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Innere Medizin 4. April 2006

Weniger Geld – mehr Patienten

Jede medizinische Disziplin muss sich zur Zeit intensiv mit der Wirtschaftlichkeit ihrer Arbeit auseinander setzen. In der Diabetologie liegt eine große Herausforderung in der Bewältigung der Schere zwischen der stets zunehmenden Prävalenz von Diabetesfällen und den geringer werdenden finanziellen Ressourcen.

Die Ärzte Woche sprach mit Prof. Dr. Thomas Pieber, Leiter der Diabetesambulanz, Medizinische Universitätsklinik Graz, der nun die zweite Hälfte seiner Amtsperiode als Präsident der Österreichischen Diabetesgesellschaft (ÖDG) bestreitet, über die Problematik der ökonomischen Situation sowie seine aktuellen Pläne.

Wie lässt sich ein effektives Diabetes management in Österreich bei nunmehr’ geringeren finanziellen Mitteln gestalten?

Pieber: Sieht man sich die ökonomischen Entwicklungen im Gesundheitssystem an, so steht es nicht allzu günstig um die Betreuung chronisch kranker Menschen. Tatsächlich haben wir weniger Geld für eine vermehrte Anzahl diabetischer Neuerkrankungen zur Verfügung. Allerdings gibt es mittlerweile sehr effektive Strategien gegen die Spätkomplikationen der Zuckerkrankheit, sodass die Behandlung von Diabetes generell besser und auch günstiger erfolgen kann.

Wie kann das therapeutische Management verbessert werden?

Pieber: Das Ziel sollte sein, möglichst kostengünstig eine optimale Betreuung der Diabetespatienten zu bewerkstelligen. Allerdings sind aufgrund einer oftmals mangelnden Koordination zwischen den betreuenden Ärzten und einer schlechten Kommunikation Doppeluntersuchungen und die wiederholte Anfertigung gleicher Befunde keine Seltenheit. Dies verschlingt Geld, das durch intelligente Umstrukturierungsmaßnahmen leicht eingespart werden kann.
In der Steiermark gibt es bereits ein Betreuungssystem, das einem fehlgeleiteten Management der Krankheit entgegensteuert. Auch in anderen Bundesländern existieren zum Teil sehr gut funktionierende Systeme.

Welche Rolle kommt der Österreichischen Diabetesgesellschaft dabei zu?

Pieber: Eine interne Arbeitsgruppe der ÖDG erarbeitet zur Zeit Guidelines für eine einheitliche Behandlung von Diabetes in Österreich. Die Ergebnisse sollen kommendes Jahr vorliegen. Schließlich ist es ein großes Anliegen der Gesellschaft, jene Änderungen zu erreichen, die für eine ausreichende Diabetikerbetreuung im niedergelassenen Bereich nötig sind.
Hier sind strukturelle Änderungen nötig. Die flächendeckende Betreuung der Patienten kann sicher nicht von Spezialambulanzen durchgeführt werden. Nur über die Aufwertung des niedergelassenen Arztes ist eine adäquate Patientenbetreuung erreichbar. Mehr Zusammenarbeit zwischen intra- und extramuralem Bereich ist angesagt.

Worauf sollte besonderes Augenmerk gelenkt werden?

Pieber: Wir dürfen nicht müde werden, den Stellenwert der Prävention in der Diabetologie zu propagieren. Wenn wir jene Personen mit einer gestörten Glukosetoleranz erfassen, können wir bereits therapeutisch präventiv intervenieren und nachweislich das Risiko eines manifesten Diabetes reduzieren. Bereits durch regelmäßigen Sport und Änderung des Lebensstils kann das Risiko um 50 Prozent gesenkt werden.

Welche Initiativen gab es im vergangenen Jahr?

Pieber: Eine Reihe von Projekten zur Verbesserung der Betreuung der Diabetiker in Österreich konnte bereits abgeschlossen werden. Unter anderem entstand auch ein Urlaubs-Ratgeber für Diabetespatienten. Inzwischen wurde eine Plattform Diabetes etabliert, in der neben der ÖDG auch Selbsthilfegruppen vertreten sind.
Im Bereich der Qualitätssicherung wollen wir nun endgültig initiativ werden. Landesweit finden zwar Bezirksärzteveranstaltungen und Qualitätszirkel statt, dies ist jedoch noch zu wenig. Nach wie vor ist ein wichtiger Aufgabenbereich für die Gesellschaft, die Forschung in Österreich voranzutreiben. Die Unterstützung junger Forscher auf dem Gebiet der Diabetes- und Stoffwechselforschung bedeutet eine sinnvolle Investition in die Zukunft.

Hätten Sie Anliegen an die Allgemeinmediziner in Bezug auf die Betreuung diabetischer Patienten?

Pieber: In diesem Bereich sind leider noch viele Hausaufgaben zu erledigen. Mein Appell ist nach wie vor, die Kommunikation zwischen dem niedergelassenen und dem stationären Bereich zu verbessern, eine wesentlich engere Vernetzung der Schnittstellen zu erzielen.
Selbstverständlich kommt hier auch der Fortbildung ein entsprechend hoher Stellenwert zu, ich würde mich freuen, wenn noch mehr Kollegen von dieser Möglichkeit Gebrauch machen würden. Schließlich ist die Versorgung der steigenden Anzahl von Diabetespatienten in Österreich ohne Allgemeinmediziner nicht denkbar!

Wie beurteilen Sie die Rolle des Diabetologen?

Pieber: Bei der heurigen Jahrestagung gab es mehr als 1.000 zahlende Teilnehmer. Dies ist, auch verglichen mit anderen wissenschaftlichen Gesellschaften, ein beachtliches Ergebnis. Das Image des Diabetologen ist durchaus positiv zu bewerten. Die Vertreter unserer Fachdisziplin gelten etwa für das Bundesministerium oder die Sozialpartner als anerkannte Verhandlungspartner.

Wie sieht die Zukunft der Betreuung diabetischer Patienten aus?

Pieber: Durch die steigende Zahl von Personen, die an Diabetes mellitus erkranken, besteht Handlungsbedarf. Man muss die Zeichen der Zeit erkennen und entsprechende Management-Strategien entwickeln. Federführend für neue Konzeptumsetzungen sind hier sicherlich die Niederlande oder Schweden. Österreich liegt diesbezüglich allerdings ebenso im internationalen Vorderfeld.

Danke für das Gespräch!

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