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Innere Medizin 9. November 2005

Die Kunst der gründlichen Anamnese

Zwei Ausbildungsgesellschaften bieten in Österreich Kurse für Ärzte an. Vorwiegend Allgemeinmediziner erlangen diese Zusatzqualifikation und setzen das homöopathische Repertoire ergänzend zu ihrem schulmedizinischen Können ein.

Fast drei Viertel der Österreicher-Innen haben laut aktuellen Statistiken zumindest einmal zu einem homöopathischen Mittel gegriffen. „Oft ohne den erwünschten Erfolg, was dazu führt, dass Homöopathie bei vielen Patienten und auch Ärzten einen unverdient schlechten Ruf hat“, analysiert Dr. Christian Pröll, Wahlarzt für Allgemeinmedizin mit Diplom für Homöopathie in Linz. Dazu kämen Studien, die ein einzelnes Mittel wie Arnika unter ganz bestimmten Rahmenbedingungen beobachten und dann gleich der ganzen Homöopathie die Wirksamkeit absprechen.„Die homöopathische Medizin arbeitet eben mit einem anderen Ansatz, als bei bestimmten Symptomen nur auf eine sehr begrenzte Anzahl von Mitteln zurückzugreifen“, ergänzt Dr. Rosemarie Brunnthaler-Tschertau, Psychotherapeutin und Allgemeinmedizinerin mit Schwerpunkt Homöopathie in Linz. Am Anfang stehe meist eine gründliche und tiefgehende Anamnese, die bis zu zwei Stunden dauern könne.

Umfassender Fragenkatalog

Gefragt wird nach Veränderungen in allen Organbereichen, wobei die möglichst individuelle Reaktionsweise wichtig ist, sowie nach typischen Verhaltensweisen des Patienten und dem Verlauf bisheriger Krankheiten. „Das Symptom steht eher im Hintergrund. Es geht um eine ganzheitliche Sichtweise, bei der nicht nur die körperlichen Beschwerden, sondern auch die geistig-seelische Befindlichkeit des Patienten betrachtet wird“, beschreibt Brunnthaler-Tschertau den Ansatz, den Samuel Hahnemann (siehe Kasten) geprägt hat. Nach der Anamnese werden die Antworten den über 2.500 homöopathischen Mitteln zugeordnet, „Repertorisieren“ genannt, wodurch eine allmähliche Einengung erfolgt. Analysiert wird in weiterer Folge auch das Arzneimittelbild und geprüft, wie dieses zu den Symptomen sowie zur betreffenden Person passt. Letztlich geht es darum, das ähnliche Mittel zu finden. „Dieses kann für ähnliche Symptome sehr unterschiedlich aussehen, allein bei Schnupfen gibt es über 445 Mittel, die zur Auswahl stehen“, erklärt die Homöopathin. Wer also in eine Apotheke geht und nach einem homöopathischen Mittel gegen Schnupfen fragt, hat eine verschwindend geringe Chance, das für ihn passende zu „erwischen“. Auch Komplexmittel, also Globuli oder Tropfen, in denen mehrere Wirkstoffe zusammengefasst sind, bieten keine Alternative. „Jeder Fall erfordert eine gründliche Erstanamnese, welche die Suche nach einem Wirkstoff ermöglicht, der auf die konkrete Person in ihrer individuellen Situation zugeschnitten ist“, betont Pröll. „Das Problem mit den in manchen Büchern empfohlenen, so genannten bewährten Indikationen und Komplexmitteln ist, dass sie durchaus wirken können, diese Wirkung aber an der Oberfläche oder eben ganz ausbleibt.“

Begleitend zur Chemotherapie

Natürlich greife auch ein Homöopath immer wieder auf die diagnostischen Methoden und Möglichkeiten der Schulmedizin zurück, betont der Allgemeinmediziner. Der Weg der Homöopathie sehe bei der Behandlung allerdings meist völlig anders aus, es gehe nicht um ein Verschwindenlassen von Symptomen auf Knopfdruck. „Wir sehen den Menschen als Ganzes“, betont Pröll. In vielen Bereichen, z.B. bei Chemotherapien, könne die Homöo-pathie schulmedizinische Behandlungen begleiten.

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