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Innere Medizin 30. Juni 2005

Allergie: Basis muss solide Diagnose sein

"Die Allergologie ist zu kompliziert geworden, um sie ,nebenbei?zu betreiben", betont Prof. Dr. Werner Aberer, Univ.-Klinik für Dermatologie, Graz. Im Gespräch mit der ÄRZTE WOCHE berichtet der Allergieexperte über den aktuellen Stand der Dinge auf diesem medizinischen Spezialgebiet und warum Heuschnupfen alles andere als ein banales Leiden ist.

Was hat sich auf dem Gebiet der Allergiediagnostik in den letzten Jahren getan?

ABERER: Die Allergie-Diagnostik umfasst und beruht weiterhin auf vier Schritten, die aufeinander aufbauen und sich gegenseitig ergänzen. Dazu gehören Anamnese, Hauttestung, In-vitro-Diagnostik und Provokationsverfahren. Entscheidende Fortschritte gab es bei den IgE-Nachweismethoden. Die Assays mancher - nicht aller - Anbieter sind noch sensitiver sowie besser standardisierbar geworden. "Reine" Allergene stehen in immer größerer Zahl zur Verfügung, und molekularbiologische Techniken stehen an der Schwelle zur Markteinführung.

Problematisch geblieben sind Tests für nicht IgE-vermittelte Reaktionen, was etwa den Großteil der Arzneimittelprobleme betrifft. Bedauerlich ist auch das Ausufern von Testmethoden, die nicht zu klinisch brauchbaren Ergebnissen führen. Erwähnt seien der spezifische Nachweis von IgG auf Umwelt-,"Gifte/Allergene", der Basophilen-Degranulationstest, der Zytotoxizitätstest (etwa für die Amalgamproblematik) oder der Bioresonanz-Test. Für die Hauttestmethodik stehen zum Teil bessere Testsubstanzen zur Verfügung, auch werden die Verfahren laufend verbessert und standardisiert. Gleiches gilt für die Provokationstestungen.

Überragende Bedeutung hat aber weiterhin die Anamnese, die auch die Auswahl der weiteren Testverfahren bestimmt und dementsprechend ein hohes Maß an Erfahrung erfordert. Gerade in diesem Zusammenhang ist es schmerzhaft, dass die Zahl der gut ausgebildeten Allergologen stagniert, wo doch die Patientenzahlen steigen, die Screeningmethoden sensitiver und die Behandlungsmethoden besser werden. Basis muss aber eine solide Diagnose sein.

Wie sieht es mit der Inzidenz von Typ-I-Allergien aus? Man hört immer wieder, dass es hier einen erheblichen Anstieg gegeben hat. Wie ist das zu erklären?

ABERER: Generell ist die Prävalenz allergischer Erkrankungen in Europa hoch und weiter steigend. Im Weißbuch "Allergie in Deutschland 2000" wird der Anstieg als dramatisch bezeichnet. Als Hypothesen für die Zunahme gelten:

  • Zunahme der Allergenexposition gegenüber Aeroallergenen im Außenluft- und Innenraumbereich
  • Auftreten neuer Allergene
  • Allergiefördernde Wirkung von Umweltverunreinigungen
  • Mangel an Toleranz-induzierenden Umweltfaktoren
  • Geringere Stimulation des frühkindlichen Immunsystems, weniger Infektionen, Parasiten, Impfungen etc. ("Urwald"- oder "Hygiene"-Hypothese)
  • "westlicher" Lebensstil

In diesem Zusammenhang muss aber betont werden, dass es derzeit zu problematisch erscheint, auf diesen Hypothesen Vermeidungsstrategien aufzubauen.

Gibt es ein State-of-the-Art-Procedere bei der Behandlung von saisonalen Typ-I-Beschwerden, wie zum Beispiel Heuschnupfen?

