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Innere Medizin 30. Juni 2005

Probiotika – reine Scharlatanerie?

Der menschliche Darm beinhaltet zehnmal mehr Bakterien als der gesamte Organismus Körperzellen hat. Diese haben einen metabolischen Umsatz, der jenem der Leber entspricht. Viele Bakterienkulturen sind nicht a priori Feinde ihrer Wirte und werden daher als Probiotika zur Symbiose „eingeladen", um verschiedene chronische Darmerkrankungen zu lindern.

Das bunte und rege Leben in unseren Gedärmen sieht Prof. Dr. Peter Knoflach, Vorstand der 1. Internen Abteilung des AKH Wels, sehr differenziert. „Nicht alle siedelnden Mikrobakterien sind pathogen. Viele von ihnen haben sogar lindernden Einfluss auf so manchen Reizdarm und bringen daher via probiotische Nahrungsmittel einige Vorteile." Das Thema hat die Humanmedizin relativ spät aufgegriffen, doch bei landwirtschaftlichen Nutztieren haben sich Probiotika bereits etabliert.
Auch die Wirtschaft hat sich längst der Materie angenommen und verkauft probiotische Nahrungsmittel als Durchbruch in der Gesundheitsvorsorge. „Doch ein Mikroorganismus sollte mehrere Voraussetzungen erfüllen, bevor er das Gütesiegel Probiotikum verliehen bekommt", erklärt Knoflach. „So muss er ein nichtpathogener, lebender, exakt beschriebener Keim humanen Ursprungs sein und sich resistent gegen Magensäure und Galle zeigen. Sind dann klinische Studien vorhanden, die dessen Wirkung belegen, sind alle Anforderungen erfüllt."

Probiotika sind Sparringpartner des Immunsystems

Das wissenschaftliche Verständnis über die Wirkungsweise der Probiotika ist nach wie vor gering. Fortschritte werden vor allem bei der Therapie von chronisch-entzündlichen Magen- und Darmerkrankungen erzielt.
Probiotische Mikroorganismen besetzen dieselbe ökologische Nische wie fakultativ pathogene Keime und halten ihre Konkurrenten durch antagonistische Mechanismen wie Bakteriozine, Nährstoffkonkurrenz und Senkung des Sauerstoffpartialdruckes in Schach. Außerdem verhindern sie die Adhärenz von pathogenen Einzellern an Glykoproteinen der Kolonmukosa, indem sie relevante Rezeptoren blockieren.
Neben diesen werden noch viel mehr Fassetten im Wirkprinzip der Probiotika vermutet, vor allem im immunoregulatorischen Bereich. So hemmen probiotische Wirkstoffe proinflammatorische Zytokine (zum Beispiel TNF-alpha) während schützende (zum Beispiel IL-10) stärker freigesetzt werden. Probiotische Bakterienkulturen stellen für das humane Immunsystem darüber hinaus eine ständige Herausforderung dar und trainieren es für den Ernstfall.
Experimente mit keimfrei aufgewachsenen Tieren belegten, dass ohne vorherigen Kontakt mit den einzelligen Sparringpartnern sich fakultative Krankheitserreger explosionsartig vermehrten und den Wirtsorganismus binnen kurzer Zeit überfluteten. Ferner versorgen bestimmte Kulturen als potente Vitaminbildner die Darmmukosa mit wichtigen Nährstoffen (zum Beispiel Vitamin B12).
Knoflach analysiert die Datenlage für die Wirksamkeit probiotischer Produkte kritisch: „Leider werden in Österreich auch Präparate vertrieben, für die weder Wirknachweise noch wissenschaftliche Studien erbracht wurden. Oft werden sie als Probiotika verkauft, obwohl sie nicht einmal lebende Organismen beinhalten und somit in die Sparte Präbiotika fallen."
Doch Tierexperimente belegen den lindernden Einfluss von Lactobazillen und Bifidobakterien auf Colitis und Morbus Crohn. Große Aufmerksamkeit riefen die Ergebnisse einer Arbeitsgruppe um Lothar Steidler hervor, die Milchsäurebakterien mit dem menschlichen Gen zur Produktion des entzündungshemmenden IL-10 ausstattete. Bei Mäusen war die Vorgangsweise bereits erfolgreich, humane Studien sind noch im Gange, wenn auch nicht ganz unumstritten.
Es gibt Befürchtungen, transgene Bakterien könnten sich im menschlichen Darm ungehemmt vermehren und in die Umwelt gelangen. Welche Gefahr immun unterdrückende Mikroorganismen in freier Wildbahn darstellen, scheint vor allem hinsichtlich der bakteriellen Fähigkeit, artfremdes Genmaterial auszutauschen, bedenklich. Bei zwei Probiotika findet Knoflach die Datenlage besonders erwähnenswert. Zum einen das E. coli Nissle 1917, welches bereits im Ersten Weltkrieg aus der Darmflora eines Soldaten isoliert wurde, der von einer Durchfallepidemie verschont wurde und nun im Probiotikum Mutaflor® vertrieben wird. Und das VSL#3, eine in Österreich noch nicht vertriebene Mischung aus acht verschiedenen Bakterienstämmen (Lactobazillen-, Bifidobakterien- und Streptokokkenarten).
„Eine gute Figur macht E. coli Nissle bei der adjuvanten Therapie gegen Morbus Crohn, wo es in einer placebokontrollierten Pilotstudie die Rezidivrate von 64 auf 33 Prozent senken konnte. Trotzdem ist die Datenlage bis dato noch ungenügend. Ein aussagekräftiges Ergebnis einer großen multizentrischen, doppelblinden und randomisierten Studie wird in Kürze erwartet", so Knoflach. Laut neueren Arbeiten scheint der völlig apathogene Keim bei der Behandlung der Colitis ulcerosa ähnliche Effekte wie 5-ASA (Mesalazin) bezüglich Remission und Rezidivrate zu erzielen. „Diese Präparate sind somit bei der Therapie von milder bis mäßiger Colitis ulcerosa eine interessante und sichere Alternative. Die Daten sind bis jetzt allerdings ausschließlich für Mutaflor gesichert", resümiert Knoflach.
Auch bei VSL#3 stellten sich Erfolge ein. Patienten mit primärer Colitis ulcerosa, bei denen nach einer Kolektomie zur Verbesserung der Kontinenz ein Ileumpouch angelegt worden war, entwickeln als häufigste Komplikation eine Pouchitis mit unklarer Genese.
Eine italienische Gruppe um Gionchetti stellte in einer randomisierten, doppelblinden Studie fest, dass bei den Patienten der Placebogruppe in acht von 20 Fällen eine akute Pouchitis im Beobachtungszeitraum auftrat, während dies in der VSL#3-Gruppe nur in zwei von 20 Fällen beobachtet wurde. Knoflach dazu: „Ein sehr guter Ansatz, doch auch hier ist die Datenlage noch etwas dürftig und es bleibt die Hoffnung auf weitere Studien."
Wie bedeutend unsere Darmflora letztendlich ist, veranschaulicht Knoflach mit dem Hinweis, dass die metabolische Gesamtleistung der Darmbewohner mit jener der Leber gleichgesetzt werden kann.

Quelle: 35. Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Innere Medizin

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