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Innere Medizin 30. Juni 2005

Diabetes: Umstrukturierung nötig

Im Rahmen der 29. Jahrestagung der Österreichischen Diabetesgesellschaft übernahm der Diabetologe Prof. Dr. Thomas Pieber, Leiter der Diabetesambulanz, Medizinische Universitätsklinik Graz, als Nachfolger von Prof. Guntram Schernthaner die Präsidentschaft der ÖDG für zwei Jahre. Die ÄRZTE WOCHE sprach mit dem Präsidenten über dessen Ziele und Strukturveränderungen im österreichischen Diabetesmanagement.

Welche Neuerungen gibt es auf dem Gebiet der Diabetesforschung?

Pieber: Die Diabetologie konnte in letzter Zeit wesentliche praxisrelevante Fortschritte erzielen. So gilt nunmehr als gesichert, auf welche Weise ein Diabetes mellitus Typ II mittels Vorsorgemaßnahmen verhindert werden kann. Daher kommt der Prävention ein wichtiger Stellenwert zu. Wenn man bei Menschen mit einer gestörten Glukosetoleranz bereits therapeutisch präventiv interveniert, so kann nachweislich das Risiko eines manifesten Diabetes reduziert werden. 

Soll dann bereits im Vorfeld der Erkrankung medikamentös vorgegangen werden?

Pieber: Therapeutisch bedeutet noch nicht unbedingt pharmakologisch einzugreifen. Vielmehr kann bereits durch regelmäßigen Sport und Änderung des Lebensstils das Risiko um 50 Prozent gesenkt werden. Große Studien, die jüngst in den USA und Finnland durchgeführt wurden, konnten dies klar darlegen. Auch die Umstellung der Ernährung steht vor einer medikamentösen Herangehensweise. Zudem laufen zur Zeit große Interventionsstudien, inwiefern auch Medikamente zur Senkung eines erhöhten Blutzuckerspiegels im Sinne einer Sekundärprävention eingesetzt werden können. 

Sind derartige Überlegungen auch für Typ I Diabetes gültig?

Pieber: Es gibt Ansätze, Hochrisikopatienten, die genetisch oder immunologisch prädisponiert sind, einen Diabetes mellitus Typ I zu entwickeln, präventiv zu therapieren. Die Gabe von Vitamin E scheint allerdings nach jüngsten Erkenntnissen nicht wirksam zu sein. Eine vorzeitige Behandlung mit Insulin ist noch Gegenstand der Untersuchungen. Hier gilt es noch abzuwarten.

Wie ist der Stellenwert einer Insulintherapie bei Typ-2-Diabetes als Behandlungsstrategie für niedergelassene Kollegen zu bewerten?

Pieber: Viele Patienten, aber auch Ärzte halten die Insulintherapie bei Typ-2-Diabetes noch immer für eine komplizierte Therapie. Moderne Applikationshilfen, die Möglichkeit der Blutzuckermessung und strukturierte Schulung erlauben auch den Beginn einer Insulintherapie in der Praxis des niedergelassenen Arztes. Bei Patienten mit bereits bestehenden kardiovaskulären Komplikationen kann Insulin die Mortalität deutlich reduzieren. Zudem bestehen bei vielen Patienten Kontraindikationen für orale Anti-diabetika, die den Einsatz von Insulin notwendig machen. Bei kardiovaskulären oder relevanten mikrovaskulären Komplikationen oder bei Versagen der oralen Anti-diabetika sollte auf eine Insulintherapie umgestellt werden.

Wie sieht es mit dem Management von Diabeteserkrankungen in Österreich aus?

Pieber: Die Zuckerkrankheit stellt heute bei einer Wachstumsrate von sechs Prozent pro Jahr die weltweit am meisten verbreitete chronische Erkrankung dar. Daher kann die flächendeckende Betreuung der Patienten nicht von Spezialambulanzen durchgeführt werden. Insofern ist es allerdings notwendig, strukturelle Maßnahmen für das Management der Diabetespatienten im niedergelassenen Bereich zu forcieren. Die Betreuung von chronisch kranken Patienten bräuchte ein anderes Honorierungssystem und eine entsprechende Umstrukturierung, um etwa die notwendigen Patientenschulungen durchführen zu können. 

