zur Navigation zum Inhalt
 
Innere Medizin 30. Juni 2005

Sanfte Heilkunde für alte Menschen

"Es kommen eher wenig ältere Menschen zu mir in die Ordination", bedauert Dr. Helga Lesigang, seit 20 Jahren niedergelassene Homöopathin in Wien. "Aber diese Generation hat ihre ersten medizinischen Erfahrungen in einer Zeit gemacht, in der die Homöopathie kaum bekannt war und die Schulmedizin ihre großen Fortschritte machte. Viele wirksame Medikamente wurden entwickelt, große chirurgische Fortschritte gemacht."

Eine unspektakuläre Fallgeschichte

Anhand einer "unspektakulären Fallgeschichte" zeigt Lesigang die Möglichkeiten und Grenzen der Homöopathie bei alten Menschen auf:

"Die Patientin ist heute 87 Jahre alt, ich kenne sie seit 1987. Damals kam sie wegen Gelenksschmerzen zu mir, nachdem sie auch einen Monat lang im Krankenhaus behandelt worden war. Sie nahm ein NSAR, ein Weißdornpräparat gegen Symptome einer fraglichen Herzinsuffizienz und auch zwei Psychopharmaka. Ihren Gemütszustand beschrieb sie trotzdem als ,das heulende Elend". Bereits nach der ersten Ordination konnten die Psychopharmaka abgesetzt werden. Mit dem Gemütszustand ging es zwar auch in den nächsten Jahren auf und ab, Krisen konnten aber jedes Mal durch homöopathische Mittel, in diesem Fall Pulsatilla, stabilisiert werden. Im Lauf der Zeit kam ein Diabetes mellitus vom Typ 2 dazu, den die Patientin diätetisch in den Griff bekam. Gegen die sich deutlich verschlechternde Herzinsuffizienz wurde Digitalis nötig. 1997 erlitt die Patientin einen Vorderwandinfarkt und erhielt die in der Schulmedizin üblichen Medikamente. Ich habe dann lange nichts von der Patientin gehört, sie aber angerufen und gefragt, wie es ihr gehe und ob sie zusätzlich jetzt noch homöopathische Medikamente nähme. Sie verneinte mit der Begründung, dass ihr das zu viel wäre und es sie durcheinanderbringen würde." Diese Fallgeschichte zeigt zunächst die Grenzen einer homöopathischen Behandlung im Alter: Homöopathie ist Regulationstherapie. Mit dem Arzneimittel wird ein Reiz gesetzt, auf den alte Menschen irgendwann aufgrund ihres Alters oder verschiedener Krankheiten nicht mehr reagieren können.

Multimedikation hinauszögern

Lesigang: "Dann ist der Zeitpunkt gekommen, eine andere Therapie zu finden." Aber mit Hilfe einer Regulationstherapie könnte eine Multimedikation, wie sie in der Schulmedizin üblich ist, hinausgezögert werden. Als ideal bezeichnet Lesigang daher einen Hausarzt, der auch über komplementärmedizinisches Wissen verfügt oder mit Komplementärmedizinern zusammenarbeitet: Alte Menschen suchen wegen ihrer vielfachen Beschwerden etliche Spezialisten auf.

"Jeder ist herausgefordert, ein Arzneimittel zu finden, in der Hoffnung, die Lebensqualität des Patienten zu verbessern. Die Folge ist, dass der Tablettenkonsum steigt. Glück hat, wer dann einen Hausarzt hat, dem er vertraut und der ihn kennt, und der ein gewisse Ordnung in die Medikation bringt", meint Lesigang.

Eine der Hauptaufgaben des Arztes bei Älteren sei Zuhören und Begleiten. Lesigang: "In der Homöopathie wird viel Wert auf eine ausführliche Anamnese gelegt. Wir reden aber mit den Patienten, um ein geeignetes Medikament zu finden. Das Gespräch hat bei uns nicht in erster Linie therapeutischen Effekt, wie das in der Psychotherapie der Fall ist." Nicht immer sei es auch leicht, bei den Mehrfachleiden und der Multimedikation der alten Menschen ein geeignetes homöopathische Mittel zu finden.

Konstitutionsmittel muss gefunden werden

Lesigang: "Denn wir geben nicht ein Mittel gegen Verdauungsprobleme und ein anderes gegen Herzbeschwerden, sondern ein einziges Konstitutionsmittel muss gefunden werden."

Homöopathie kann auch nicht substituieren. Ein Hormonausfall zum Beispiel könne mit homöopathischen Mitteln nicht wett gemacht werden. Lediglich die Symptome, die Folge des Ausfalls sind, könnten gelindert werden. Aber: "Einen manifesten Diabetes mellitus können Sie nicht homöopathisch behandeln. Ebenso können degenerative oder destruktive Prozesse mit homöopathischen Mitteln nicht rückgängig gemacht werden", betont Lesigang. Denn oft kämen Patienten zu ihr mit den Worten: "Sie sind meine letzte Hoffnung" und erwarteten so etwas wie eine Wunderheilung. "Einen Krebspatienten mit multiplen Metastasen kann die Homöopathie nicht heilen. Wir können Beschwerden lindern und begleiten. 

Es ist außerdem möglich und zulässig, Homöopathie und Schulmedizin gleichzeitig zu verordnen", betont Lesigang.

"Ich wüsche mir, dass die Homöopathie mehr Eingang in Pflegeheime findet und dass mehr alte Menschen in den Genuss dieser sanften Heilkunde kommen."

Vortrag im Rahmen des 4. Wiener Internationalen Geriatriekongresses, Mai 2001

Dr. Irene Lachawitz, Ärzte Woche 20/2001

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben