammenhänge und die Gemeinsamkeiten von Depression und Diabetes sollten Patienten mit Diabetes mellitus psychiatrisch untersucht werden, um eine depressive Störung auszuschließen. „Nur ein Drittel der tatsächlich Betroffenen werden zur Zeit diagnostiziert.“ Allerdings wird generell die Mehrzahl der depressiven Patienten weder erkannt noch behandelt. „Da rund acht Jahre zwischen dem Auftreten einer Depression und der Manifestation eines Diabetes vergehen, müssen wir im Laufe der Therapie jeden depressiven Patienten auch auf Diabetes untersuchen“, erklärt der Grazer. „Kein Psychiater wird sich erlauben, einen Diabetiker internistisch zu behandeln. Auch umgekehrt sollte die antidepressive Therapie nicht unbedingt von einem Diabetologen eingeleitet werden. „Eine intensive Zusammenarbeit zwischen den beteiligten Fachdisziplinen ist hier wünschenswert“, fordert Zapotoczky.

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