An welche Umstrukturierungsmaßnahmen hätten Sie gedacht?

Pieber: Wir fordern Strukturen, die es ermöglichen, dass der niedergelassene Kollege eine adäquate Einstellung und Betreuung eines Diabeteskranken vornehmen und auch eine Insulinbehandlung initiieren kann. Dies bedeutet neben entsprechender Fortbildung auch mehr zeitlichen Aufwand. Dennoch liegen die Kosten zur Behandlung eines schlecht eingestellten Diabetikers im extramuralen Bereich bedeutend niedriger als bei einer stationären Einstellung. Die Schwierigkeit liegt in der Trennung der Finanzierungssysteme für den stationären Bereich und dem niedergelassenen Bereich. Es ist daher ein großes Anliegen der Österreichischen Diabetesgesellschaft, jene Änderungen zu erreichen, die für eine ausreichende Diabetikerbetreuung im niedergelassenen Bereich nötig sind. In diesem Sinne werden wir konkrete Verhandlungen mit dem Hauptverband, den Kassen, der Ärztekammer, den Krankenanstalten-Finanzierungsfonds sowie den Landesregierungen anstreben. 

Welche Ziele haben Sie sich als Präsident der Österreichischen Diabetesgesellschaft gesteckt?

Pieber: Vorrangig ist für mich die Aufwertung des niedergelassenen Arztes und das Erzielen einer wesentlich engeren Vernetzung der Schnittstellen zwischen niedergelassenem und stationärem Bereich. Selbstverständlich kommt hier der Fortbildung ein entsprechend hoher Stellenwert zu. Jedes Jahr organisieren wir neben einer wissenschaftlich orientierten Jahrestagung eine zweitägige Frühjahrstagung zu praxisrelevanten Fragestellungen, die sich in erster Linie an niedergelassene Kollegen richtet. Von der europäischen Diabetesgesellschaft wird zudem ein Postgraduate-Kurs für Diabetologen angeboten. Auch finden landesweit Bezirksärzteveranstaltungen und Qualitätszirkel statt.

Im Rahmen der Jahrestagung werden auch Förderungspreise vergeben...

Pieber: Es ist ein weiterer wichtiger Aufgabenbereich für die Gesellschaft, die Forschung in Österreich voranzutreiben. Wir wollen junge Forscher auf dem Gebiet der Diabetes- und Stoffwechselforschung unterstützen. In Zusammenarbeit mit den Firmen Aventis und Novo-Nordisk vergeben wir jährlich ein Forschungsstipendium von 7.500 Euro. Dieser Preis wurde im Rahmen der diesjährigen 30. Jahrestagung der Österreichischen Diabetes-Gesellschaft Ende November in Graz erstmals vergeben und soll dazu dienen, die jungen Preisträger mehrere Monate in ausländischen Diabeteszentren auszubilden, damit sie ihre Erfahrungen in Österreich weitergeben können.

Ist an ein Zusatzmodul "Diabetologie" im Sinne eines Ärztekammerdiploms gedacht?

Pieber: Der Ausbildung und der Qualitätssicherung kommt sicherlich eine wesentliche Rolle zu. Mittelfristig wäre ein Zusatzdiplom der Ärztekammer für Diabetologie denkbar. Allerdings ist die Erkrankung so häufig, dass die Behandlung eine breite Grundversorgung darstellen und nicht eine akademische Spezialisierung erfordern soll. In der Steiermark gibt es bereits eine Ärztekammer-"Berechtigung" zur Durchführung von Diabetes-Schulungen. Die Betreuung von Typ-I-Diabetikern gehört allerdings in die Hand von Spezialisten. 

Danke für das Gespräch! 

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