zur Navigation zum Inhalt
 
Innere Medizin 30. Juni 2005

Lipidsenker-Rückziehung: Experten warnen vor Panik

"Statine sind eine sehr wichtige, wertvolle Arzneigruppe und gehören zu den am besten dokumentierten Medikamenten. Die Herz-Kreislaufsterblichkeit sowie die Reinsult- und Reinfarktrate konnten durch Statine um 30 Prozent gesenkt werden. Weltweit werden 90 Millionen Patienten mit dieser Substanzgruppe behandelt - trotz der nun dramatischen Zwischenfälle sind schwerwiegende Nebenwirkungen selten", betonte Prof. Dr. Fritz Hoppichler, Vorstand der Internen Abteilung des KH der Barmherzigen Brüder, Salzburg, bei einer Pressekonferenz am 14. August 2001 in Wien, anlässlich der Aussetzung der Vermarktung des Cholesterinsenkers Cerivastatin.

In den USA viel höhere Dosierungen als bei uns

Grund für den Vermarktungs-Stopp waren Todesfälle durch Rhabdomyolyse, eine seltene, potenziell lebensbedrohliche Nebenwirkung, die in den USA vor allem in der Kombinationstherapie von Cerivastatin (Lipobay®) mit dem Fibrat Gemfibrozil (Gevilon®) aufgetreten war. Österreichische Experten warnten nun vor Panik.

"Die Kontraindikationen für die Anwendung von Statinen sind im Beipacktext angeführt und an sich allen bekannt", betonte Hoppichler.

Diese Präparate dürften beispielsweise nicht bei akuten, schweren Infektionen, Chemotherapie oder in Kombination mit Antibiotika eingesetzt werden. Eine engmaschige Kontrolle von Muskel-, Leber- und Nierenwerten bei der Einnahme von Statinen ist in Österreich Standard und auch im österreichischen Cholesterinkonsensus "Arznei&Vernunft" verankert. Ebenso wird hier auf die mögliche Gefahr der Kombinationstherapie von Statinen und Fibraten hingewiesen.

Hoppichler: "Die Kombination mit Gemfibrozil wird bei uns praktisch nicht angewendet. Sie ist in den meisten Fällen auch nicht erforderlich, da die Triglyzeriderhöhung durch zusätzliche diätetische Maßnahmen hinreichend kompensiert werden kann. Im Gegensatz zu Österreich ist dieses Präparat in den USA rezeptfrei erhältlich. Von Cerivastatin ist bekannt, dass in den USA oft bis zu dreifach höhere Dosierungen angewendet wurden."

Auch für Prof. Dr. Hermann Toplak, Medizinische Universitätsklinik Graz, ist der Nutzen durch Statine für den Patienten unbestritten: "Studien konnten belegen, dass eine Statin-Therapie nicht nur die Blutfette verbessert, sondern auch die kardiovaskuläre Ereignisrate und Mortalität signifikant senken kann." 10-Jahresdaten bestätigen außerdem die Sicherheit der Substanzen. In Österreich werden etwa 200.000 Personen mit einem der zugelassenen Statine behandelt, davon zirka 14.000 mit Lipobay®.

Toplak: "Nach genauer Recherche konnten bei keinem dieser Patienten schwerwiegende Nebenwirkungen gefunden werden. Nur bei zwei Patienten entwickelten sich im Laufe von mehreren Wochen Muskelschmerzen, die sich nach Absetzen des Medikaments rückbildeten." Etwaige Nebenwirkungen spüren die Betroffenen anfangs wie einen Muskelkater.

"Unerwünschte Arzneimittelwirkungen sind nie ganz vermeidbar", so Mag. Max Wellan, Vizepräsident der Apothekerkammer Wien. Diese müssten jedoch durch vernünftigen Umgang möglichst gering gehalten werden.

Für manche Patienten einzig mögliche Therapie

Doz. Dr. Harald Kritz, Ärztlicher Leiter der Kuranstalt Engelsbad der BVA in Baden bei Wien, sieht ebenfalls die große Patientenverunsicherung: "Es muss festgehalten werden, dass in Österreich bis jetzt schwerwiegende Zwischenfälle vermieden werden konnten, was einerseits auf unsere Ärzte-Fortbildungsaktivitäten, andererseits auf das entschlossene Vorgehen in der Therapie und das Einhalten der Richtlinien zurückzuführen ist."

Keinesfalls dürften Statine als Ersatz für eine Diät gesehen werden. Kritz: "Nur 2,5 Prozent der Bevölkerung bekommen diese teuren Medikamente überhaupt. Für die meisten dieser Schwerst- kranken ist diese Therapie die einzig mögliche, beispielsweise Patienten nach Herzinfarkt oder Schlaganfall. Kritz erinnert auch an sehr junge Menschen mit familiären Hyperlipidämien und sehr hohen Cholesterinwerten, die früher, als es die Statine noch nicht gab, oft schon im Alter von 20 oder 25 Jahren starben.

Patienten, die Lipobay® erhalten, sollten nun auf eines der anderen fünf derzeit in Österreich zugelassenen Statine umgestellt werden. Für eine bestehende Therapie mit einer dieser Substanzen (Atorvastatin, Fluvastatin, Pravastatin, Simvastatin oder Lovastatin) ergibt sich keine Notwendigkeit einer Änderung. Die Experten sind sich einig: "Auf keinen Fall dürfen Patienten die Lipidsenkertherapie ohne ärztliche Rücksprache absetzen, dadurch könnte eine ernste gesundheitliche Gefährdung entstehen ."

Dr. Myriam Hanna-Klinger, Ärzte Woche 29/2001

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben