zur Navigation zum Inhalt
 
Innere Medizin 30. Juni 2005

Zwischen Gesundheitsschutz und künstlerischer Freiheit

Es begann damit, dass Dr. Ulrike Preiml einmal in den 80er-Jahren die Bundestheater als medizinische Betreuerin auf einer Tournee in Japan begleitete. Das gefiel ihr, und die praktische Ärztin aus Wien wurde Betriebsärztin, zunächst im Akademietheater, dann ab 1987 in der Wiener Volksoper, wo sie heute noch arbeitet. Wir fragten sie zu arbeitsmedizinischen Problemen im künstlerischen Bereich.

Frau Dr. Preiml, welche Bedeutung hat die Arbeitsmedizin im Theater?

Preiml: Seit 1984 gibt es die Verpflichtung zu einer arbeitsmedizinischen Betreuung, und zwar in jedem Betrieb mit über 250 Arbeitnehmern, so auch im künstlerischen Bereich.
Aber im Unterschied zum produzierenden Bereich sind wir am Theater vor allem noch damit beschäftigt, problematische Arbeitssituationen überhaupt zu erfassen. Bisher galt: Die Kunst steht an erster Stelle. Nun setzt sich mehr und mehr die Sicht durch, dass auch an den Arbeitnehmer zu denken ist.

Kommt es also am Theater immer wieder zu dieser Konfliktsituation: Künstlerische Interessen versus Gesundheitsschutz?

Preiml: Meine Aufgabe ist es in erster Linie, an den Gesundheitsschutz der Arbeitnehmer zu denken, und da ergeben sich in der Tat immer wieder Konflikte mit Regisseuren. Ein typisches Beispiel sind die Bühnenschrägen, die von den künstlerisch Verantwortlichen seit einigen Jahren gerne in den Theatern gebaut werden, und zwar weltweit.
Die Schräge mag in optischer Hinsicht überzeugen, doch sie stellt eine hohe körperliche Belastung für die auf ihr Agierenden dar, für Solisten, den Chor und das Ballett, wobei vor allem die Gelenke betroffen sind. Im Arbeitnehmerschutzgesetz werden Arbeitsflächen, die ständig begangen werden, mit einer Schräge von höchstens 10 Prozent zugelassen. Im Theater gibt es da sicherlich Ausnahmen, weil eben die Bühne in den künstlerischen
Bereich fällt, aber für die Gelenke der dort Arbeitenden ist das genauso schwerwiegend wie für einen Arbeiter in einer ganz anderen Branche.

Wer hat in diesem Fall das letzte Wort?

Preiml: Es ist ein schwieriges Problem. Ich habe als Betriebsarzt im Prinzip nur eine beratende Funktion, letztendlich verantwortlich ist der Arbeitgeber. Bei gravierenden Einschnitten kann auch von Seiten des Arbeitsinspektorats ein Einwand kommen, was auch tatsächlich bei einer extremen Schräge einmal der Fall war, bei der die Chormitglieder regelrecht absturzgefährdet waren.
In der Volksoper ist es nun so geregelt, dass Direktion, technische und künstlerische Leitung und Betriebsarzt bereits im Vorfeld, bei den Bauproben, über das Bühnenbild nicht zuletzt im Hinblick auf die Arbeitssicherheit sprechen.

Welchen Belastungen sind speziell die Orchestermusiker ausgesetzt?

Preiml: Besonders zu schaffen macht den Orchestermusikern die Lärmbelastung. Viele Regisseure wollen den Orchestergraben überbauen, um die Bühne zu vergrößern, und sie bedenken dabei zu wenig, dass der Musiker dann aufgrund der Schallreflexion einer noch höheren Lärmbelastung ausgesetzt ist, weil er unter dem Dach der Bühne spielen muss.
In diesem Fall ist es auch meine Aufgabe, bei den Bauproben gemeinsam mit den Orchesterbetriebsräten und dem Regisseur zu einem Konsens zu kommen, der diese Belastung berücksichtigt.

