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Innere Medizin 30. Juni 2005

Nateglinide kappt Blutzuckerspitzen

Der neue Glukoseregulator Nateglinide führt zu einem gezielten und kurzdauernden Insulinpeak und wirkt so einem gestörten Glukosemetabolismus entgegen. Doch nur bei 40 Prozent aller Typ-2-Diabetiker wird die Erkrankung durch Bestimmung des Nüchtern-Blutzuckerwertes diagnostiziert, die gefährlichen postprandialen Glukosepeaks bleiben zumeist unerkannt und folglich unbehandelt. 

Durch die zusätzliche Messung des postprandialen Zwei-Stunden-Wertes könnten Diabetiker schon viel früher identifiziert werden.

UKPDS und DECODE

Hauptziel der Therapie beim Typ-2-Diabetiker ist es, die makro- und mikrovaskulären Folgeerkrankungen zu verhindern. Für eine rechtzeitige Intervention ist es daher notwendig, eine möglichst frühzeitige Diagnose zu stellen.

Hat die UKPDS-Studie gezeigt, dass durch eine intensive blutzuckersenkende Therapie die Häufigkeit von kardiovaskulären Komplikationen signifikant zu senken ist, mahnt die DECODE-Studie, sich nicht alleine auf die Bestimmung der Nüchternblutzuckerwerte zu verlassen. 

Wie diese bedeutende Metaanalyse ergab, sind pathologisch erhöhte Blutzuckerspitzen (bei normalem HbA1c-Wert und normalen Nüchternwerten) als ein unabhängiger Risikofaktor für die gesteigerte kardiovaskuläre Mortalität zu betrachten. 

Zudem verdichten sich die wissenschaftlichen Belege dafür, dass die nach Nahrungszufuhr lange anhaltenden, erhöhten Blutzuckerwerte zu einer Schädigung der B-Zellen des Pankreas beitragen und so die Progression der metabolischen Störung fördern. 

Man geht heute davon aus, dass sich das Risiko auf Grund der erhöhten postprandialen Glukosewerte und dem Zusammentreffen weiterer Faktoren potenziert. So kommt dem ebenfalls in dieser Phase veränderten Lipid- und hämodynamischen Parametern eine noch nicht endgültig geklärte Rolle zu.

Nateglinide verstärkt die frühe Insulinantwort

In den letzten Jahren hat in der Therapie des Typ-2-Diabetes ein Umdenken stattgefunden. Man fokussiert heute nicht mehr allein auf die Insulinresistenz, sondern zunehmend auch auf die Tatsache, dass diese Patienten zusätzlich einen Defekt in der frühen Insulinsekretion (z.B. nach einer Mahlzeit oder Glukosegabe) haben. Das bedeutet, dass man für die frühzeitige Behandlung des Typ-2-Diabetikers eine schnelle Insulinfreisetzung benötigt, die postprandiale Blutzuckerspitzen abfangen kann. Mit Nateglinide  steht heute ein neues orales Antidiabetikum zur Verfügung, das gezielt postprandialen Blutzuckerspitzen durch die Freisetzung einer entsprechenden Menge an Insulin aus den B-Zellen entgegenwirkt. 

Medikamenteneinnahme nach Bedarf

Das Medikament unterscheidet sich chemisch und pharmakologisch sowohl von den Sulfonylharnstoffen und Metformin als auch von Repaglinide. Innerhalb weniger Minuten nach oraler Gabe stimuliert Nateglinide für kurze Zeit die Insulinfreisetzung. 

Dabei ist das Ausmaß der Stimulation, die über eine Blockade der K+-ATP-Kanäle der B-Zellen vermittelt wird, abhängig von den bestehenden Glukosekonzentrationen: Mit dem Anstieg des Plasmaglukose-Spiegels steigt auch die Empfindlichkeit für Nateglinide. Bei sinkendem Glukoseangebot wiederum verliert sich die B-Zell-stimulierende Wirkung des Medikaments rasch, was auch der Grund für das geringe Hypoglykämie-Risiko ist.

Nateglinide wird jeweils zu den Mahlzeiten eingenommen, die insulinotrope Wirkung setzt bereits innerhalb von 15 Minuten ein und kehrt rasch wieder in den Ausgangsbereich zurück. 

Im Vergleich zu Plazebo lässt sich durch 120 mg Nateglinide pro Mahlzeit der HbA1c-Wert in Abhängigkeit vom Ausgangswert um 0,6 bis 1,2 Prozent senken. 

Ein besonderer Vorteil für die Patienten ist die mit der "bedarfsgerechten" Medikamenteneinnahme verbundene Flexibilität in der Behandlung. So können Diabetiker den Zeitpunkt ihrer Mahlzeiten frei wählen, ohne Hypoglykämien befürchten zu müssen.

Neben der Therapie beim frühen Typ-2-Diabetes eignet sich Nateglinide auch für fortgeschrittene Stadien der Erkrankung, dann aber zumeist kombiniert mit anderen Antidiabetika. Ein besonders günstiger Kombinationspartner ist Metformin, da sich die Wirkmechanismen beider Substanzen synergistisch ergänzen und ein überadditiver Effekt auf den HbA1c-Wert erzielbar wird.

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