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Innere Medizin 3. April 2006

Können Medikamente Diabetes verhindern?

Studien zeigen, dass das erhöhte Risiko, an Typ-2-Diabetes zu erkranken, auch medikamentös reduziert werden kann - eine Maßnahme, die auch aus finanziellen Gründen zunehmend wichtig scheint.

Pathophysiologisch steht beim Typ-2-Diabetes eine Insulinresistenz von Muskel, Leber und Fettgewebe im Vordergrund. Patienten mit Insulinresistenzsyndrom oder metabolem Syndrom mit den Teilkomponenten gestörte Glukosetoleranz (IGT), Adipositas, Dyslipidämie oder Hypertonie sind die Hauptrisikogruppe für die Entwicklung eines Typ 2 Diabetes und daher auch primäre Zielgruppe der Diabetesprävention. Eine Verbesserung der Insulinresistenz lässt sich primär durch Lebensstilmodifikation wie vermehrter körperlicher Aktivität und Gewichtsreduktion erzielen. So wurde sowohl in der Diabetespräventionsstudie DPS als auch im Diabetespräventionsprogramm DPP eine eindrucksvolle Diabetesreduktion durch Lebensstilmodifikation dokumentiert. Rezente Studien zeigen, dass das erhöhte Risiko, an Typ-2-Diabetes zu erkranken, auch medikamentös reduziert werden kann.

 detail

Metformin und Acarbose

Im Rahmen des DPP wurden 3.234 Personen mit gestörter Glukosetoleranz in Interventionsgruppen mit Metformin oder Lebensstilmodifikation und einer Plazebogruppe mit einer durchschnittlichen Dauer von 2,8 Jahren beobachtet. Bei Metformingabe betrug die Diabetesinzidenz 7,8, bei Lebensstilmodifikation 4,8 und bei Plazeboeinnahme 11,0 Fälle pro 100 Personenjahren. Die Lebensstilmodifikation führte zu einer relativen Risikoreduktion von 58 Prozent, Metformingabe reduzierte das relative Risiko lediglich um 31 Prozent, war jedoch mit einem wesentlich geringerem Aufwand verbunden als die Lebensstilmodifikation. Nach Absetzen von Metformin kam es jedoch wieder zu einer Zunahme der Inzidenz von Typ 2-Dia-betes. Um einen Diabetesfall während des Beobachtungszeitraumes von drei Jahren zu verhindern, mussten 14 Patienten mit Metformin behandelt werden (Diabetes Prevention Research Group, N Engl J Med 2002).
Der Alpha-Glukosidasehemmer Acarbose wurde in der STOP-NIDDM-Studie bei 1.429 Patienten mit IGT plazebokontrolliert untersucht. Nach einer durchschnittlichen Beobachtungsdauer von 3,3 Jahren waren in der Acarbosegruppe 15 Prozent an Typ-2-Diabetes erkrankt versus 24 Prozent in der Plazebogruppe. Die Acarbosegabe erzielte eine relative Risikoreduktion von 36,4 Prozent, wobei dieser Effekt unabhängig von Körpergewicht, Alter oder Geschlecht war. Zusätzlich erwies sich die Behandlung mit Acarbose als kardioprotektiv: Es kam zu einer relativen Risikoreduktion von 49 Prozent für kardiovaskuläre Ereignisse, von 34 Prozent für das Neuauftreten arterieller Hypertonie. Ausgehend von STOP-NIDDM müssten elf Patienten mit IGT für die Dauer von 3,3 Jahren mit Acarbose behandelt werden, um einen Patienten vor T2DM zu bewahren (Chiasson et al., Lancet 2002; Chiasson et al. JAMA 2003).

Glitazone

Der Insulinsensitizer Troglitazon wurde bei 235 lateinamerikanischen Frauen mit vorangegangenem Gestationsdiabetes in der TRIPOD-Studie (Troglitazone in Prevention of Diabetes) untersucht. Bereits nach drei Monaten zeigte die Troglitazongruppe eine signifikante Verbesserung der Insulinsensitivität im Vergleich zur Placebogruppe. Die jährlichen Diabetesinzidenzraten während 30 Monaten durchschnittlicher Beobachtungsdauer waren 5,4 Prozent in der Interventions- und 12,1 Prozent in der Plazebogruppe (relative Risikoreduktion von 50 Prozent). Diabetesinzidenz und Insulinresistenz blieben auch acht Monate nach Absetzen von Troglitazon geringer (Buchanan TA et al. Diabetes 2002; Diabetes 2000). Weitere Thiazolidindione sollen hinsichtlich ihres Potenziales für die Prävention von Typ-2-Diabetes in den Studien DREAM (Diabetes Reduction Approaches with Ramipril and Rosiglitazone Medication) bei Patienten mit gestörter Glukosetoleranz und PIPOD (Pioglitazone in Prevention of Diabetes) bei Frauen nach Gestationsdiabetes untersucht werden.