ABERER: Die Europäische Akademie für Allergie und Immunologie gibt regelmäßig Consensus-Papiere heraus. Das jüngste aus dem Jahr 2000 (van Cauwenberge et al., Allergy 2000; 55: 116-134) enthält nicht nur das Spektrum der symptomatischen Möglichkeiten mit den jeweiligen Vor- und Nachteilen, sondern auch Maßnahmen zur Prävention, Allergenkarenz und der Immuntherapie. Beeindruckend ist zu lesen, dass für die unterschiedlichen Symptome des Heuschnupfens (von der Rhinorrhoe bis zur Blockade) ganz unterschiedliche Substanzgruppen wirksam sind.

Welche Antihistaminika sind als obsolet zu betrachten?

ABERER: Für die Behandlung von Akutreaktionen sind alle "sedierenden" Antihistaminika als obsolet einzustufen. Neuere Präparate mit der Gefahr der Kardiotoxizität sind überwiegend vom Markt verschwunden (Astemizol, Terfenadin). Nicht- sedierende Präparate ohne Interaktion etwa mit Azolen oder Makroliden sind sehr sichere Produkte und stellen meist das Mittel der 1. Wahl vor den Steroiden, Chromonen, Dekongestantien und Anticholinergika dar.

Ist die Hyposensibilisierung heute immer noch ein Thema und eine tatsächlich kausale Option?

ABERER: Die Hyposensibilisierung muss ein Thema sein. Es handelt sich dabei um die einzige kausale Behandlung der Allergie, und sie allein kann den so genannten "Etagenwechsel" (vom oberen zum unteren Respirationstrakt) sowie die Ausdehnung der Zahl der Sensibilisierungen verhindern. Bei Verwendung entsprechend standardisierter Produkte und der Beachtung der empfohlenen Vorsichtsmaßnahmen ist sie auch als sichere Behandlung einzustufen. Sie verdient einen größeren Stellenwert.

Für welche Patienten ist eine Hyposensibilisierung sinnvoll?

ABERER: Die spezifische Immuntherapie ist primär indiziert bei Insektengiftallergie, allergischer Rhinitis und geeigneten Fällen von Asthma bronchiale in Ergänzung zur Allergenkarenz, der pharmakologischen Therapie sowie zu sonstigen Behandlungsverfahren. Ihre Wirksamkeit wurde prinzipiell nachgewiesen für Pollen, Hausstaubmilben, Insektengifte, Tierepithelien (Katze) und mit Einschränkungen auch für einige Schimmelpilze.

Welche Zukunftshoffnungen haben Sie als Allergologe im Hinblick auf Diagnostik und Therapie?

ABERER: Sowohl diagnostische als auch therapeutische Maßnahmen werden immer besser, die Forschung beginnt Früchte zu tragen. Aber nicht allen Betroffenen kommt dies zugute. Zum Teil ist das Fachwissen nicht ausreichend, denn die Allergologie ist zu kompliziert geworden, um sie "nebenbei" zu betreiben. Allergie-Fachärzte gibt es bei uns aber keine. Zum Teil werden Maßnahmen gesetzt, die keinen Qualitätskriterien standhalten beziehungsweise deren Einsatz sich als unwirksam erwiesen hat: die 1.000 Bioresonanzgeräte in österreichischen Ordinationen dokumentieren nicht den Erfolg der Methode, sondern die Ignoranz der Anwender.

Für die große Zahl der Allergiker wäre es wichtig, dass ihre Krankheit "ernst genommen" wird. Ein Heuschnupfen ist (meist) kein Banalleiden, sondern entspricht einer Grippe, die wochenlang anhält. Quality- of-life-Studien bezeugen den Leidensdruck unter den überwiegend Jugendlichen, die davon betroffen sind. Wir haben heute die Instrumente, mit denen geholfen werden kann. Sie müssen nur korrekt eingesetzt werden.

DR. Gerhard Weigl, Ärzte Woche 17/2001

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