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Innere Medizin 20. Oktober 2005

Abwarten und nichts tun rächt sich später...

Die Prävalenz der Adipositas im Kindesalter ist in den vergangenen Jahren massiv angestiegen. Die ÄRZTE WOCHE sprach am internationalen Adipositas- Kongress in der Wiener Hofburg mit Prof. Dr. Kurt Widhalm, Universitätskinderklinik Wien, über Behandlungsnotwendigkeiten und therapeutische Ansätze der Adipositas.

Ab wann kann man bei Kindern von Adipositas sprechen?
WIDHALM: Die cut-off-points für eine krankhafte Steigerung des Körpergewichtes lassen sich nicht wie beim Erwachsenen durch den Body Mass Index alleine bestimmen. Die österreichische Arbeitsgemeinschaft für Adipositasforschung hat hierzu Leitlinien erstellt. So erfolgt die Beurteilung einer Adipositas im Kindesalter über die Gewichts- perzentilenkurven: Über der 90. Perzentile spricht man von Übergewicht, ab der 97. Perzentile liegt eine Adipositas vor, ab der 99. Perzentile und bei zusätzlichen Co-Morbiditätsfaktoren spricht man von morbider Adipositas. Diese Risikofaktoren können in der Familienanamnese gefunden werden.

Wie sehr hat die Anzahl der adipösen Kinder und Jugendlichen in letzter Zeit zugenommen?
WIDHALM: In Österreich gibt es leider keine entsprechenden epidemiologischen Daten. Man kann jedoch davon ausgehen, dass die Prävalenz übergewichtiger Kinder und Jugendlicher zwischen dem 10. und 18. Lebensjahr bei 10 bis 15 Prozent liegt. Adipös sind etwa drei bis fünf Prozent. Gerade bei einer knapp vor der Pubertät bestehenden Adipositas sind Kinder stark gefährdet, auch als Erwachsener adipös zu bleiben. Hauptursachen dürften die zunehmende Bewegungsunlust, stundenlanges Sitzen vor Fernsehern oder Computern sowie der Konsum hochkalorischer Snacks sein.

Können bereits im Kindesalter Folgeerscheinungen ersichtlich sein?
WIDHALM: Oft wird übersehen, dass bereits ein prämetabolisches Syndrom vorliegt. Zwar ist in den seltensten Fällen ein erhöhter Blutzuckerspiegel festzustellen, eine pathologische Glukosetoleranz kann jedoch bereits bestehen. Diskrete Veränderungen sind oft schon erkennbar - etwa laborchemische Abweichungen wie ein niedriges HDL-Cholesterin oder erhöhte Triglyzeridwerte. Auch psychische und soziale Schwierigkeiten können vorliegen. Probleme im Turnunterricht können auftreten. All dies lässt ein rechtzeitiges Eingreifen notwendig erscheinen.

Wie sollte der Allgemeinmediziner bei Vorliegen der genannten Kriterien reagieren?
WIDHALM: Das Falscheste ist Zuwarten! Denn dies bedeutet für den Betroffenen neben möglichen gesundheitlichen Konsequenzen im späteren Leben, auch kein Problembewusstsein zu entwickeln. Über 90 Prozent der adipösen Kinder und Jugendlichen sind gefährdet, eine Adipositas zu entwickeln. Der Prävention kommt hier die größte Bedeutung zu: Zuerst eine genaue Ernährungsanamnese erstellen, dann regelmäßige Gewichtskontrollen in der Ordination. Eine entsprechende Zusammenarbeit mit Diätassistenten oder Ernährungswissenschaftlern ist von Vorteil. Der Allgemeinmediziner sollte die Möglichkeit von Fortbildungen wahrnehmen. Ideal ist die Diplomausbildung zum Arzt für Ernährungsmedizin, die von der österreichischen Ärztekammer angeboten wird.

Ist das Management der adipösen Kinder in der Praxis effizient möglich?
WIDHALM: Gerade bei stärkerem Übergewicht genügt die Verordnung eines Diätplans nicht. Eine vollständige Änderung der Ernährungs- und meist auch der Lebensgewohnheiten sind oft nicht zu umgehen. Dies bedarf einer kontinuierlichen, intensiven und fachgerechten Betreuung. In den Praxen sollten entsprechende Strukturen zum Management adipöser Patienten geschaffen werden. Patienten mit mäßigem Übergewicht können in der Ordination gut betreut werden. Stark adipöse Kinder sind hingegen eher in entsprechenden Institutionen mit geeigneter Infrastruktur und multiprofessioneller Betreuung gut aufgehoben. Leider sind derartige Einrichtungen in Österreich zur Zeit noch Mangelware. Die zuständigen Gesundheitspolitiker haben noch nicht erkannt, dass Adipositas eine Krankheit ist und einer intensiven Therapie in speziellen Zentren bedarf. In Anbetracht möglicher kostenaufwendiger Folgeschäden wären dies jedoch auch volkswirtschaftlich sinnvolle Investitionen.

Welche groben Ernährungsrichtlinien können den Eltern gegeben werden?
WIDHALM: Umsteigen auf vegetarische Ernährung, einfach ungesättigte Fettsäuren wie Raps- oder Olivenöl und fettarme Milchprodukte. Wichtig ist eine ausgewogene Ernährung. Viele Kinder, denen aus Zeitmangel einfach Geld gegeben wird, um sich selbst Essen zu besorgen, entwickeln rasch ein Übergewicht. Zudem müssen die Voraussetzungen geschaffen werden, dass das Kind die Möglichkeit bekommt, Sport zu betreiben. Eltern müssen die Sensibilität entwickeln, eine Tendenz zur Übergewichtigkeit bei ihren Kindern zu entdecken. Im Bedarf sollte dann rasch professionelle Hilfe von Ärzten oder Ernährungswissenschaftlern angenommen werden.

Dr. Ronny Teutscher, Ärzte Woche 23/2001

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