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Innere Medizin 30. Juni 2005

Persönliches Heldentum fehl am Platz

Zwar könne man über das tatsächliche Bedrohungspotenzial des Bioterrorismus unterschiedlicher Meinung sein, dennoch sollte das Gesundheitswesen darauf vorbereitet sein, betonte Prof. Dr. Franz Allerberger, Institut für Hygiene und Sozialmedizin Wien, bei einem "Collegium publicum Extra" über "Biologische Waffen" am 10. November.
Trotz der Vielfalt an Krankheitserregern eignet sich daraus nur ein geringer Teil zum biologischen Kampfstoff, betonte Major Erwin Richter, ABC-Abwehrschule des Österreichischen Bundesheeres (siehe Tabelle). Den terroristischen Einsatz von Viren hält Prof. Dr. Hanns Hofmann, Vorstand des Virologischen Instituts der Universität Wien, für sehr unwahrscheinlich (siehe dazu ÄRZTE WOCHE Nr. 41 vom 21.11., S. 14). Im Spektrum der Bakterien kommen mehrere als Biowaffen in Frage.

Gefahr: Lungenpest

Die Erreger der Pest wurden vor einigen Jahren in Indien von Kaschmir-Terroristen in Aerosolform verbreitet und damit eine Pestepidemie ausgelöst, berichtete Prof. DDr. Wolfgang Graninger, Univ.-Klinik für Innere Medizin, Klin. Abt. für Infektionen und Chemotherapie, Wien. Die gefährlichste Erkrankungsform ist die Lungenpest, die nach einer Inkubationszeit von 2 bis 3 Tagen zu Fieber, Schüttelfrost, Haemoptyse, Dyspnoe, Stridor und Cyanose (Bronchopneumonie) und eventuellem Tod an Sepsis führt. Zur Chemoprophylaxe eignet sich Doxycyclin 1-mal 200 mg, Ciprofloxacin 2-mal 500 mg oder Levofloxacin 1-mal 500 mg.

Auch die Erreger der Tularämie würden sich als biologische Waffen eignen, wobei die Aufnahme der Erreger vor allem über die Atemwege, aber auch über die Augen erfolgt. Nach einer Inkubationszeit von 3 bis 6 Tagen kann es zu Fieber, Myalgie, Husten (oder Konjunktivitis) und Pneumonie kommen. Die geeignete Therapie besteht in einer Kombination von Aminoglykosiden und Doxycyclin.

Botulismustoxin

Die tödliche Dosis von Botulismustoxinen liegt bei nur 100 Nanogramm. Glücklicherweise ist die geeignete Verbreitung nicht so leicht, wie das erfolglose U-Bahn-Attentat der japanischen Aum-Sekte gezeigt hat. Nach einer Latenzzeit von Stunden bis 6 Tagen treten Doppelbilder, Ptosis, Schluckbeschwerden, absteigende Paralyse der Skelettmuskulatur und Atemlähmung auf. Therapeutisch ist die Beatmung und Verabreichung von Antitoxin wichtig.
Um eine Gruppe von Personen nur vorübergehend außer Gefecht zu setzen und für etwa zwei Wochen zu immobilisieren, kann Staphylokokken-Enterotoxin verwendet werden. Drei bis 12 Stunden nach Inhalation kommt es zu Fieber, grippeartigen Symptomen, Dyspnoe, Husten und eventuell Durchfall.

Relativ leicht erhältlich und in großen Mengen produzierbar ist der Erreger des Milzbrandes Bacillus anthracis, der im Sporenstadium Jahrzehnte überleben kann (siehe dazu ÄRZTE WOCHE Nr. 40 vom 14.11., S. 2). Bei frühzeitigem Behandlungsbeginn mit geeigneten Antibiotika ist Milzbrand meist gut behandelbar. Zur Chemoprophylaxe empfiehlt Graninger bei Erwachsenen wahlweise Doxycyclin 1-mal 200 mg, Ciprofloxacin 2-mal 500 mg, Levofloxacin 1-mal 500 mg jeweils täglich, für Kinder Amoxicillin oder Clindamycin. Human-Impfstoff ist derzeit nicht verfügbar.

Stößt man auf verdächtiges Material, z.B. Brief mit weißem Pulver, so rät Graninger, Einmalhandschuhe und eine Feinstaubmaske anzulegen, das Material in einen dichten Plastiksack zu geben, eine lokale Wischdesinfektion mit 0,5% Hypochloritlösung oder Sumades 6,5% vorzunehmen und eine Liste der Personen anzulegen, die mit dem verdächtigen Gegenstand Kontakt hatten.

Diesem Ratschlag konnte sich Prof. Dr. Hannes Pichler vom Wiener Kaiser-Franz-Josef-Spital in keiner Weise anschließen. Für ihn gibt es nur eines: Bei Verdacht auf Kontakt mit gefährlichen Erregern sollte jedenfalls auf persönliches Heldentum und Detektivarbeit verzichtet und unverzüglich die Polizei verständigt werden. "Diese wird zwar in der Regel nicht selbst aktiv, sondern zieht die Spezialtruppe des Bundesheeres, die ABC-Abwehrschule, bei", so Pichler. "Aber das ist dann nicht mehr Ihr Problem." 

Krankheit Übertragung von Mensch zu Mensch Injektiöse Dosis Inkubations zeit Dauer der Erkrankung Letalität Erregungs persistenz Impfschutz (Aerosol- exposition)
Anthrax Nein 8000 - 50000 Sporen 1-6 d 3-5 d Hoch Sehr stabil Vorhanden
Brucellose Nein 10 - 100 Keime 5-60 d Wochen Niedrig Sehr stabil Kein Impfstoff
Pocken Hoch 10-100 Keime 7-17 d 1 Woche Mittel- hoch Sehr stabil Vorhanden
VHF Mittel 1-10 Keime 4-21 d Letal nach 7-16 d Mittel- hoch Relativ instabil Kein Impfstoff
Botulinus Nein
LD50 bei Typ A: 0,00 µg/kg (1-5 d) Binnen 24-72 h letal Ohne Beatmung hoch Über Wochen Vorhanden
Rizin Nein LD50: 3-5 µg/kg (18-24 h) 10-12 d (ing.) hoch   Kein Impfstoff

Dr. Klaus Huber, Ärzte Woche 42/2001

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