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Innere Medizin 3. April 2006

„Wir wollen gehört werden!“

Die veränderte demografische Zusammensetzung der Bevölkerung erfordert eine Anpassung an diese Situation. Allerdings werden diejenigen, die hier etwas zu sagen hätten – wie die wissenschaftlichen Fachgesellschaften – kaum eingeladen, bei der Gesundheitsreform mitzuarbeiten. Die ÄRZTE WOCHE sprach mit dem neuen Präsidenten der Gesellschaft für Gastroenterologie und Hepatologie, OA Dr. Ernst Kerstan.

Vorerst einmal alles Gute für Ihre bevorstehende Präsidentschaft. In welchen Bereichen wird der Schwerpunkt Ihrer Arbeit liegen?
Kerstan: Die wissenschaftlichen Gesellschaften bewegen sich zur Zeit in einem sehr wechselhaften Umfeld: Wissenschaftler, Ärzte im Krankenhaus und auch niedergelassene Kollegen wissen oft nicht, was auf sie zukommen wird. Im Zuge der Gesundheitsreform wird es in naher Zukunft zu mehr oder minder großen Umstrukturierungen kommen, die Finanzierung verschiedenster Bereiche ist unklar. Schließlich herrscht im Gesundheitswesen oft ein zufälliges Zusammenspiel verschiedener Organe. Insofern ist es eine wichtige Aufgabe einer wissenschaftlichen Gesellschaft, auch standespolitische Anliegen zu vertreten.

Werden Sie denn da auch von den Entscheidungsträgern gehört?
Kerstan: Wir sind kein offizieller Verhandlungspartner in gesundheitsrelevanten Fragen wie etwa die Ärztekammer. Vielmehr müssen wir an die verschiedenen Gremien herantreten, müssen aktiv unsere Vorstellungen präsentieren. Oft werden die Diskussionen allerdings lediglich zwischen Leistungsanbietern und Einkäufern durchgeführt; die Ärzte stehen hier außerhalb. Hier ist daher die vermehrte politische Aktivität gefordert.

Wie sieht die aus?
Kerstan: Eine medizinische Gesellschaft, die sich nicht bewegt, die nicht auf die neuen Gegebenheiten eingeht, arbeitet an der Realität vorbei. Wir müssen die gesellschaftlichen Entwicklungen erkennen und auch ökonomische Aspekte in unsere Überlegungen miteinbeziehen. Der Bund ist ja nicht nur für Forschung und Lehre zuständig, sondern auch letztendlich für die Qualitätssicherung – gerade in diesem Bereich hätte unsere Gesellschaft viele Vorschläge zu machen. Es muss aber auch klar sein, dass die Sicherung der Qualität eine Kostenfrage ist. Wir beziehen zu verschiedenen Belangen Position, geben Empfehlungen ab und erstellen Richtlinien. Etwa welche Qualitätskriterien zu erfüllen sind, damit ein Haus eine Endoskopisch retrograde Cholangio-Pankreatikografie, eine ERCP, durchführen kann. Obwohl wir kein Mitspracherecht in diesen Belangen haben, so werden wir doch zunehmend gehört und werden unsere Vorschläge einbezogen.

Ihr Vorgänger hat sich sehr für die Implementierung der Koloskopie in die Gesundheitsvorsorgeuntersuchung eingesetzt...
Kerstan: Kollege Werner Weiss hat viel Arbeit auf diesem Gebiet geleistet, sein Engagement ist bewundernswert. Schließlich ist er mit allen Formen bürokratischer Hürden in Berührung gekommen. Oft steht zwischen einem politisch vorhandenen Willen und der Realisierung eine kaum zu überwindende Bürokratie. Allerdings sind wir hier schon auf einem ganz guten Weg. Ich habe selbstverständlich vor, diesen wichtigen Punkt weiterzuführen und bin auch überzeugt, dass die entsprechenden Strukturen bald zu schaffen sind. Natürlich muss auch hier die Frage der Honorierung abgeklärt werden. Wir sind gerne bereit, die Aufgabe der Vorsorge zu übernehmen, aber eine gute Koloskopie hat einfach auch ihren Preis.

Ihr persönliches „Steckenpferd“ ist die Endoskopie. Wird sie ein zentrales Thema in Ihrer Amtsperiode sein?
Kerstan: Dieser Bereich ist mir tatsächlich ein großes Anliegen. Allerdings ist Gastroenterologie nicht nur Endoskopie. Und als Präsident muss ich versuchen, alle Teilbereiche des Faches gleichermaßen aufzuwerten. Die wissenschaftlichen Aktivitäten der einzelnen Arbeitsgruppen laufen weiter, die Jahrestagungen, Postgraduate-Kurse oder Leitlinien sind gut eingeführt und sollen kontinuierlich ausgebaut werden.

Welche Anliegen hätten Sie an die Allgemeinmediziner?
Kerstan: Als wissenschaftliche Gesellschaft müssen wir auch als Gesprächspartner für die Hausärzte zur Verfügung stehen. Oft haben die Allgemeinmediziner den Eindruck, dass die Kooperation doch nicht so gut funktioniert, dass die Kluft zwischen intra- und extramuraler Medizin eher größer wird. Insofern sind wir bemüht, mittels verbesserter und vor allem praxisrelevanterer Fortbildung die neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse weiterzugeben. Viele Zuweisungen an die Spezialabteilungen wären dann wahrscheinlich nicht nötig. Der Allgemeinmediziner hat als „Gate-Keeper“ eine enorm wichtige und verantwortungsvolle Aufgabe übernommen, bei der wir ihn unterstützen müssen. So bietet etwa die von uns herausgegebene Therapieempfehlung „Magenkrank“ zu Themen wie Reizmagen oder NERD den niedergelassenen Kollegen praktikable Vorgehensweisen. Diese Empfehlungen sollen aber keine Einschränkung der therapeutischen Freiheit des behandelnden Arztes sein, sonderen ein Mehr an Sicherheit liefern.

Welche Entwicklungen kann man in der Gastroenterologie in näherer Zukunft erwarten?
Kerstan: Es ist nicht leicht, Prognosen abzugeben, aber man kann Tendenzen erkennen. So wird der Hepatitis C in den nächsten Jahren durch die Entwicklung neuer Präparate möglicherweise der Schrecken genommen werden können. Auf dem genetischen Sektor sind beim Morbus Wilson große Fortschritte zu erwarten, in diesem Bereich ist die österreichische „Arbeitsgruppe Molekularbiologie und Humangenetik“ um Prof. Dr. Ferenci federführend. Auch im Bereich der chronischen Darmerkrankungen wird sich durch die Grundlagenforschung und die neueren Substanzen einiges tun, allerdings wird es hier realistischer Weise noch dauern, bis nennenswerte Fortschritte ihren Einzug in die Praxis finden.

Wie schätzen Sie den zukünftigen Stellenwert der Kapselendoskopie ein?
Kerstan: Ich glaube nicht, dass die Endoskopie, wie sie derzeit gehandhabt wird, in nächster Zukunft durch die Kapselendoskopie abgelöst werden kann. Schließlich bedienen wir uns der endoskopischen Verfahren meist nicht nur aus diagnostischen, sondern zunehmend auch aus therapeutischen Gründen. Allerdings beobachten wir dieses neue Verfahren recht genau: Der Vorteil, den wir in Österreich als kleines Land haben, ist die Überschaubarkeit in diesen Belangen. All jene, die eine kapselendoskopische Technik betreiben, sind zu einer Arbeitsgruppe zusammengefasst - rund 20 Personen, die miteinander in Kontakt stehen. So können die Erfahrungen ausgetauscht und Vergleiche aufgestellt werden. Das Einsatzspektrum ist heute klar definiert, klassisches Anwendungsgebiet ist sicherlich die Diagnostik der obskuren gastrointestinalen Blutung. Allerdings vergrößert sich das Indikationsspektrum zunehmend. Dennoch ist sie Kapselendoskopie, auch wenn dies von vielen Medien so berichtet wird, kein Ersatz für die traditionelle Videoendoskopie. Dies sollte den Patienten auch zeitgerecht gesagt werden, um keine falsche Erwartungen zu wecken.

Inwieweit stellt die demografische Entwicklung der Bevölkerung eine neue Herausforderung für Ihr Fachgebiet dar?
Kerstan: Man muss bedenken, dass die Alterspyramide eine zunehmend größere Rolle auf die klinische Praxis hat. In meiner nunmehr 35 Jahre dauernden ärztlichen Tätigkeit habe ich es im Durchschnitt mit weitaus jüngeren Patienten zu tun gehabt. Der über 90-jährige Patient war eine Seltenheit, heute ist diese Altersklasse ein gängiges Klientel auf unseren Abteilungen. Die Schwierigkeit ist, dass die generellen „evidence-based“-Empfehlungen und die Lehrbuchmedizin auf diese Altersgruppe kaum Rücksicht nimmt. Wir behandeln 85- bis 90-jährige Patienten auf dieselbe Weise, wie 50- bis 60-jährige. Hier muss ein Umdenken erfolgen. Eine Anpassung an die aktuelle Situation ist nötig, alte Menschen dürfen nicht als „Sonderfälle“ betrachtet werden. In unserer Gesellschaft werden daher Überlegungen angestellt, wie die evidence-based-medicine hier eingesetzt werden kann. Auch ethische Überlegungen spielen vermehrt eine große Rolle. Im nächsten bayrisch-österreichischen Kongress 2006 sollte diese Thematik einen großen wissenschaftlich fundierten Stellenwert einnehmen.

Dr. Ronny Teutscher, Ärzte Woche 12/2001

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