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Innere Medizin 30. Juni 2005

Diabetiker: Auf Depressionen achten

Diabetes und Depression sind eine ernst zu nehmende Komorbidität. Das gleichzeitige Auftreten bedingt eine schlechtere Stoffwechseleinstellung, mehr mikro- und makrovaskuläre Komplikationen und verschlechtert insgesamt die Prognose. Eine antidepressive Therapie verbessert dabei nicht nur die Stimmung, sondern auch die Stoffwechselwerte.

Im Vergleich zur Normalbevölkerung leiden Menschen mit Diabetes etwa doppelt so häufig an Depressionen. Einer Umfrage zufolge hat mindestens jeder neunte Patient mit Diabetes gleichzeitig eine Depression. Die Komorbidität ist deshalb so bedeutsam, weil eine Depression eine deutliche Barriere für eine gute Blutzuckereinstellung darstellt. Wer depressiv ist, befolgt die therapeutischen Empfehlungen schlecht, vernachlässigt das Blutzuckermanagement sowie seine Gewichtskontrolle und ist insgesamt mit der Therapie eher unzufrieden. So wundert es nicht, dass die Kosten der medizinischen Versorgung bei Diabetikern mit komorbider Depression deutlich höher liegen als bei Diabetikern ohne Depression. Ebenso verständlich ist, dass eine Depression ein unabhängiger Risikofaktor für die Entwicklung einer koronaren Herzerkrankung ist und die Mortalität nach akutem Myokardinfarkt erhöht ist. Sogar subklinische milde Formen der Depression beeinflussten dies bereits.

Die Hälfte der Betroffenen bleibt unerkannt

In der ärztlichen Versorgung werden bei etwa 50 Prozent der Diabetiker die Depressionen nicht erkannt – und ein noch größerer Teil der Patienten wird nicht ausreichend behandelt. Das liegt zum einen daran, dass bei Diabetes die Blutzuckerkontrolle stark im Vordergrund steht. Und zum anderen können sich die unspezifischen körperlichen Beschwerden einer depressiven Störung mit den Symptomen einer diabetischen Stoffwechsellage wie Hypo- oder Hyperglykämie überlappen. Daher kommt dem diagnostischen Screening mittels Fragebogen und der gezielten Ansprache des Arztes eine zentrale Rolle zu. In Diagnostik und Pharmakotherapie gelten die gleichen Kriterien wie bei Menschen ohne Diabetes. Die Therapie richtet sich nach der Schwere der Erkrankung. Studiendaten weisen darauf hin, dass mit der Reduktion der depressiven Symptomatik eine bessere Stoffwechseleinstellung einhergeht. Langfristig scheinen Psychotherapien der Pharmakotherapie überlegen zu sein, weil sie nicht nur die depressive Symptomatik verbessern, sondern auch das Krankheitsverhalten modifizieren können. Wenn in der Akutphase der depressiven Störung Antidepressiva zum Einsatz kommen, sollten Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRI) gegenüber Trizyklika bevorzugt werden. Da die Einnahme von Trizyklika oft mit einer Gewichtszunahme einhergeht, ist sie bei den vielfach übergewichtigen Menschen mit Typ-2-Diabetes nicht geeignet. Interessanterweise wirkt auch die Diabetiker-Schulung per se antidepressiv. Zu diesem Ergebnis kommt eine Untersuchung bei 245 Diabetikern. Unmittelbar nach der Schulung hatte sich die Depressionsrate um 20 Prozent reduziert. Das zeigt wie wichtig es ist, dass Diabetikerschulungen nicht nur Wissen vermitteln, sondern auch emotionale Belastungen und subjektives Krankheitserleben thematisieren. Gut geschulte Patienten sind zuversichtlicher, ihren Krankheitsverlauf positiv beeinflussen zu können.

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