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Innere Medizin 30. Juni 2005

Masern werden enorm unterschätzt!

"Obwohl seit nunmehr fast 40 Jahren sehr effiziente und gut verträgliche Impfstoffe gegen Masern zur Verfügung stehen und trotz der Erfolge, die durch diese Impfung bisher erzielt werden konnten, sind die Masern weltweit betrachtet noch immer die Haupttodesursache im Kindesalter", erklärte Prof. Dr. Heidemarie Holzmann vom Institut für Virologie der Universität Wien am 11. Österreichischen Impftag in Salzburg. 

Masern sind keine harmlose Kinderkrankheit, sondern eine gefährliche, durch Impfung vermeidbare Infektionskrankheit. Auch in Österreich, wo keine Mangelernährung herrscht, beträgt die Komplikationsrate etwa 20 Prozent, wobei Otitis media und Pneumonie die häufigsten Komplikationen sind. Besonders gefürchtet sind neurologische Komplikationen wie die postinfektiöse Enzephalomyelitis, die bei einem Viertel der Betroffenen zum Tode führt. Einem Drittel der Überlebenden bleiben schwere Folgeschäden. Holzmann: "Eine seltenere, aber immer tödlich endende Spätfolge einer Maserninfektion ist die subakut sklerosierende Panenzephalitis, die SSPE." 

Da der Mensch einziger Wirt dieses Virus ist, sind die Masern durch Impfung ausrottbar. "Dies ist auch das erklärte Ziel der WHO, die 1984 das Jahr 2000 als Zeitpunkt für die Elimination der Masern festgelegt hatte. Leider wurde dieses Ziel bei weitem noch nicht erreicht", so Holzmann. So wurde die Zahl der Masernfälle im Jahr 2000 noch immer auf 30 bis 40 Millionen geschätzt, die Zahl der Todesfälle auf etwa 777.000. Damit haben Masern-Infektionen im Jahr 2000 noch immer fast die Hälfte der durch Impfung vermeidbaren Todesfälle verursacht. Während durch eine konsequente Impfstrategie auf dem gesamten amerikanischen Kontinent bis zum Jahr 2000 die Masern ausgerottet werden konnten, sind in Österreich, wo der Impfstoff den Kindern kostenlos zur Verfügung gestellt wird, sowie in vielen Ländern Europas die Durchimpfungsraten noch nicht ausreichend hoch, um die Wildviruszirkulation zu unterbrechen. Holzmann: "Ganz im Gegenteil, wir hatten in Österreich seit Beginn der 90er-Jahre eine starke Masernvirus-Aktivität zu verzeichnen, die besonders in den Jahren 1995 und 1996 epidemische Ausmaße erreichte!" 

Da bis zum Jahre 2001 die Masern in Österreich keine meldepflichtige Erkrankung waren, wurde das seit 1993 am Institut für Virologie etablierte freiwillige Masernmeldsystem (MMS), das etwa 8 Prozent der Bevölkerung erfasst, zu einem sehr wertvollen Instrument, das Ausmaß dieser Epidemie abzuschätzen. So ergaben Hochrechnungen - basierend auf dem MMS allein für den Zeitraum von 1993 und 1997 - etwa 28.000 bis 30.000 Maserninfektionen in Österreich, wobei schätzungsweise 5.000 bis 6.000 Erkrankungen mit Komplikationen einhergingen. Die aufgrund der Stichprobe errechneten Inzidenzen lagen 1995 und 1996 bei 129 beziehungsweise 85 Masernfälle pro 100.000 Einwohner und waren somit vom Klassenziel der WHO, eine Inzidenz von <1/100.000 zu erreichen, noch weit entfernt. 

Durchimpfungsrate muss weiter gesteigert werden

Aufgrund von Bemühungen, diese Epidemie durch höhere Durchimpfungsraten in den Griff zu bekommen, aber auch durch die Epidemie selbst wurden die bestehenden Impflücken großteils geschlossen und so ist die Zahl der Masernfälle in den letzten Jahren rapide zurückgegangen. In den vergangenen drei Jahren lagen die Inzidenzen zwischen 3,6 und 2,0 pro 100.000 Einwohner. 

Holzmann: "Allerdings dürfen wir uns noch nicht in trügerischer Sicherheit wiegen, denn wenn es uns nicht gelingt, die Durchimpfungsrate der Bevölkerung weiter zu steigern und auf hohem Niveau zu halten, ist in Österreich, so wie in anderen Industrieländern Europas, alle fünf bis sieben Jahre mit dem Auftreten von neuerlichen Epidemien zu rechnen!" Ziel ist die Erhöhung der Durchimpfungsrate der Bevölkerung auf > 95 Prozent beziehungsweise der 2-jährigen auf > 90 Prozent. Auch die Anzahl der Personen, die eine 2. Masernimpfung erhalten haben, sollte über 90 Prozent liegen. Holzmann: "Die bitteren Früchte der zurückliegenden starken Epidemien ernten wir noch heute. Die vielen Fälle von SSPE, die wir in den letzten Jahren diagnostiziert haben - allein an unserem Institut waren es seit 1997 bereits 8! - sind ein Indikator dafür, dass die Durchimpfungsrate bei uns zu schlecht war." 

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