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Innere Medizin 30. Juni 2005

Musiker: Stiefkinder in der Medizin

Dr. Tatjana Paternostro-Sluga, Oberärztin an der Universitätklinik für Physikalische Medizin und Rehabilitation am AKH Wien, ist Mitglied der 1994 gegründeten "Deutschen Gesellschaft für Musikerphysiologie und Musikermedizin" (Katzenberg 123, D-55126 Mainz, www.dgfmm.org), die selbstlos tätig ist und unmittelbar gemeinnützige Zwecke verfolgt. Das Interesse der Ärztin kommt nicht von ungefähr. Probleme des Bewegungs- und Stützapparates gehören zu ihrem Fachgebiet, und dazu kommt, dass sie selbst mit einem Berufsmusiker verheiratet ist. 

Wie würden Sie den Begriff Musikermedizin umschreiben?

Paternostro-Sluga: Es geht, kurz gesagt, hierbei um die medizinische Betreuung und Prävention von Gesundheitsstörungen, die sich unmittelbar aus der beruflichen Tätigkeit von Musikern ergeben. 

Welchen Stellenwert hat die Musikermedizin in Österreich?

Paternostro-Sluga: In der Öffentlichkeit ist ihr Stellenwert wahrscheinlich nicht so groß wie in Deutschland. Eine österreichische Vereinigung zur Musikermedizin gibt es auch noch nicht, was eigentlich überrascht, weil Österreich doch ein Land ist, in dem die Musik sehr gepflegt wird. 
Für den Musiker hat indes die Musikermedizin eine große Bedeutung. Er ist froh, wenn er einen Mediziner findet, der seine spezielle berufliche Situation zu berücksichtigen weiß. Denn bereits minimale Probleme im Bereich der Hand oder der Finger können bei ihm zu größten Problemen in der Ausübung seines Instrumentalspiels führen. Vom rein medizinischen Standpunkt sind diese Störungen vielleicht als geringgradig einzustufen, sieht man sie allerdings im Kontext der beruflichen Ausübung, muss man sie unter Umständen als hochgradige, vielleicht gar existenzbedrohende Störungen bezeichnen. 

Welche Beschwerden treten vor allem auf?

Paternostro-Sluga: Allgemein gesagt: Vor allem Beschwerden des Stütz- und Bewegungsapparates, Muskelverspannungen, Sehnenscheidenentzündungen, degenerative Veränderungen. Je nach Instrumentengruppe kommt es auch oft zu Störungen in der speziellen Feinmotorik, das heißt, bei den Bläsern ist vor allem der Mund betroffen, bei den Tasten- und Streichinstrumentalisten die Hand.

Welche Instrumentengruppe ist besonders betroffen?

Paternostro-Sluga: Mein persönlicher Eindruck ist - aber ich weiß nicht, ob der auch der statistischen Realität entspricht -, dass die Spieler von tiefen Streichinstrumenten, also Cello oder Kontrabass, weniger Probleme haben als der klassische Geiger. Vielleicht hängt das auch mit deren Sitzhaltung zusammen. Auffallend auch, dass Bläser häufig Beschwerden aufweisen. Allgemein lässt sich vielleicht noch sagen, dass die körperliche Seite des Musikspiels in der Vergangenheit zu wenig beachtet wurde. Heute erkennt der Musiker schon eher den Wert eines Ausgleichsports, um seine Muskeln zu trainieren. Beim Instrumentalspiel ist neben der feinmotorischen Leistung auch die Kraftausdauerleistung gefragt. 

Was mag der Grund sein, dass der Orchestermusiker häufiger über 
Beschwerden klagt als etwa der Jazzmusiker?

Paternostro-Sluga: Aus der Medizin ist bekannt, dass besonders repetitiv-statische Bewegungen belastend wirken. Und hier liegt auch ein Unterschied zum Jazzmusiker: Der Orchestermusiker sitzt lange auf engem Raum und führt häufiger repetitive Bewegungen aus. 

Leiden auch Hobbymusiker unter Beschwerden? 

