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Innere Medizin 30. Juni 2005

Die Allergiker sind im Vormarsch

Insgesamt ist es in den vergangenen Jahren eindeutig zu einer Steigerung der Prävalenz von Erkrankungen des atopischen Formenkreises gekommen. 
Sowohl die atopische Dermatitis, das allergische Asthma sowie immunologische Überreaktionen auf Inhalationsallergene wie Pollen, Tierhaare oder Hausstaubmilben haben sich weltweit in den hochindustrialisierten Ländern während der letzten Jahrzehnte verdreifacht.  Die möglichen Erklärungen für das vermehrte Aufkommen atopischer Erkrankungen sind komplex und werden teils sehr kontrovers diskutiert. Führend ist vor allem die "Hygiene-Hypothese": Danach haben bestimmte Teile des Immunsystems in den Industriestaaten schlicht ihr Betätigungsfeld verloren, bedingt durch den Rückgang parasitärer Erkrankungen wie Wurmbefall. 

Immunsystem sucht sich neues Betätigungsfeld

"Dieser Schenkel der Körperabwehr ist demnach heute quasi ?rbeitslos? Das Immunsystem sucht sich daher möglicherweise ein neues Betätigungsfeld", erklärt Dr. Norbert Reider, Leiter der Allergieambulanz der Universitätshautklinik Innsbruck das zunehmende Allergievorkommen in der Bevölkerung. Darüber hinaus scheinen uns bestimmte Infektionen "abzugehen". In Italien konnte eine Studie aufzeigen, dass das atopische Ekzem im hochindustrialisierten Norden weitaus häufiger zu finden ist als im Süden. Statistisch korreliert dies mit orofaekalen Infekten durch Coli-Bakterien oder Hepatitis A Viren in den südlichen Gefilden. 

Inwieweit andere Infektionen, etwa durch RS-Viren, oder klassische Kinderkrankheiten (Masern, Röteln) beziehungsweise die Impfung dagegen das Atopierisiko beeinflussen, ist umstritten.  "Als Konsequenz daraus auf Impfungen zum Beispiel gegen Masern zu verzichten, ist aber keinesfalls gerechtfertigt und muss strikt abgelehnt werden", betont Reider. Die bekannten Arbeiten der Münchner Allergie-Expertin und Kinderärztin Erika von Mutius zeigen, dass für Kinder, die am Bauernhof - ein, wie man meinen möchte, für Atopiker nicht allzu geeignetes Umfeld - aufwachsen, ein weitaus geringeres Risiko besteht, eine allergische Erkrankung zu entwickeln, als für benachbarte Kinder ohne Bauernhof. 

Als Erklärung hierfür wurden der Endotoxingehalt der Luft (bewirkt möglicherweise die Induktion von "protektivem" IL-12) und die Geflügelhaltung herangezogen.  Wichtig scheint hier auch der Zeitpunkt der Exposition zu sein: "Die Katze von Geburt an schützt eher sogar vor einer Sensibilisierung, später ist sie für ein atopiegefährdetes Kind potenziell riskant", so Reider.
Inwieweit "Umweltgifte" (Rauchen, Industrie, Diesel) für die Entstehung von Allergien mitverantwortlich sind, ist noch nicht ganz geklärt, so Reider. Sie dürften jedoch für atopische Erkrankungen zumindest direkt eher keine Rolle spielen, wohl aber natürlich chronisch-obstruktive Lungenerkrankungen fördern, beziehungsweise bestehende Allergien weiter unterhalten. 

Schützt Umweltverschmutzung etwa?

So zeigte sich etwa, dass knapp nach der Wende bei den Bürgern der ehemaligen DDR die Allergie-rate geringer war, als in Westdeutschland - vermehrter Industrie und weniger Umweltschutz zum Trotz. Aus dem derzeitigen Wissenstand könne, so der Innsbrucker, keine wirkliche therapeutische oder prophylaktische Empfehlung abgegeben werden: "Einseitige oder isolierte Interpretationen sind fehl am Platz." Reider: "Für den betreuenden Allgemeinmediziner ist wichtig zu beachten, dass es auf keinen Fall damit getan ist, vom Betroffenen Blut abzunehmen und den allergologischen Laborbefund für bare Münze zu nehmen." 

Therapie gehört in die Hände von Spezialisten

Die Beurteilung könne nur in Zusammenhang mit einer kritischen Interpretation und dem klinischen Befund ein sinnvolles Bild ergeben. Eine weiterführende Abklärung und therapeutische Maßnahmen gehören in die Hände eines Spezialisten. "Man tut den Patienten nichts Gutes, wenn man auf Grund eines Laborbefundes von gewissen Nahrungsmitteln etwa bei Kindern mit Neurodermitis pauschal abrät." Das unkritische Verschreiben von Diäten sei keine Seltenheit. 

Zudem erschöpft sich, so der Dermatologe, eine antiallergische Therapie nicht mit der Gabe von Antihistaminika. Die Palette reicht von Bestrahlungen mit UV-Licht, der PUVA-Therapie, über moderne Immunmodulatoren (Tacrolimus, Pimecrolimus, Mycophenolat) bis hin zur Gabe von Cyclosporin A oder Immunglobulinen. "Man muss jedoch betonen, dass die Zusammenarbeit mit den niedergelassenen Allgemeinmedizinern gut funktioniert", meint Reider.

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