ACE-Hemmer und Sartane

Beim Captopril Prevention Project (CAPPP) wurden 10.985 Hypertoniker, darunter 572 Typ-2-Diabetiker, mit dem ACE-Hemmer Captopril oder anderen Antihypertensiva (Diuretika, Betablocker) behandelt und durchschnittlich 6,1 Jahre beobachtet. Das relative Risiko für Typ-2-Diabetes war retrospektiv unter Captopril um 21 Prozent niedriger (Hansson L et al. Lancet 1999). Ramipril wurde in der HOPE-Studie (Heart Outcomes Prevention Evaluation Study) bei 9.541 Patienten – davon 3.577 Typ-2-Diabetiker – untersucht. Das Risiko für Myokardinfarkt, Insult und kardiovaskulären Tod, bei Diabetikern auch das Risiko für Nephropathie, wurde unter Ramipril-Behandlung unabhängig von der Blutdrucksenkung signifikant verringert. Die Ramipril-Behandlung war darüber hinaus retrospektiv mit einer 34-prozentigen Reduktion der Diabetesinzidenz assoziiert (Sleight P et al. Lancet 2001). Zur Zeit untersucht die prospektive DREAM-Studie (Diabetes Reduction Approaches with Ramipril and Rosiglitazone Medication) bei 4.000 Patienten mit gestörter Glukosetoleranz beziehungsweise erhöhter Nüchternglukose, ob Ramipril und/oder Rosiglitazone die Entstehung von Typ-2-Diabetes verhindern oder hinauszögern können. Candesartan zeigte in der CHARM-Studie diabetespräventive Effekte: 3.023 Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz erhielten Candesartan oder Plazebo für durchschnittlich 36,6 Monate. Keinen Unterschied zwischen den Gruppen gab es im Hinblick auf kardiovaskuläre Mortalität, aber in der Candesartan-Gruppe waren um 40 Prozent weniger neu diagnostizierte T2DM (Yusuf S et al. Lancet 2003). Präventive Effekte von Losartan auf die Diabetesinzidenz konnten in der LIFE-Studie (Losartan Intervention For Endpoint Reduction in Hypertension Study) gezeigt werden (Dahlof B et al. Lancet 2002). Die derzeit größte Diabetespräventionsstudie NAVIGATOR testet in 40 Ländern an 9.150 Patienten mit gestörter Glukosetoleranz die Effekte von Nateglinide, einem blutzuckersenkenden Medikament der Gruppe der Glinide, und Valsartan auf die Inzidenz von Typ-2-Diabetes und koronarer Herzkrankheit.

Medikamentöse Gewichtsreduktion

Effekte von medikamentös unterstützter Gewichtsabnahme auf das Diabetesrisiko wurde in der XENDOS-Studie (Xenical in the Prevention of Diabetes in Obese Subjects) untersucht. Zusätzlich zur Lebensstilmodifikation erhielten 3.305 adipöse Patienten – davon 21 Prozent mit gestörter Glukosetoleranz – entweder Orlistat oder Plazebo. Nach vier Jahren Behandlungsdauer führte Orlistat nicht nur zu einer deutlicheren Gewichtsabnahme (5,8 kg versus 3,0 kg unter Plazebo), sondern auch zu einer geringeren Diabetesinzidenz (6,2 Prozent versus 9,0 Prozent mit Plazebo) mit einer relativen Risikoreduktion von 37,3 Prozent (Torgerson et al. Diabetes Care 2004).

Statine

In den Studien WOSCOPS (West of Scottland Coronary Prevention Study) und HPS (Heart Protection Study) wurde die Effizienz von Statinen in der Vermeidung kardiovaskulärer und zerebrovaskulärer Ereignisse untersucht. In der retrospektiven Datenanalyse zeigten sich auch Hinweise für mögliche diabetespräventive Effekte von Pravastatin und Simvastatin (WOSCOPS Circulation 1998, HPS Lancet 2002). Prospektive Studien werden noch erforderlich sein, um diese Hinweise zu untermauern.

Prof. Dr. Rudolf Prager, Ärzte Woche 3/2002

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