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Innere Medizin 13. Juli 2005

Reiseziel Hochgebirge: Höhenmedizinische Tipps

Wer unvorbereitet und vor allem zu schnell einen Gipfel stürmt, kann eine akute Bergkrankheit, ein Hirn- oder Lungenödem entwickeln. Warnsignal sind oft starke Kopfschmerzen.

Die Zahl derjenigen, die im Rahmen von Trekking- oder Expeditionsreisen hoch gelegene Regionen aufsuchen, nimmt in den letzten Jahren immer weiter zu. Daher erscheint die Kenntnis hypoxiebedingter Erkrankungen für viele Ärzte in der täglichen Beratung notwendig. Wesentliche Ursache der Hypoxie beim Aufstieg in die Höhe ist der abnehmende Atmosphärendruck. Dieser beträgt in einer Höhe von 5.500 m nur noch die Hälfte des Druckes auf Meereshöhe. Der entsprechend verminderte Sauerstoffpartialdruck führt einerseits zu akuten Kompensationsreaktionen und andererseits langfristig zu Veränderungen, die als Akklimatisation bezeichnet werden. Kurzfristige Reaktionen des Körpers sind

  • Hyperventilation,
  • ein Anstieg des pulmonal-arteriellen Druckes und
  • eine Verschiebung der Sauerstoffbindungskurve nach links.

Langfristige Akklimatisationsvorgänge betreffen insbesondere die vermehrte Erythropoese, welche bereits nach wenigen Stunden Höhenaufenthalt einsetzt. Zudem kommt es zu einem Remodeling der pulmonalen Strombahn, die dadurch dem höheren pulmonalarteriellen Druck besser standhält. In Höhen über 2.500 m ist eine Akklimatisation für einen längerfristigen Aufenthalt immer notwendig, bei Aufenthalten unterhalb dieser Schwellenhöhe genügen die kurzfristigen Reaktionen des Körpers für eine ausreichende Oxygenierung. Dies gilt allerdings nur für Gesunde. Bei Patienten mit Risikoerkrankungen können bereits Höhen unter 2.000 m ein größeres Problem darstellen.

Typische Höhenerkrankungen

Der Begriff Höhenkrankheit beinhaltet zerebrale und pulmonale Syndrome, die bei einem Aufenthalt in Höhen von über 2.500 m auftreten können. Gefährdet sind aber auch Reisende, die zum Beispiel in einer Höhe von 3.500 m akklimatisiert sind und dann rasch in Höhen von über 5.000 m aufsteigen. Typische Höhenerkrankungen sind

  • die akute Bergkrankheit (Acute Mountain Sickness, AMS),
  • das Höhenhirnödem (High Altitude Cerebral Edema, HACE) und
  • das Höhenlungenödem (High Altitude Pulmonary Edema, HAPE).

Akute Bergkrankheit: Die akute Bergkrankheit ist durch unspezifische Symptome und fehlende klinische Untersuchungsbefunde gekennzeichnet. Sie beginnt frühestens ca. sechs bis zwölf Stunden nach Ankunft in der Höhe. Das Leitsymptom sind ausgeprägte Kopfschmerzen.

Das Höhenhirnödem: Bei zunehmender Hypoxie kann es in seltenen Fällen zu einer Progression der akuten Bergkrankheit in das Höhenhirnödem kommen, das insbesondere durch eine Ataxie gekennzeichnet ist. Ein weiteres Fortschreiten kann über zunehmenden Bewusstseinsverlust und Halluzinationen zum Koma und zum letalen Ausgang führen.

Das Höhenlungenödem: Das Höhenlungenödem entwickelt sich typischerweise in den ersten zwei bis vier Tagen nach Erreichen einer Höhe von über 2.500 m, vor allem bei raschem Aufstieg. Die Warnsymptome des Höhenlungenödems sind plötzlicher Leistungsabfall, zunehmende Dyspnoe bei Belastung, trockener Husten und Tachykardie mit Tachypnoe. Fieber bis 38,5 °C ist häufig.