Paternostro-Sluga: Auch bei Hobbymusikern treten Probleme auf, vor allem dann, wenn sie sich ungeübt in ein Projekt stürzen. In dem Fall kann es zu ganz massiven Überlastungssyndromen kommen. Allerdings kann der Hobbymusiker bei einer Sehnenscheidenentzündung sagen: Na gut, jetzt lege ich erst einmal eine Pause von drei Monate ein und kuriere meine Hand. Das kann sich der Berufsmusiker nicht leisten.

Empfiehlt sich bei ihm im Fall einer Sehnenscheidenentzündung überhaupt eine starre Ruhigstellung? 

Paternostro-Sluga: Nein, zu berücksichtigen ist, wozu der Patient seine Hand braucht. Und der Berufsmusiker braucht sie zur Feinmotorik, daher ziehen wir es bei ihm vor, die Hand mit einer elastischen Binde nur halb ruhig zu stellen und gleichzeitig mit einer antientzündlichen Medikation einzusteigen. 

Wie sehen bei Überlastungssyndromen Ihre üblichen therapeutischen Schritte aus?

Paternostro-Sluga: Am Anfang steht die Schmerzreduktion, sei es medikamentös oder durch lokal-physikalische Therapie. Nach passiven Maßnahmen wie Kälteapplikation, Massage oder Elektrotherapie folgen aktive: 
Der Patient lernt im Rahmen einer Bewegungstherapie, wie er richtig sitzt, wie er seine Muskeln wieder in eine ergonomisch richtige Länge bringt, wie er Bewegungen ordentlich ausführt. Die Maßnahmen gegen den Akutschmerz dauern nicht so lange, vielleicht sieben bis zehn Tage, aber bis der Musiker wieder ein muskuläres Gleichgewicht erreicht, können auch zwei bis drei Monate vergehen. 

Ein ernstes Problem bei Musikern ist auch die so genannte fokale Dystonie. 

Paternostro-Sluga: Die fokale Dystonie war vor 10-15 Jahren gerade deswegen ein ernstes Problem, da sie oft nicht erkannt wurde. Wir haben es hier mit lokalen Bewegungsstörungen zu tun - der Finger oder der Mund macht nicht mehr das, was man von ihm möchte. Es entwickelt sich so etwas wie eine Eigendynamik. Bei Pianisten äußert sich das Problem gerne darin, dass sie den vierten und fünften Finger nicht mehr getrennt anschlagen können. Bläser können ihren Mund nicht mehr entsprechend formen. In der Behandlung gibt es mehrere Ansätze, aber noch kein Mittel zum sicheren Erfolg. Ein Ansatz geht in die Richtung, den überaktiven Muskel mit einem Entspannungsmittel, zum Beispiel Botulinustoxin, gewissermaßen außer Kraft zu setzen, und in dieser Zeit sollte der Musiker das Bewegungsmuster möglichst neu lernen. Die fokale Dystonie ist den neurologischen Erkrankungen zuzuordnen. 

Zur physischen Anstrengung kommt beim Musiker auch die psychische dazu.

Paternostro-Sluga: Die psychische Belastung ist etwas, das jeder Musiker kennt. Jeder hat den Anspruch, das künstlerisch Bestmögliche zu bieten, und insofern steht er immer unter Leistungsdruck, selbst wenn der nicht einmal von außen kommt. Dazu kommt, dass Musiker oft sensible Menschen sind, und diese Kombination Druck und Sensibilität führt oft zu psychischen Problemen. 

Nun gibt es ein großes Angebot an mentalen Unterstützungstechniken, genannt seien nur Feldenkrais-Technik oder Alexander-Technik. Welche ist empfehlenswert?

Paternostro-Sluga: Die Techniken haben alle ein Ziel, nämlich die Körperwahrnehmung zu fördern. Sie haben auch sehr ähnliche Wege, an dieses Ziel zu kommen. Für welche Technik man sich entscheidet, hängt nicht zuletzt von der Persönlichkeit des Lehrers ab. Ich würde nicht sagen, dass das eine oder andere vorzuziehen wäre. Man sollte mit einem beginnen und dann quasi empirisch ausprobieren, ob es einem etwas bringt. 

Mag. Wenzel Müller, Ärzte Woche 38/2002

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