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Innere Medizin 30. Juni 2005

"Wer schneller steigt als ein Ochs ist ein Ochs"

Wann und wo auch immer man sich in "luftige Höhen" begibt, für den Körper bedeutet dies möglichst schnelle Anpassung an die veränderten Umgebungsverhältnisse. Was passiert genau?

Zunächst kommt es zu einer Veränderung der Sauerstoffbindung.

"Die Rolle der Sauerstoff-Hämoglobin-Affinität bei der Sauerstoffabgabe ist bis heute noch nicht ausreichend geklärt. Das traditionelle Modell der Sauerstoffbindungskurve verdeutlicht aber sehr anschaulich einige Mechanismen des Sauerstofftransportes bei veränderten Druckverhältnissen," erklärt Doz. Dr. Franz Berghold, Allgemeinmediziner und Experte für Höhenmedizin, Kaprun (siehe Kasten).

"Die folgenden drei wichtigsten taktischen Regeln sind seit langem bekannt. Je konsequenter man sie beachtet, desto besser gelingt die Höhenanpassung", rät Berghold.

  • Nicht zu schnell zu hoch steigen!
  • Keine Anstrengungen in der Anpassungsphase!
  • Möglichst tiefe Schlafhöhe!

Auf die entscheidende Frage: "Wie schnell ist zu schnell?" gibt es aber bis heute keine befriedigende, allgemeingültige Antwort. Eine für alle Bergsteiger gleichermaßen relevante Akklimatisationstechnik konnte nämlich bislang nicht eruiert werden.

Vielleicht aber trifft der etwas unwissenschaftliche Satz: "Wer schneller steigt als ein Ochs ist ein Ochs!" den springenden Punkt dieser Frage sehr gut.

Neben den klassischen Präparaten zur medikamentösen Prophylaxe der Höhenkrankheit wie Acetazolamid, Nifedipin und Dexamethason wurden in letzter Zeit folgende Substanzen diskutiert:

  • Acetylsalicylsäure scheint vor allem aufgrund einer Verminderung sympathischer Reaktionen unter Hypoxie durch Zyklooxygenasehemmung die Prostaglandinkonzentration zu verbessern. Die dadurch reduzierte zerebrale Vasodilatation gemeinsam mit analgetischen Effekten dürfte die Erklärung sein, warum Höhenkopfschmerz und AMS (Acute Moutain Sickness) unter 320 Milligramm ASS alle vier Stunden nach dem Erreichen einer Höhe von 3500 Metern signifikant seltener auftritt. Auch die Kombination mit Acetazolamid dürfte bei körperlich Anstrengung prophylaktisch gut wirksam sein.
  • Theophyllin hat in mittlerer und großer Höhe zwar keinen Einfluss auf die Sauerstoffsättigung, aber verbessert die nächtliche Atmung und verringert damit die Inzidenz von Schlafstörungen und Höhenkopfschmerz.
  • Niedermolekulare Heparine: Der Einfluss auf thromboembolische Geschehen und Erfrierungen ist naheliegend, das erhöhte Blutungsrisiko erscheint allerdings problematisch, zumal Netzhautblutungen in extremen Höhen an sich schon eine Inzidenz von etwa 80 Prozent aufweisen.

Lungen- und Hirnödeme

"Zur Inzidenz der akuten Höhenkrankheit ist zu bemerken, dass sich in den meisten Studien keine geschlechtsspezifischen und bei Frauen außerdem keine zyklusabhängigen Unterschiede nachweisen lassen", weiß Berghold.

In Nepal geschehen 80 Prozent der tödlich verlaufenden Lungen- und Hirnödeme auf organisierten Trekkingtouren, obwohl an solchen nur 40 Prozent aller Trekkingtouristen teilnehmen. Das weist auf den problematischen Effekt der "Gruppendynamik" hin: innerhalb der Gruppe neigt man eher dazu, Frühsymptome zu bagatellisieren oder zu verheimlichen.

Am häufigsten ist der Höhenkopfschmerz

Höhenkopfschmerz ist mit 75 Prozent die häufigste Befindlichkeitsstörung in der Höhe. Bedingt ist dieses Symptom wahrscheinlich durch mechanische, chemische oder ionale Irritation der Zerebralgefäßwände.

Höhenhusten stellt mit seinen vor allem nächtlichen Hustenanfällen nicht nur eine extrem unangenehme Belastung dar, er kann auch die Entwicklung eines Lungenödem induzieren.

Verantwortlich dafür ist möglicherweise eine durch Hyperventilation und vermindertem Wasserdampfgehalt bedingte Schleimhautaustrocknung der Atemwege.

Die üblichen Antitussiva auf Codeinbasis kommen aufgrund ihrer atemdepressiven Wirkung nicht in Frage. Noscapin (Capval®) zeigt ohne Beeinträchtigung der Sauerstoffsättigungskurve eine gute Wirkung.

Wie läßt sich die akute Höhenkrankheit nun verhindern?

Zahlreiche Studien weisen darauf hin, dass die prohylaktische Einnahme von Diamox® die Ventilation in Ruhe und unter Belastung steigert, den Gasaustausch verbessert, den Gehirndruck diuretisch senkt und die Gewebsoxygenierung verbessert. Symptome der Höhenkrankheit lassen sich mit entsprechender Einnahme möglicherweise verhindern, manche Autoren vermuten sogar eine Beschleunigung der Akklimatisation.

Cave Thrombose

Was jedoch nicht außer Acht gelassen werden darf, ist die Tatsache, dass die unkritische und wiederholte Anwendung von Diamox®  eine iatrogene Ursache bei der Thromboseentstehung darstellt.

Daher wird eine Niedrigdosierung empfohlen:

2 x 125 mg ab 24 Stunden vor Überschreiten der 3000 Meter Linie für 2 bis 3 Tage, mindestens aber für 24 Stunden nach Erreichen der definitiven Aufenthaltshöhe.

Soll Diamox® nur zur Schlafverbesserung eingesetzt werden, nimmt man etwa eine Stunde vor dem Schlafengehen 1 x 125 bis 250 mg.

6. Linzer Reisemedizinische Tagung
Vortrag von Dr. Franz Berghold

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