zur Navigation zum Inhalt
 
Innere Medizin 30. Juni 2005

Dicke Lilly - krankes Kind!

In Europa und den Vereinigten Staaten hat die Prävalenz der Adipositas bei Kindern und Jugendlichen in den letzten zehn Jahren enorm zugenommen. So stieg etwa in Deutschland zwischen 1996 und 2000 die Rate betroffener Mädchen von 6 auf 13 Prozent, bei Buben von 11 auf 20 Prozent an.

Vorläufer einer Fettsucht im Erwachsenenalter

Prof. Dr. Kurt Widhalm, Universitätskinderklinik Wien, wies am 11. Europäischen Kongress für Adipositas in der Wiener Hofburg auf die Bedeutung von Übergewicht in der Kindheit als Vorläufer einer späteren Fettsucht im Erwachsenenalter hin.

Epidemiologischen Untersuchungen zufolge weisen 40 Prozent jener Kinder, die um das siebente Lebensjahr eine Adipositas entwickeln, auch als Erwachsene dieses Krankheitsbild auf. Sieben von zehn adipösen Jugendlichen bleiben im späteren Leben stark übergewichtig. Die vorliegenden Daten belegen die Notwendigkeit einer rechtzeitigen ärztlichen Intervention bereits im jungen Lebensalter.

Über die Ursache der Adipositas im Kindesalter wird noch heftig diskutiert. Zwar existieren eine Menge epidemiologische Daten, diese lassen jedoch lediglich Mutmaßungen anstellen. Dass eine familiäre Prädisposition besteht, dürfte sich bewahrheiten: So leiden ein Drittel der Eltern adipöser Kinder an Fettleibigkeit, 50 Prozent sind zumindest übergewichtig.

Zudem machen die Errungenschaften der modernen zivilisierten Welt gerade vor Kindern nicht Halt: Stundenlanges Sitzen vor TV-Geräten oder Computern, das Konsumieren von hochkalorischen Snacks sowie wenig sportliche Aktivität lassen die Prävalenz der Adipositas stark ansteigen. Dicke Kinder werden dann auch immer träger.

Diät ohne Sport bringt nichts

Als gewichtsreduzierende Maßnahmen kommen moderate Kalorienrestriktion, Verringerung des Fettkonsums, sportliche Aktivität und Verhaltensänderungen, auch im Sinne eines selbstkontrollierten Essverhaltens, in Frage. Widhalm: "Eine Diät ohne physische Aktivität ist nicht zielführend." Zudem haben kurzfristige Gewichtsreduktionen nur selten einen andauernden Effekt. Die Patienten müssen über lange Zeit hindurch geführt und begleitet werden.

Interdisziplinäres Programm

Die Wiener Universitätskinderklinik bietet ein Programm für adipöse Kinder und Jugendliche an, dessen besonderes Merkmal seine Multiprofessionalität ist: Ärzte, Psychologen, Diätassistenten, Physiotherapeuten und Pflegepersonal versuchen im Team, den Betroffenen auf mehreren Ebenen zu helfen.

"Wir behandeln Familien, nicht nur Kinder. Dies scheint aus all dem Wissen, das uns zur Adipositas bei jungen Personen vorliegt, der einzig richtige Weg zu sein", so Widhalm.

Der Erfolg scheint dem Kinderarzt Recht zu geben. Immerhin liegt die Erfolgsrate der Patienten, die dieses Programm durchlaufen, in einem vorläufigen Beobachtungszeitraum von etwa eineinhalb Jahren bei über 80 Prozent. "Wir versuchen die Kinder dazu zu bringen, ihre Essgewohnheiten selbst zu überprüfen", erklärt Widhalm.

"Es muss der Versuch unternommen werden, eine Adipositas so früh als möglich in den Griff zu bekommen", erklärt Widhalm.

Auch Allgemeinmediziner und Schulärzte sind aufgefordert, starkes Übergewicht nicht zu banalisieren: "Die Adipositas in der Kindheit ist eine Erkrankung, und muss daher als solche diagnostiziert und therapiert werden", fordert der Pädiater. Eine entsprechende Schulung und Fortbildung im Bereich der Ernährungsmedizin sollte die erforderliche Sensibilisierung schaffen.

Auch die Etablierung staatlicher Präventions- und Interventionsprogramme scheint sinnvoll, um den Forderungen der WHO gerecht zu werden.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben