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Innere Medizin 30. Juni 2005

Kein Ulkus trotz Helicobacter pylori

Etwa jeder zweite Mensch ist mit dem unscheinbaren Bakterium Helicobacter pylori infiziert; in manchen Ländern sind es 80 Prozent der Bevölkerung. Allerdings entwickelt nur ein verhältnismäßig kleiner Teil der Infizierten typische Komplikationen wie persistierende Gastritis, peptisches Ulkus und Adenokarzinome des Magens. Was dafür die Gründe sind, wird derzeit kontrovers diskutiert. Möglich sind etwa Unterschiede in der Pathogenität von Erregervarianten oder eine genetische Prädisposition, damit eine Magenkrankheit als Folge einer Helicobacter-Infektion entsteht.

Eine weitere Hypothese basiert auf der Annahme, dass nicht Helicobacter selbst, sondern die Art und Weise, wie das Immunsystem auf den Erreger reagiert, den Ausgang der Infektion bestimmt. Helicobacter- Komplikationen wären demzufolge immunpathologische Zustände. Trifft dies zu, käme es weniger darauf an, den Erreger durch Antibiotika zu eliminieren, als vielmehr das Immunsystem durch geeignete modulatorische Maßnahmen in die richtige Richtung zu lenken.

Abwehrzellen machen oft etwas zu viel des Guten

Helicobacter pylori, wie viele andere bakterielle Keime, induziert vor allem eine Immunantwort, bei der TH1-Zellen (T-Helferzellen vom Typ 1) dominieren. Allerdings machen die Abwehrkräfte häufig etwas zu viel des Guten und aktivieren den TH1-Arm des Immunsystems im Übermaß. Da TH1-Botenstoffe wie Interferon-gamma, Interleukin 1 und Interleukin 2 die entscheidenden Mediatoren einer Entzündungsreaktion sind und eine überschießende Entzündung die eigentliche Ursache der Helicobacter-Gastritis ist, liegt es nahe, nach einer Möglichkeit zu suchen, die TH1-Immunantwort zu drosseln. Dazu bieten sich - im Experiment - Krankheitserreger an, die so unappetitlich wie ubiquitär verbreitet sind: Helminthen, die den Darm besiedeln.

Würmer-Experiment

Von parasitären Würmern weiß man nämlich, dass sie das Immunsystem so beeinflussen, dass die TH1-Partitur - um mit dem Bild eines Orchesters zu sprechen - weitgehend aus den Notenständern verschwindet, dagegen TH2-Töne in maximaler Lautstärke produziert werden. Um zu überprüfen, ob ein solcher immunologischer Notenwechsel den Krankheitsverlauf einer Helicobater-Infektion positiv beeinflusst, dachten sich Dr. James G. Fox und seine Kollegen von der Abteilung für vergleichende Medizin des Massachusetts Institute of Technology in Cambridge im US-Staat Massachusetts einen eleganten Versuch aus (Nat Med 6, 2000, 536).

Die Forscher infizierten Mäuse gleichzeitig mit Helicobacter felis, einem Bakterium, das bei Mäusen ähnliche Veränderungen hervorruft wie Helicobacter pylori bei Menschen, und mit einer tierpathogenen Darmnematode. Als Kontrolle wurde eine andere Gruppe Mäuse ausschließlich mit H. felis infiziert.

Alle Kontrollmäuse entwickelten die Zeichen einer chronischen Gastritis: moderate Hyperplasie der Korpusmukosa, deutlicher Verlust von Parietalzellen bei gleichzeitiger intramuköser und submuköser Infiltration von mononukleären Zellen. Ein Ulkus oder ein Tumor war nur noch eine Frage der Zeit. Dagegen fehlten bei den Mäusen mit der Doppelinfektion diese Befunde. Zwar waren auch hier an der Magenschleimhaut diskrete Zeichen einer Entzündung nachweisbar. Doch die typischen Merkmale einer Helicobacter- induzierten chronischen Gastritis bis hin zur Metaplasie von Mukosazellen gab es nicht.

Dass die weniger gravierenden Krankheitszeichen bei den doppelt infizierten Mäusen tatsächlich mit einer Umstimmung im immunologischen Orchester zusammenhängt, konnten die US-Forscher durch zusätzliche molekularbiologische Untersuchungen beweisen. Die Boten-RNA, intrazelluläre Matrizen, die nach mehreren Zwischenstufen zur Synthese der diversen Zytokine dient, war in den beiden Tiergruppen ganz anders zusammengesetzt. Bei den Mäusen mit der Doppelinfektion fanden sich in den Magenproben vorwiegend Matrizen für die Synthese von Interleukin 4 und Interleukin 5, also von Zytokinen der TH2-Immunantwort.

Infektion mit Helminthen beeinflusst Immunsystem

Bei den Kontrollmäusen identifizierten die Forscher dagegen vorwiegend Boten-RNA mit dem Bauplan für Interferon-gamma oder Tumor-Nekrose-Faktor. Durch eine gleichzeitige Wurminfektion komme es offenbar zu einer Umstimmung des Immunsystems, die die Entstehung von Magenerkrankungen in Folge einer Helicobacter-Infektion unterbinde.

Auch in Bezug auf Chemokine, Botenstoffe, die aktivierte T-Zellen in das entzündete Gewebe locken, ließ sich die immunmodulatorische Wirkung der Helmintheninfektion nachweisen. Chemokine, die TH1- Lymphozyten anlocken, wurden bei Kontrollmäusen sehr stark exprimiert, bei den doppelinfizierten Mäusen fanden sich nur Spuren der mRNA.

ÄZ/Hermann Feldmeier, Ärzte Woche 17/2001

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