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Sollen CMV-infizierte Frauen weiterhin stillen?

Durchschnittlich ein Drittel der „Frühchen“ wird über die Muttermilch mit dem Zytomegalievirus infiziert. Als Therapie für die schwere angeborene Infektion eignet sich Ganciclovir als Infusion.

Viele Neonatologen empfehlen den Müttern zu stillen, weil es bisher keine Anhaltspunkte dafür gab, dass eine Infektion den Kindern schadet. Eine neue Studie könnte jedoch die bisherige Anschauung ins Wanken bringen. Etwa 7.000 Frühchen werden jährlich in Deutschland geboren, mehr als 2.000 stecken sich beim Trinken von Muttermilch mit dem Humanen Cytomegalievirus (HCMV) an. „Körperliche Schäden tragen die Kinder nicht davon“, wie Dr. Rangmar Goelz von der Universitätskinderklinik Tübingen mit einer Studie bestätigt. In dieser Studie hatte er die klinischen Daten von 40 infizierten Frühgeborenen mit denen von Frühgeborenen einer gleich großen, nicht infizierten Kontrollgruppe verglichen. Bei den erkrankten Kindern kamen zwar Thrombopenie und Neutropenie signifikant häufiger vor, diese Störungen verschwanden aber nach kurzer Zeit von selbst.

Nutzen und Risiko des Stillens

Kein nennenswerter Unterschied ergab sich bei Gewichtszunahme, Kopfumfang, Liegedauer in der Klinik, Apnoe und Dauer der künstlichen Beatmung. „Die klinischen und hämatologischen Symptome HCMV-infizierter Kinder sind leicht und vorübergehend, so dass wir den Rat, Muttermilch zu füttern, ihrer Vorteile wegen beibehalten“, erklärt der Pädiater Goelz. Allerdings raten andere Experten von Muttermilch ab, da sich Frühgeborene formal noch in der Fetalzeit befinden, wo HCMV-Infektionen gelegentlich schwerwiegende Folgen haben. Eine laufende Studie der Tübinger Entwicklungsneuro-login Dr. Brigitte Vollmer könnte den Kritikern Recht geben.

Frühchenstudie abgeschlossen

Vollmer untersuchte 22 mit HCMV infizierte und 22 nicht-infizierte Frühchen nach der Geburt, im Alter von zweieinhalb bis vier Jahren sowie von sechs bis acht Jahren. Keine Unterschiede ergaben sich bei der Inzidenz von Hörstörungen, den neurologischen Befunden und den sprachlichen Fähigkeiten. Bei den kognitiven Leistungen dagegen war ein Trend zu leichten Beeinträchtigungen auszumachen: Infizierte Kinder schnitten in allen Untertests etwas schwächer ab, am deutlichsten beim ganzheitlichen Lernen. „Die Werte lagen aber alle noch im Normbereich“, betonte Vollmer.„Wenn sich bei den Intelligenztests auch nur eine Differenz herausstellt, so wäre das alarmierend und ein Signal zum Umdenken,“ sagte Goelz. Er appellierte an die Kinderärzte, den Eltern klar zu machen, wie wichtig es sei, zu den Untersuchungsterminen in die Klinik zu kommen. Derzeit laufen an der Universität Tübingen Versuche zur Prävention von HCMV-Infektionen bei Frühgeborenen. Ziel ist es, den Erreger in der Muttermilch unschädlich zu machen. Bisher ist keine der verfügbaren Methoden zufriedenstellend: Durch Einfrieren wird das Virus nicht zuverlässig inaktiviert, Pasteurisieren – also 30 Minuten lang mindestens auf 62 °C erhitzen – ist zwar sicher, aber die Inhaltsstoffe der Milch werden teilweise zerstört. Doz. Dr. Klaus Hamprecht vom Institut für Medizinische Virologie hat jetzt eine Kurzzeit-Erhitzung entwickelt: In dem noch nicht kommerziell verfügbaren Prototyp des erforderlichen Geräts rotiert die Muttermilch in einem Kolben, so dass ein dünner Flüssigkeitsfilm entsteht, der durch Einstrom von Heißluft fünf Sekunden lang auf 72 °C erhitzt wird. Das Verfahren ermöglicht einen raschen Temperaturwechsel, wodurch die Viren zwar inaktiviert werden, die Inhaltsstoffe aber weitgehend stabil bleiben.

Schwere Schäden durch HCMV

Pränatal ist HCMV der häufigste Erreger intrauteriner Infektionen. Ein Drittel der Frauen, die sich während der Schwangerschaft infizieren, überträgt das Virus auf das Kind. Bei jedem zehnten Kind kommt es zu teilweise schweren Schäden wie Wachstumsretardierung, Hydrozephalus, intrakranielle Verkalkungen, Innenohrschwerhörigkeit. Die Mortalität liegt bei 30 Prozent. Weiteren zehn Prozent der Kinder ist bei der Geburt zunächst nichts anzumerken, aber es kommt nach Jahren zu Hirnschäden, Hör- und Sprachstörungen. Zur postnatalen Infektion kommt es vor allem durch Muttermilch. Reife Neugeborene haben keine oder (sehr selten) lokale Symptome. Bei Frühgeborenen gibt es eine Debatte über mögliche Schäden.

Ganciclovir zur Behandlung

Als Therapie für Neugeborene mit schwerer angeborener Zytomegalie eignen sich Infusionen mit Ganciclovir. Das hat sich bei der ersten, kürzlich beendeten Studie zur Behandlung dieser Patienten herausgestellt: Durch das Virostatikum wurde die Hörverschlechterung hochsignifikant aufgehalten, sonstige Messgrößen änderten sich nicht. Allerdings traten bei zwei Drittel der Kinder unerwünschte Wirkungen auf, vor allem Neutropenie. Als Alternative mit der Möglichkeit der oralen Applikation könnte Valganciclovir in Frage kommen, allerdings ist der Wirkstoff bei Neugeborenen noch nicht geprüft.

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