Prävention und Behandlung

Zur Vermeidung der typischen Höhenerkrankungen ist eine ausreichende und langsame Akklimatisation an die Höhe entscheidend. Zu einer optimalen Akklimatisation trägt ein ausreichend langsames Aufstiegsprofil bei. In Höhen über 2.500 m sollte die tägliche Schlafhöhe um nicht mehr als 300 m gesteigert werden. Alle 1.000 m Höhengewinn empfiehlt sich ein Ruhetag. Leider ist diese langsame Form der Akklimatisation häufig nicht mit den kurzen Urlaubszeiten zu vereinbaren. Daher treten vor allem bei Gruppenreisen bei einem hohen Prozentsatz der Teilnehmer höhenbedingte Probleme auf. Häufig greifen die Reisenden dann auf pharmakologische Hilfen zurück.

Prävention von akuter Bergkrankheit und Höhenhirnödem: Das am besten untersuchte Medikament ist das Acetazolamid. Über die Hemmung der Carboanhydrase der Niere kommt es zu einer metabolischen Azidose und konsekutiv zu einer Hyperventilation, welche die Hypoxämie mindert. Da Acetazolamid nicht zu einer Verbesserung der Akklimatisation führt, besteht bei Absetzen während des Höhenaufenthaltes die Gefahr, erneut Symptome der akuten Bergkrankheit zu erleiden. Bei Sulfonamidallergie besteht die Möglichkeit, orales Theophyllin in einer Dosis von 150 mg zweimal täglich einzunehmen.

Therapie von akuter Bergkrankheit und Höhenhirnödem: Zur Behandlung der akuten Bergkrankheit reicht in milden Fällen ein Ruhetag. Bei fortbestehender oder starker Symptomatik sollte der Bergsteiger mindestens 1.000 Höhenmeter absteigen. Falls dies nicht möglich ist, kann mit Acetazolamid oder Dexamethason eine Besserung erzielt werden. Bei leichter Symptomatik empfiehlt sich die Einnahme von einfachen Analgetika. Wenn bereits ein Höhenhirnödem vorliegt, sind ein sofortiger passiver Abstieg und die Gabe von Sauerstoff sowie Dexamethason und Acetazolamid angesagt. Ein portabler Überdrucksack erlaubt zumindest für einige Stunden eine Erhöhung des umgebenden Atmosphärendruckes.

Prävention des Höhenlungenödems: Die Prävention des Höhenlungenödems unterscheidet sich nicht von der der akuten Bergkrankheit beziehungsweise des Höhenhirnödems. Lediglich bei Patienten mit bereits früher aufgetretenem Höhenlungenödem erscheint eine prophylaktische Einnahme von Nifedipin retard 20 mg zweimal täglich möglich.

Therapie des Höhenlungenödems: Ein möglichst rascher, passiver Abstieg um mindestens 1.000 m und die Gabe von Sauerstoff sind immer notwendig. Im Gegensatz zur Therapie der akuten Bergkrankheit oder des Höhenhirnödems ist jedoch die Gabe von Acetazolamid und Dexamethason wirkungslos. Beim Höhenlungenödem muss versucht werden, den pulmonal-arteriellen Druck rasch und wirkungsvoll zu senken. Dies gelingt am einfachsten mit der oralen Einnahme von 20 mg Nifedipin retard alle sechs Stunden. Der Einsatz der tragbaren hyperbaren Kammer ist allerdings auch hier klinisch sinnvoll.

 

Literatur beim Verfasser
Anschrift des Verfassers:
Dr. med. R. Fischer
Präsident der Deutschen Gesellschaft für Berg- und Expeditionsmedizin (BExMed)
Medizinische Klinik Innenstadt
Klinikum der Universität München
Ziemssenstraße 1
D-80336 München
E-Mail:

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