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Innere Medizin 30. Juni 2005

Pilzalarm im Darm - ein Hirngespinst?

Ob und wann Pilze im Darm Krankheitssymptome hervorrufen können, wird seit Jahren leidenschaftlich und kontrovers diskutiert. HausärztInnen werden immer wieder mit PatientInnen konfrontiert, die unspezifische Beschwerden in Zusammenhang mit einem intestinalen Pilzbefall bringen und eine entsprechende Diagnostik und Therapie wünschen. Im Umgang mit solchen "mykologischen Problemfällen" ist Fingerspitzengefühl gefordert.

Eine 34-jährige Lehrerin klagt über permanente Müdigkeit. Überdies seien in den letzten Monaten wiederholt krampfartige Schmerzen im gesamten Abdomen aufgetreten. Der Stuhl sei etwas unregelmäßig, von wechselnder Konsistenz, jedoch ohne Blutbeimengungen; keine Gewichtsabnahme. Eine vor einigen Wochen durchgeführte totale Koloskopie habe keinen pathologischen Befund ergeben. Sie habe schon mehrere Ärzte konsultiert, doch keiner habe bisher etwas gefunden.
Ein befreundeter Heilpraktiker habe jetzt ihren Stuhl auf Pilze untersuchen lassen, weil er die klassischen Symptome eines Candida-Hypersensitivitäts-Syndroms erkannt habe. Die Untersuchung sei in einem Pilzspeziallabor erfolgt. Die Kosten würden jedoch nicht von der Krankenkasse erstattet.
Der Heilpraktiker habe ihr dringend eine antimykotische Therapie empfohlen. Sie bittet nun um die Verordnung entsprechender Medikamente.
Diese Kasuistik ist sicher kein Einzelfall, denn das Thema "Pilze im Darm" wurde in den vergangenen Jahren immer wieder von der Laienpresse aufgegriffen - mit der Folge, dass Patienten mit funktionellen Symptomen entsprechend sensibilisiert wurden.
"Das Candida-Hypersensitivitäts-Syndrom ist ebenso wie das Chronic-fatigue-Syndrom oder das Multichemikaliensyndrom ein Hirngespinst, das allenfalls als Variante des Reizdarmsyndroms eingestuft werden kann", so die Meinung von Prof. Dr. Wolfgang Rösch, Facharzt für Innere Medizin mit Zusatzbezeichnung Gastroenterologie und Chefarzt der Medizinischen Klinik am Krankenhaus Nord-West in Frankfurt, im Rahmen des deutschen Internistenkongresses in Wiesbaden.
Es handele sich laut Rösch um eine Modekrankheit, bei der alle möglichen Symptome wie Diarrhöen, Obstipation, perianaler Juckreiz, Müdigkeit, Arthralgien, Heißhunger, Potenzstörungen, Haarausfall, Gedächtnis- und Schlafstörungen oder allergische Hautreaktionen auf intestinalen Pilzbefall zurückgeführt würden.
Die Anhänger dieser Hypothese glauben, dass Antibiotika und andere Medikamente, aber auch Nahrungszucker, Alkohol und sonstige Lebensmittel zu einer Störung der Darmflora mit Überwuchern von Candida führen. Die Freisetzung von Candidatoxinen beeinträchtige das Immunsystem und sei Ursache von vielerlei Beschwerden. Einen solchen kausalen Zusammenhang habe man, so Rösch, bisher jedoch nicht nachweisen können.

Wann besteht wirklich ein Behandlungsbedarf?

Bei fast 50 Prozent aller Menschen besiedeln Hefe- und Schimmelpilze den Magen-Darm-Trakt, wobei am häufigsten Candida albicans gefunden wird. Jedoch nur in zirka einem Prozent der Fälle kommt es, so Rösch, zu einer Mykose im eigentlichen Sinne.
Die wichtigste Ursache für eine lokale oder systemische Pilzerkrankung ist eine Immunsuppression, zum Beispiel unter Chemotherapie, bei hämatologisch-onkologischen Systemerkrankungen oder bei HIV-Infizierten.
Weniger als 106 Hefen/g Stuhl haben bei nicht immungeschwächten Patienten keinerlei Krankheitswert und bedürfen keiner Behandlung. Dagegen können bei immungeschwächten Risikopatienten bereits Keimzahlen < 105 Pilze/g Stuhl durchaus klinisch relevant sein und eine Therapieindikation darstellen.
Auch bei multimorbiden alten Menschen kann eine massive Candidose des Darms zu chronischen Durchfällen führen, die auf antimykotische Therapie ansprechen.

Anti-Pilzdiäten sind kulinarischer Sadismus

Durch eine antimykotische Therapie lässt sich nach Rösch eine Pilzkolonisation bei ansonsten gesunden Menschen zwar unter die Nachweisgrenze drücken, doch der Mensch werde nicht "pilzfrei".
Gleiches gelte, so Rösch, für andere Therapieempfehlungen wie Anti-Pilzdiäten, Kolon-Hydrotherapie und Pilzkuren. Solche Empfehlungen hätten mit Evidence-based Medicine nichts zu tun und seien deshalb, da sie jeglicher wissenschaftlicher Grundlage entbehrten, unseriös.
Auch stiegen nach einer solchen Therapie die Pilzzahlen bei immungesunden Patienten wieder rasch auf ihren Ausgangswert an. Deshalb sollte eine Eliminierung der Pilze aus dem Darm gar nicht angestrebt werden. Selbst bei einer vaginalen Mykose, bei der häufig der Verdauungstrakt als Ausgangspunkt angeschuldigt werde, sei der Effekt einer "Darmsanierung" sehr umstritten.

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