Ist das Licht ausreichend im Orchestergraben?

Preiml: Das Licht im Orchestergraben ist gegenüber dem Probenraum gedämpfter. Es ist ein Licht, das spotmäßig auf das Notenpult fällt. Der Musiker hat kleine Details, zum Teil auch handgeschriebene Noten zu lesen, und das in einer Arbeitsdistanz, die keine Lesedistanz ist, sie ist also größer als zum Beispiel beim Zeitunglesen.
Meistens verwenden zudem zwei Musiker nur ein Notenpult. Ausreichendes Licht ist also dringend nötig. Wir haben in den letzten Jahren Lichtmessungen durchgeführt und zu dunkle Stellen mit besseren Lampen aufgehellt. Wichtig ist auch nicht zuletzt, dass die
Noten erstens in genügender Größe und zweitens entsprechender Qualität kopiert werden.

Was sagen Sie zur Staubbelastung?

Preiml: Staub ist immer ein Problem im Theater, er wird insbesondere durch starke Bewegung auf der Bühne und durch lange Kostüme in den Orchestergraben geweht. Aber die Musiker klagen eigentlich noch mehr über die raumklimatischen Verhältnisse. Im Winter ist es die Zugluft und im Sommer die große Hitze, die ihnen zu schaffen macht. Wir sind bemüht, durch bauliche Veränderungen und Abdichtungsmaßnahmen Abhilfe zu schaffen.

Die Musiker sitzen stundenlang. Ist hier die Arbeitsplatzergonomie ausreichend berücksichtigt?

Preiml: Es gibt zu den verschiedenen Instrumenten auch verschiedene Stühle. So ist der Stuhl für den Kontrabassisten ein Hochstuhl, weil dieser Musiker ja meist steht, dann aber auch wieder Phasen hat, wo er gerne sitzen möchte. Der Streicher kann auf "seinem" Stuhl bequem so sitzen, dass ein Bein entlastet ist. Wir haben mit den Stühlen, die an die verschiedenen Instrumentengruppen angepasst und in der Höhe verstellbar sind, nun seit 10 oder 15 Jahren eine ganz gute Lösung. Eine wichtige Bedingung war auch zu erfüllen: Die Stühle müssen stapelbar sein, da sie nach jeder Vorstellung gelagert werden. Und da der Orchesterwart nicht jedem Musiker "seinen" Stuhl bei jeder neuen Vorstellung wieder hinstellt, muss dieser mitarbeiten: ihn also jeweils richtig auf seine Körpermaße einstellen und auf seine Bedürfnisse adaptieren.

Mit welchem Arbeitsplatz in der produzierenden Industrie würden Sie den Arbeitsplatz Orchestergraben vergleichen?

Preiml: In der Industrie haben wir einerseits Betriebe, wo eine ähnlich hohe Lärmbelastung über 85 Dezibel vorherrscht, so gesehen ist der Orchester-Arbeitsplatz auch ein Lärmarbeitsplatz. Auf der anderen Seite ist er auch wie ein Büro-Arbeitsplatz zu sehen, denn die Musiker sitzen die meiste Zeit, und das Notenpult weist in etwa die typische Bildschirm-Distanz auf, insofern könnten die Bestimmungen der Bildschirmschutzverordnung durchaus auch auf die Orchestermusiker übertragen werden.
Wir haben es mit einem künstlerisch tätigen Menschen zu tun, der eine hoch konzentrative Arbeit verrichtet, ohne dabei viel Bewegungsmöglichkeiten zu haben, bei teils schlechten raumklimatischen Verhältnissen. Insofern ist auch die Stressbelastung für ihn sehr hoch. Mir fällt im Augenblick gar kein Arbeitsplatz ein, der all die Probleme in dieser Dichte hätte.

Mag. Wenzel Müller, Ärzte Woche 28/2003

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben