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Innere Medizin 30. August 2013

Zu viel Medizin

Schilddrüsenkrebs: Ist weniger Diagnostik mehr?

Während die Inzidenz von papillärem Schilddrüsenkrebs gestiegen ist, blieb die Mortalitätsrate konstant. Allzu üppiges Diagnostizieren macht womöglich nicht gesünder, sondern kränker – diese These wird derzeit vielerorts diskutiert. Auch an der Mayo Clinic, wo sich Forscher nun die Krebsdiagnostik der Schilddrüse unter diesem Aspekt angesehen haben.

Wie immer in der Debatte um Überdiagnostik und -therapie in der Tumormedizin geht es auch im Fall von Schilddrüsenkrebs um den Umgang mit Low-Risk-Geschwülsten, hier also mit kleinen Schilddrüsenkarzinomen vom papillären Typ, die keine Beschwerden verursachen. Auf sie entfallen etwa 90 Prozent der Diagnosen. Ein Team von Endokrinologen der Mayo Clinic um Juan Brito hat sich das Datenmaterial dazu angesehen. Ihr Fazit lautet: „Die Inzidenz kleiner und indolenter Schilddrüsenkarzinome steigt. Das setzt die Patienten therapeutischen Maßnahmen aus, die in keinem Verhältnis zu ihrer Prognose stehen.“

Inzidenz steigt, Mortalität bleibt konstant

Als überzeugendsten Hinweis auf eine überbordende Therapie solcher Patienten sehen die Wissenschaftler in dem Umstand, dass sich die Inzidenz von papillärem Schilddrüsenkrebs in den vergangenen 30 Jahren verdreifacht hat – und nun etwa in den USA bei 11,6 Fällen pro 100.000 Einwohner liegt –, die Mortalitätsrate aber konstant bei 0,5/100.000 geblieben ist. Für die steigende Zahl der Patienten mit Schilddrüsenkrebs machen sie die veränderte Diagnostik verantwortlich: Ultraschalluntersuchungen des Halses sowie Computer- und Magnetresonanztomografie, die aus anderen Gründen vorgenommen werden. Inzidentalome der Schilddrüse sind auf fast 16 Prozent der CT- und MRT-Aufnahmen zu sehen, die zur Abklärung von pulmonalen oder Kopf-Hals-Problemen angefertigt werden. Drei Viertel der entdeckten Tumoren sind kleiner als 15 mm. „Inzwischen erhalten mehr Patienten eine Schilddrüsenkrebsdiagnose nach solchen Zufallsfunden als nach der Abklärung symptomatischer Knoten“, schreiben Brito und seine Kollegen.

Vorschlag: Änderung der Terminologie

Als erste Maßnahme schlagen die Mayo-Mediziner eine Änderung der Terminologie vor – Ähnliches ist auch für andere Krebsentitäten schon vorgebracht worden. Man solle also, statt von Krebs, von „mikropapillären Läsionen mit indolentem Verlauf“ (micropapillary lesions of indolent course, microPLICs) sprechen. Voraussetzungen dafür wären ein Durchmesser < 20 mm, keine einschlägige Familienanamnese, keine Strahlenexposition und kein sonographischer Hinweis auf extraglanduläre Ausbreitung. Solchen Patienten solle die Gelegenheit für ein abwartendes, überwachendes Vorgehen gegeben werden. Dieses könne sich beispielsweise an das Management nach Thyroidektomien anlehnen, mit jährlichen körperlichen Untersuchungen und Sonographien. Patienten, deren Läsionen stabil blieben oder schrumpften, könne man dann seltener einbestellen als solche, deren Knoten wüchsen.

Originalpublikation:

Brito JC et al. Thyroid cancer: zealous imaging has increased detection and treatment of low risk tumours. BMJ 2013;347:f4706 doi: 10.1136/bmj.f4706


springermedizin.de/ki, springermedizin.at

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