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Innere Medizin 13. März 2006

Training der Muskelkraft schützt vor arbeitsbedingten Erkrankungen

Hauptursache für berufliche Fehlzeiten sind Krankheiten des Skelettes und der Muskulatur. Die wirkungsvollste Strategie dagegen ist die Steigerung der körperlichen Fitness.

23 Prozent aller Krankenstandstage werden durch arbeitsbedingte Erkrankungen (s. Tabelle) verursacht, das sind 8.330.000 Krankenstandstage pro Jahr. Für 9 Prozent (ca. 3,2 Mio. Krankenstandstage) sind Arbeits- und Wegunfälle verantwortlich, anerkannte Berufskrankheiten für 0,02 Prozent der Krankenstandstage, berichtete Dipl.-Ing. Klaus Wittig, Allgemeine Unfallversicherungsanstalt, beim 7. Wiener Forum Arbeitsmedizin Anfang September. Die häufigste Diagnose (42%) für arbeitsbedingte Erkrankungen sind Krankheiten des Skeletts und der Muskulatur (3,5 Mio. Fehltage pro Jahr) vor jenen der Atmungs- (28%) und Verdauungsorgane bzw. psychiatrischen Erkrankungen (je 6%). Wirbelsäulenbeschwerden haben in den letzten Jahren deutlich zugenommen, obwohl gleichzeitig die Arbeitsbelastung reduziert wurde. Mehr als 30 Prozent der Bevölkerung leiden an „Verschleißerscheinungen“ des Bewegungsapparates. „Bei 80 bis 90 Prozent der Patienten kann keine Kausalität zwischen bestimmten Belastungen und dem jeweiligen Befund erhoben werden“, betonte Prof. Dr. Hanns-Peter Scharf, Orthopädische Klinik, Mannheim. Es sei nicht möglich, bestimmte Risikofaktoren zuzuordnen, wenn man von Grenzbereichen wie etwa Untertagbau, Berufsfußballer oder Heben von sehr großen Lasten über 50 Kilogramm absieht. Präventionsprogramme, z.B. im Pflegedienst, mit Rückenschule und Verhaltenstraining, aber ohne Muskelkrafttraining haben zu keinen Unterschieden zwischen Trainierten und Untrainierten geführt. Hingegen haben Programme mit regelmäßigem Muskelkrafttraining sowohl zu einer signifikanten Steigerung der Muskelkraft als auch zu einer signifikanten Abnahme der Krankheitstage geführt.

Arbeitsbedingte Erkrankungen sind „Gesundheitsstörungen, die durch Arbeitsbedingungen ganz oder teilweise verursacht sind bzw. in ihrem Verlauf ungünstig beeinflusst werden können“ (Heuchert, Horst und Kuhn 2001). 23 Prozent aller Krankenstandstage werden dadurch verursacht, das sind 8.330.000 Krankenstandstage pro Jahr.

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Betriebliche Fehlzeiten, gegliedert nach Krankenstandsgründen (Untergrenze der arbeits-
bedingten Erkrankungen auf Basis der physischen Belastungen im Arbeitsleben).

Hohe betriebliche Fehlzeiten

Diese Zahlen präsentierte Dipl.-Ing. Klaus Wittig, Allgemeine Un-fallversicherungsanstalt, beim 7. Wiener Forum Arbeitsmedizin. Er berechnete die betrieblichen Fehlzeiten, indem er auf Basis der Krankenstand-Statistik des Hauptverbandes der österreichischen Sozialversicherungsträger die Zahlen einer deutschen Studie auf Österreich „umlegte“ (Bödeker et al.: Forschungsbericht Fb 946 der Schriftenreihe der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin; Wirtschaftsverlag NW Bremerhaven, 2002). Erfasst wurden alle Fälle, für die eine Arbeitsunfähigkeitsmeldung vorlag, daher fehlen z.B. Kurz-Krankenstände oder Fehlzeiten durch Arztbesuche/Therapien während der Arbeitszeit.

Analyse der Ursachen

Die Analyse der Ursachen für die arbeitsbedingten Krankenstandstage zeigt, dass nicht nur Überlastung, sondern auch Unterforderung krank machen kann. Zwar ist die häufigste Ursache (erwartungsgemäß) Arbeitsschwere/Lastenheben mit 34%, aber bereits an zweiter und dritter Stelle kommen „geringer Handlungsspielraum“ (22%) und „geringe psychische Anforderungen“ (14%). Danach folgen typische „Schädlinge“ wie Vibrationen und Gefahrstoffe (je 11%), gehörschädigender Lärm (5%) und Zwangshaltungen (3%) (s. Graphik). Trotz reduzierter Arbeitsbelastung haben Wirbelsäulenbeschwerden in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Mehr als 30 Prozent der Bevölkerung leiden an „Verschleiß-erscheinungen“ des Bewegungsapparates. „Degeneration ist kein schicksalhafter, sondern ein steuerbarer Vorgang“, betonte Prof. Dr. Hanns-Peter Scharf, Orthopädische Klinik, Mannheim, D. So spiele etwa für die Belastung bzw. Fehlbelastung der meisten Gelenke, z.B. des Knies, der Zustand der Muskulatur eine wesentlich größere Rolle als das Gewicht oder die Achsenstellung. Entscheidender Ansatzpunkt muss deshalb der Aufbau von Schutzfaktoren, und zwar insbesondere die Stärkung der körperlichen Ressour-cen, sein. Funktionelle Leistungs- reserven durch körperliches Training steigern die Leistungsfähigkeit nicht nur in sportlicher Hinsicht, sondern auch in Bezug auf alltägliche Belastungen. Laut Prof. Dr. Gerd-Peter Brüggemann, Inst. für Biomechanik, Deutsche Sporthochschule Köln, gibt es keinen Nachweis dafür, dass mechanische Belastungen zu Wirbelsäulenschäden führen. In eigenen Studien in Bäckerein bzw. Gastgewerbe konnte er keine Unterschiede in der Häufigkeit und Schwere von Bandscheibendegeneration (MRI) an verschiedenen Arbeitsplätzen, das heißt mit unterschiedlicher Belastung, feststellen. Sehr große Unterschiede aber gab es bei den Beschäftigten mit bzw. ohne Rückenschmerzen hinsichtlich ihrer Muskelkraft und Ausdauerleistung.

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Auch Unterforderung kann die Gesundheit beeinträchtigen, ergab eine Analyse der AUVA.

Trainingsfaktor Muskelkraft

Präventionsprogramme ohne Stär-kung der Muskelkraft zeigten keine Wirkung im Vergleich von Trainierten und Untrainierten. Hingegen bewirkten Programme mit regelmäßigem Muskelkrafttraining unter anderem eine signifikante Abnahme der Krankheitstage. Regelmäßiges, richtiges körperliches Training verändert die „Materialeigenschaften“ des Körpers, es kommt zu zahlreichen funktionellen Anpassungsvorgängen. Die Weichteilsäule, welche die Wirbelkörper umgibt, insbesondere die Muskelstränge und die umgebende starke Faszie, entlastet die Wirbel und die Bandscheiben nur dann, wenn sie wirklich vorhanden, d.h. trainiert ist. Sportliche Aktivität und mechanische Belastung führen vor allem bei Jugendlichen zur Erhöhung von Knochendichte und -masse, Athleten zeigen signifikant größere Gelenkflächen. Ehemals sportlich Aktive weisen auch in späteren Lebensjahren eine höhere Knochendichte auf als Nicht-Trainierte.

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