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Innere Medizin 30. Juni 2005

Warum Kinder an Diabetes erkranken

München. Entwickeln Kinder Typ-1-Diabetes, kommen oft schon bis zum zweiten Lebensjahr und lange vor Erkrankung bestimmte Antikörper im Blut vor. Das hat die Früherkennungsstudie "BABYDIAB" ergeben. In der Ergänzungsstudie BABYDIAB II sollen nun frühe Präventionsstrategien zur Verhütung von Diabetes geprüft werden.

Die BABYDIAB-Studie wurde vor elf Jahren begonnen. Bisher sind in Deutschland über 1600 Kinder bei ihrer Geburt aufgenommen worden. Alle haben mindestens ein Elternteil, das an Typ-1-Diabetes erkrankt ist, wie Professor Annette-Gabriele Ziegler vom Institut für Diabetesforschung des Krankenhauses München-Schwabing berichtet hat.

Drei Typen von Inselzellantikörpern

Im Alter von neun Monaten sowie von zwei, fünf, elf und 14 Jahren werden die Kinder routinemäßig untersucht. Mit Blutanalysen hofft man dabei, spezifische Immunphänomene bei den Kindern zu entdecken, bei denen sich später ein Typ-1-Diabetes manifestiert. Bei etwa der Hälfte der Studienteilnehmer überblickt man bereits die ersten zehn Lebensjahre.

Als frühe Indikatoren einer späteren Diabetes-Manifestation ermittelten die Forscher bisher drei Typen von Inselantikörpern: Insulinantikörper, Glutamatdecarboxylase-spezifische Antikörper (GAD-Antikörper) und Tyrosinphosphatase-spezifische Antikörper (IA2-Antikörper). Im Alter von zwei Jahren wurde bei etwa 3,5 Prozent der Kinder mindestens einer dieser drei Antikörper-Typen - meist der Insulinantikörper - gefunden.

Antikörper schon bei Zweijährigen gefunden

Etwas über zwei Prozent der Kinder hatten mit zwei Jahren sogar schon zwei der drei Inselantikörper im Blut. Alle aus diesem Kollektiv entwickelten bis zum zehnten Lebensjahr einen manifesten Typ-1-Diabetes. Dagegen blieben alle Kinder, die bis zum zweiten Lebensjahr noch keinen dieser drei Antikörper im Blut hatten, bislang von einem manifesten Diabetes verschont.

Die Prognose der zweijährigen Kinder mit nur einem Antikörper hängt offensichtlich davon ab, ob in den nächsten Monaten bis Jahren ein zweiter Inselantikörper hinzutritt. Wenn ja, haben sie ein hohes, wenn nein, ein niedriges Risiko, bis zum zehnten Lebensjahr Diabetes zu entwickeln, sagte Ziegler beim 36. Schwabinger Symposium der Forschergruppe Diabetes e. V.

Besonders ungünstig scheint die Prognose zu sein, wenn schon mit neun Monaten einer der drei Antikörper nachgewiesen werden kann. Denn nach den BABYDIAB-Daten haben 60 Prozent dieser Kinder im Alter von zwei Jahren zwei oder alle drei Antikörper im Blut und damit ein voraussichtlich hundertprozentiges Risiko, bis zum zehnten Lebensjahr an Diabetes zu erkranken.

Unklar ist bislang, ob die drei Antikörpertypen die Pathogenese zum Typ-1-Diabetes nur anzeigen, oder ob sie kausal daran beteiligt sind. Die Studiendaten belegen jedoch eindeutig, dass der Krankheitsprozess schon lange vor der klinischen Manifestation und meist schon in den ersten beiden Lebensjahren beginnt, sagte Ziegler.

Hinweise auf Umweltfaktoren als mögliche Auslöser eines Typ-1-Diabetes hat die Studie bisher nicht ergeben. Weder beim Stillen noch bei Kuhmilchzufütterung, weder beim Impfen einschließlich gegen Tuberkulose oder FSME, kam es überzufällig häufig zeitgleich zum Auftreten der Inselantikörper. Diese Faktoren scheinen daher keinen Einfluss darauf zu haben, ob die Inselantikörper auftreten.

Präventionsmaßnahmen bei Risikokindern

In der geplanten Ergänzungsstudie soll nun unter anderem untersucht werden, inwieweit bei Kindern mit einer genetischen Risikodisposition für Typ-1-Diabetes durch frühe Maßnahmen zur Prävention das Auftreten der Inselantikörper und der Diabetes verhindert werden können. Zunächst sind hierzu drei Ernährungsmodifikationen vorgesehen, die aufgrund von Hinweisen aus epidemiologischen und tierexperimentellen Studien möglicherweise eine präventive Wirkung haben: Völlige Glutenabstinenz im ersten Lebensjahr mit langsamer Glutengewöhnung im zweiten Lebensjahr sowie eine Vitamin D- und Fischöl-Substitution über die ersten beiden Lebensjahre.

Sollte sich in der geplanten BABYDIAB-II-Studie die frühe Behandlung mit Fischöl und Vitamin D tatsächlich als geeignet erweisen, das Risiko für Typ-1-Diabetes zu senken, könnte ein altes Heilmittel für Kinder zu neuen Ehren gelangen: der Lebertran. Denn der besteht naturgemäß aus Fischöl und enthält außerdem noch hohe Konzentrationen an Vitamin D. Und tatsächlich liegen nach Angaben von Professor Annette-Gabriele Ziegler schon jetzt aktuelle Studienergebnisse aus Schweden vor, wonach das Typ-1-Diabetes-Risiko von Kindern verringert war, wenn ihre Mütter während der Stillzeit und anschließend sie selbst Lebertran bekommen haben.

ÄZ/Werner Stingl, Ärzte Woche 11/2001

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