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Foto: Public Health Image Library  / James Gathany
Wie massiv eine „Niesattacke“ ausfallen kann, ist nicht zu unterschätzen.
 
Innere Medizin 3. Juni 2009

Die kleine Schwester des RS-Virus und andere Verwandte

In den letzten Jahren wurden neue Viruskrankheiten bei Kindern entdeckt.

Sie werden durch Tröpfcheninfektion übertragen, befallen am häufigsten Kinder, machen aber auch vor immunsupprimierten Erwachsenen nicht halt, bei denen sie häufig Atemwegserkrankungen auslösen: das humane Bocavirus (hBoV), das humane Coronavirus NL63 (hCoV) und das humane Metapneumovirus (hMPV).

 

Bislang haben diese neuen Erkenntnisse zwar noch keine therapeutischen Optionen eröffnet, denn Krankheitsbilder und Epidemiologie sind noch unzureichend beschrieben, aber „wir werden sehen, was die Zukunft bringt“, meinte Prof. Dr. Ulrich Heininger, Leiter des Universitätskinderspitals beider Basel (UKBB), bei seinem Vortrag am diesjährigen Pädiatrischen Fortbildungskurs in Obergurgl.

Humanes Bocavirus (hBoV)

Das Humane Bocavirus (hBoV), ein DNA-Virus aus der Familie der Parvoviridae, wurde erstmals 2005 in Schweden beschrieben (PNAS 2005;102:12891). Es wurde aus dem Nasopharynx von Kindern mit Atemwegsinfektionen durch molekulares Screening isoliert und ist seitdem in zahlreichen Regionen der Welt nachgewiesen – vor allem bei Kindern.

Das Humane Bocavirus ist – entfernt – mit dem Parvovirus B 19 verwandt. Sein Spektrum (siehe Kasten ) sind Atemwegsinfektionen oder Gastroenteritis, die sehr oft gemeinsam auftreten. Ein vermehrtes Vorkommen findet sich bei Immundefizienz. Der Nachweis erfolgt durch PCR (Polymerase Kettenreaktion) aus dem Nasopharynx.

Übertragen wird hBoV durch Tröpfcheninfektion. Der Altersgipfel liegt unter zwei Jahren, und es ist ein sehr weit verbreitetes Virus. Es dürfte durch die Ansteckung zu einer partiellen Immunität kommen. Es findet sich keine Saisonalität. „Wir finden hBoV häufig als Ko-Infektion mit anderen Viren und – wichtig – als Atemwegserkrankung bei immunsupprimierten Erwachsenen“, erklärte Heininger. „Ein diagnostisches Dilemma ist die Viruspersistenz: Es dürfte auch viele gesunde Träger geben.“

Humanes Coronavirus NL63 (hCoV)

2004 wurde in den Niederlanden das Humane Coronavirus NL63 erstmals beschrieben und aus dem Nasopharynx von Kindern mit Atemwegsinfektionen isoliert (Nature Medicine 2004;10:368). Es ist ein RNA-Virus und ähnlich dem SARS-Virus. „Seit der Erstbeschreibung wurde es ebenfalls in zahlreichen Regionen der Welt mittels PCR nachgewiesen, vor allem bei Kindern“, beschrieb Heininger einen anderen Neuzugang unter den Viren. Das Humane Coronarvirus ist verwandt mit zahlreichen anderen Coronarviren. „Vom Spektrum her sehen wir vor allem Atemwegsinfektionen, wie Wheezing, Bronchiolitis und Krupp-Syndrom“, berichtete Heininger. Die Symptome sind geringer ausgeprägt als beim RS-Virus (Respiratory Syncytial Virus), es findet sich auch seltener – in sechs Prozent der Fälle – bei unteren respiratorischen Infekten, beim RS-Virus hingegen in 50 Prozent.

Auch das hCoV wird durch Tröpfcheninfektion übertragen. Der Altersgipfel liegt bereits im Säuglingsalter. Es besteht eine Winter-Saisonalität, und in 50 Prozent kommt es zu einer Ko-Infektion mit anderen Viren. Auch dieses Virus findet sich als Auslöser für Atemwegserkrankungen bei immunsupprimierten Erwachsenen, wie Heininger betonte.

Humanes Metapneumovirus (hMPV)

Als die „kleine Schwester des RS-Virus“ bezeichnete Heininger das humane Metapneumovirus (hMPV). Auch dieses wird durch Tröpfcheninfektion übertragen. Im Vergleich zum RS-Virus ist es aber weniger infektiös und hat ein geringeres Potenzial für nosokomiale Übertragung. Der Altersgipfel bei Hospitalisierten liegt zwischen drei und sechs Monaten.

„Bei Erwachsenen finden wir eine ‚Flu-like’-Erkrankung“, ergänzte Heininger. Das hMP-Virus ist klinisch nicht von RS-Virus unterscheidbar. Außerdem weist es tendenziell mildere Verläufe auf. Sehr oft fungiert es jedoch als Trigger für Exazerbationen eines Asthmas.

Am Universitätskinderspital beider Basel wurde das Virus von einem Team um Heininger vor kurzem untersucht. Aspirate aus Nasopharynx von hospitalisierten und ambulanten Patienten wurden dabei mittels Reverse-Transkriptase-PCR getestet. 5.057 Nasopharynxaspirate wurden analysiert: 3.984 auf hMPV und 3.859 auf RSV. Davon waren 1.078 positiv, 198 – also 5 Prozent – auf hMPV und 869 – sprich 23 Prozent – auf RSV.

„Etwas sehr Interessantes ergab sich bei unserer Studie: In einem Winter fanden wir sehr wenige hMPV, dafür viele RSV. Im nächsten Winter hatten wir viele hMPV und weniger RSV. Und wieder einen Winter später wieder wenige hMPV.“ Die Forscher fragten sich daher, ob es einen Zwei-Jahresrhythmus bei den Infektionen geben kann und wurden fündig: „Tatsächlich zeigt sich ein Zwei-Jahresrhythmus, gleich verlaufend in Deutschland und der Schweiz. Dieser Rhythmus findet sich, um einen Winter verschoben, in Schweden. Österreich schlägt in einem anderen Takt: Hier fand sich ein Frühling-Winter-Rhythmus, das heißt: einen Frühling und den darauffolgenden Winter traten viele Infektionen auf, dann im nächsten Frühling und Winter wenige.“

Es sind noch eine Reihe weiterer Fragen zu klären, bis spezielle Behandlungsoptionen für die einzelnen Infektionen entwickelt werden können.

Tabelle:
Humanes Bocavirus (hBoV)
Eine Studie bei 55 Kindern unter fünf Jahren in Frankreich (PIDJ 2008;27:969) zeigt folgende Verteilung der Symptome:
Husten 55%
Rhinitis 33%
Dyspnoe 40%
Pharyngitis 5%
Akute Otitis media 4%
Diarrhö 13%

Von Dr. Karin Reischl, Ärzte Woche 23 /2009

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