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Innere Medizin 30. Juni 2005

Diabetes mellitus: Möglichkeiten der Prävention

Über die unterschiedlichen Präventionsmöglichkeiten bei Typ-I- und Typ-II-Diabetes sprachen anlässlich der 30. Jahrestagung der Österreichischen Diabetes Gesellschaft (ÖDG) Ende November in Graz Doz. Dr. Raimund Weitgasser, LKH Salzburg, und Prof. Dr. Werner Klaus Waldhäusl, Univ. Klinik für Innere Med. III, AKH Wien.

Typ-I-Diabetes

Die Inzidenz von Typ-I-Diabetes wird in Österreich mit 9-10 pro 100.000 angegeben. Nur 10 Prozent der Neuerkrankungen betreffen Risikogruppen (Gestationsdiabetes, Zöliakie und andere endokrine Syndrome); die restlichen 90 Prozent entstehen spontan. Am Beginn der Erkrankung treffen mehrere Faktoren zusammen: ein genetisches Risiko und Autoantikörper. Können mehr als zwei unterschiedliche Antikörper gefunden werden, so beträgt die Wahrscheinlichkeit für die Entstehung von Typ-I-Diabetes in den nächsten sechs Jahren rund 80 Prozent. Bei solchen Personen wäre eine frühzeitige Intervention erstrebenswert. Alle bisherigen medikamentösen Versuche mit Nikotinamid oder Insulin zeigten in klinischen Studien keinen signifikanten positiven Effekt.

Derzeit beschäftigt sich eine finnische Studie mit der Frage einer frühzeitigen Therapie. 26.000 Kinder wurden gescreent. Bei 2.448 Kindern zeigte sich ein genetisches Risiko für die Entstehung von Typ-I-Diabetes. In dieser Gruppe soll regelmäßig nach Antikörpern gesucht werden. Können solche nachgewiesen werden, kommt nasales Insulin zur Anwendung.

Erste Zwischenergebnisse zeigten einen positiven Zusammenhang zwischen der Größe des genetischen Risikos und der Zahl der gefundenen Antikörper. Über die Wirkung von frühzeitigem Insulin liegen noch keine Ergebnisse vor. Einen klaren Zusammenhang scheint es zwischen Kuhmilchantigenen und der Entstehung von Typ-I-Diabetes zu geben. Bei einer Stilldauer unter drei Monaten erhöht sich das Risiko deutlich. Ein weiterer Zusammenhang besteht zwischen der Menge an aufgenommenem Vitamin D und der Funktion der Inselzelle. Durch Supplementation von Vitamin D konnte eine deutliche Risikoreduktion nachgewiesen werden. 

Auch Viren werden immer wieder in Zusammenhang mit der Entstehung von Typ-I-Diabetes gebracht. Bei entsprechender genetischer Disposition könnte durch Coxsackie oder Rubeolen - bei Letzteren gilt ein Zusammenhang als bewiesen - eine Antikörperbildung induziert werden. Die möglichen präventiven Maßnahmen sind somit derzeit bescheiden. Ein mehr als dreimonatiges Stillen, die Substitution von Vitamin D und eine Rötelnschutzimpfung können empfohlen werden. Neue Hoffnung liegt in besseren Untersuchungen von Angehörigen von Typ-I-Diabetikern und Frauen mit Gestationsdiabetes.

Typ-II-Diabetes 

"Seit Jahrtausenden ist der Zusammenhang zwischen Wohlstand und dem gehäuften Auftreten von Typ-II-Diabetes bekannt", so Waldhäusl. Die deutliche Zunahme der Prävalenz in den vergangenen Jahrzehnten hat bekannte Ursachen. Überernährung und Bewegungsmangel führen bei bestehender genetischer Disposition bekanntermaßen zur langsamen Entstehung eines Typ-II-Diabetes.
Im Rahmen des metabolischen Syndroms nehmen die freien Fettsäuren im Blut deutlich zu. Diese konkurrieren mit Insulin um die Aufnahme in die Fettzelle und zeichnen so für die Entstehung der Insulinresistenz verantwortlich. Als weiterer negativer Effekt der freien Fettsäuren wird eine toxische Wirkung direkt auf die Betazelle vermutet; eine mögliche Erklärung für die langsame Abnahme der Pankreasaktivität beim Typ-II-Diabetes; dem sekundären Insulinmangel.

In dieser langen Zeit durchlaufen die Patienten die Stadien der Insulinresistenz und der gestörten Glucosetoleranz oft völlig unbemerkt. Die Entwicklung der gefürchteten Spätschäden beginnt bereits in diesen Stadien. Bei Diagnosestellung bestehen in den meisten Fällen schon irreparable Schäden an Gefäß- und Nervensystem.

Waldhäusl: "Eine Möglichkeit, einer drohenden Erkrankung zu entgehen, besteht in einer rechtzeitigen Lebensstiländerung. Durch vermehrte körperliche Aktivität, Ernährungsumstellung und Gewichtsreduktion kann die Entstehung eines manifesten Typ-II-Diabetes zumindest hinausgezögert werden." Wie schwierig es ist, die Patienten zu einer Verhaltensänderung zu motivieren, ist jedem Arzt bekannt. Dennoch darf nicht auf Aufklärung und Motivation des Patienten verzichtet werden. Gelingt aber trotzdem keine Veränderung, soll nicht länger als einige Monate gewartet werden. Von einer frühzeitigen Therapie mit Metformin oder Arcabose kann der Patient nur profitieren. 

"Nicht zuletzt auf Grund der hohen Kosten für das Gesundheitssystem muss es unser aller Anliegen sein, diabetische Spätfolgen zu verhindern. Eine Lebensstiländerung ist effektiver als eine medikamentöse Therapie", betonte Waldhäusl. "Die Politiker sollten reagieren, zum Beispiel mit gestaffelten Sozialversicherungsbeiträgen!" 

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