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Innere Medizin 30. Juni 2005

Pneumokokken: eine tödliche Gefahr

Pneumokokken sind die häufigsten Erreger bakterieller Infektionen beim Menschen. Neben "leichteren" Erkrankungen wie Mittelohr- oder Nasennebenhöhlenentzündung verursachen sie schwere Infektionen wie Pneumonie, Meninigitis Sepsis u.a. Sie sind bei etwa 50 Prozent der gesunden Bevölkerung im Rachen nachweisbar. Von diesen gesunden Trägern aus können Pneumokokken jederzeit über eine Tröpcheninfektion auf abwehrschwache Personen übertragen werden, die dann mitunter lebensgefährlich erkranken.

Impfung muss häufigste Serotypen abdecken

Pneumokokken verfügen über eine Schleimkapsel, die sie gegen die Abwehrmechanismen des Körpers schützt. Aufgrund der unterschiedlichen Zusammensetzung dieser Schleimkapsel lassen sich die Erreger in zahlreiche Serogruppen und Serotypen einteilen. Die großse Herausforderung für das körpereigene Immunsystem liegt darin, dass die Abwehrstoffe des Körpers jeweils nur gegen die Erreger einer Serogruppe wirksam sind. Bei der Herstellung von Impfstoffen muss man diesem Umstand Rechnung tragen und die häufigsten Erreger abdecken.

Resistente Stämme im Vormarsch

Dem Verhindern der Pneumokokkenerkrankungen wird bald eine wesentlich größsere Bedeutung zukommen. Im Vergleich zu Nachbarländern ist die Situation hierzulande noch günstig, aber die resistenten Stämme sind rasch auf dem Vormarsch. Im Urlaubsland Spanien beispielsweise sprechen 80 Prozent aller Pneumokokkenstämme nicht mehr auf Penicillin an, und auch im benachbarten Deutschland ist die Erythomycin-Resistenzrate im Jahr 2000 dramatisch auf nun 28 Prozent gestiegen.

In Zukunft sollte bei allen Patienten mit invasiven Pneumokokkeninfektionen eine Klassifizierung der Serotypen durchgeführt werden. Mit entsprechenden Daten aus Nachbarländern würde man in der Folge immer über ein aktuelles Bild der epidemiologischen Situation in Mitteleuropa verfügen. Die genaue Kenntnis der Häufigkeit des Auftretens der jeweiligen Erregersubtypen gäbe Aufschluss über die Wirksamkeit des Impfprogrammes und allfällige Anforderungen an neue Impfstoffe.

Prim. Dr. Norbert Vetter, Pulmologisches Zentrum der Stadt Wien: "In Österreich fordert schon jetzt trotz rechtzeitiger Antibiotikatherapie die Pneumokokken-Lungenentzündung alljährlich zahlreiche Opfer." Neben alten Menschen und chronisch Kranken tragen Säuglinge und Kleinkinder das höchste Erkrankungsrisiko.

Bei den Kleinsten gibt besonders die Pneumokokken-Meningitis Anlass zur Sorge, da trotz adäquater Behandlung die Sterblichkeit noch immer bei etwa 10 Prozent liegt und das Überleben häufig mit schlimmen Dauerschäden (bis zu 44 Prozent) wie zum Beispiel Taubheit, geistiger Behinderung oder Epilepsie verbunden ist.

Risikogruppe Frühgeborene

Prof. Dr. Arnold Pollak, Vorstand der Univ. Kinderklinik Wien: "Speziell Frühgeborene, aber auch andere Patienten aus den so genannten Hochrisikogruppen, also Diabetes, Asthma, Herzfehler, Down Syndrom, Neugeborene mit weniger als 2,5 kg und andere, sind besonders gefährdet, wegen ihrer verminderten oder fehlenden Immunkompetenz, an einer Pneumokokkeninfektion zu erkranken."

Hier besteht also ein großser Bedarf für einen gesteigerten Infektionsschutz. Dieser Schutz ist nur durch den Einsatz von Impfungen erreichbar. Seit kurzem steht auch für gefährdete Kinder unter dem 2. Lebensjahr ein spezieller konjugierter Polysaccharidimpfstoff zur Verfügung. Der neue Kinderimpfstoff ist nun seit fast zwei Jahren Teil des allgemeinen Impfplanes in den USA.
Die breite Anwendung dieser Impfung hat einen drastischen, mehr als 80-prozentigen Rückgang von invasiven Pneumokokkeninfektionen bewirkt und bestätigt damit die guten Resultate aus klinischen Studien.

Pollak: "Vor diesem Hintergrund erscheint ein Imfpschutz aller Kinder unter 2 Jahren - insbesondere und bevorzugt aber jener der Hochrisikogruppen - dringend und nachdrücklich empfehlenswert."

Auch für ältere Menschen über 60 Jahre oder Personen mit Abwehrschwäche, chronischen Erkrankungen, Multimorbidität oder anderen immunschwächenden Ko-Faktoren sind Pneumokokken eine ernstzunehmende und gefährliche Bedrohung. Aus diesem Grunde wird für die Bevölkerung jenseits des 60. Lebensalters eine Pneumokokkenimpfung empfohlen.

Liegt die Mortalität beim Erwachsenen durchschnittlich bei beachtlichen 10 Prozent, so schnellt dieser Wert mit zunehmendem Alter auf 30 bis 40 Prozent hinauf. Bei multimorbiden 80-jährigen Patienten sogar auf 50 Prozent.
Besonders gefürchtet ist dabei die Pneumonie, die ihre Opfer bereits während der ersten beiden Tage fordert. Obwohl hier Penicillin im Akutfall die beste Therapie darstellt, so kommt sie mitunter zu spät. Es ist - abgesehen vom Diagnosezeitpunkt - zu bedenken, dass auch das beste Antibiotikum eine gewisse Zeit benötigt, um voll zur Wirkung zu gelangen.

Durchimpfungsrate viel zu gering

Einer Risikogruppe von 18 Prozent der österreichischen Bevölkerung (1,6 Millionen Menschen über dem 60. Lebensjahr!) steht eine Durchimpfungsrate von 1,8 Prozent - also gerade einmal 10 Prozent der Zielgruppe - gegenüber.
Prof. Dr. Wolfgang Popp, Geriatriezentrum Am Wienerwald: "Die wesentlichen Argumente für eine Pneumokokken-Impfung sind: Reduktion der Zahl der Infektionen, Reduktion ihrer tödlichen Verläufe, Schutz auch gegen Antibiotika-resistente Keime und der unbestreitbare Kosten-Nutzen-Vorteil."

Die Übernahme der Kosten des Impfstoffes für Risikogruppen durch die Sozialversicherungsträger wäre nach Meining der Experten wünschenswert.

Dr. Hannelore Nöbauer, Ärzte Woche 39/2001

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