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Prof. Dr. Thomas Wascher, Ambulanz für Diabetes und Stoffwechsel, Hanusch Krankenhaus Wien
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Prim. Dr. Rudolf Prager, 3. Med. Abteilung, KH Hietzing Wien

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Prof. Dr. Hermann Toplak, Universitätsklinik für Innere Medizin Graz

 
Innere Medizin 26. Mai 2009

Hypoglykämie: Ein häufig unterschätztes Risiko

Die Unterzuckerung zählt zu den bedeutendsten Nebenwirkungen der Diabetes-Therapie. Drei aktuelle Studien belegen notwendigen Handlungsbedarf.

Diabetiker erleiden im Durchschnitt ein bis zwei leichte Unterzuckerungen pro Woche. Nach 50 Jahren sind dies 2.500 bis 5.000 solcher Hypoglykämien. Dazu kommen noch einmal so viele Hypoglykämien, bei denen die Betroffenen keinerlei Symptome verspüren. Aktueller Anlass für Expertendiskussionen sind drei Diabetes-Endpunktstudien, die eine deutlich höhere Hypoglykämiehäufigkeit in den intensivierten Therapiearmen als in den Vergleichsgruppen ergaben.

 

Hypoglykämie liegt dann vor, wenn der Blutzucker im Kapillarblut geringer ist als 40mg/dl. Generell existiert jedoch keine verbindliche Definition: Wenn ein Diabetiker an hohe Zuckerwerte gewöhnt ist, können bereits bei Blutzuckerwerten von 100mg/dl Symptome einer Hypoglykämie auftreten. Prof. Dr. Hermann Toplak, Universitätsklinik für Innere Medizin Graz, spezifiziert: „Hypoglykämien sind die Schattenseite einer zielwertorientierten Diabetestherapie. Häufigkeit und Schweregrad von Hypoglykämien nehmen ganz offensichtlich mit der Intensität der antidiabetischen Therapie zu. Außerdem ist nicht jede Unterzuckerung mit Symptomen verbunden und die Patienten reagierten zum Teil völlig unterschiedlich auf ein und denselben Blutzuckerabfall. Man kann davon ausgehen, dass Hypoglykämien deutlich häufiger sind, als gemeinhin angenommen.“

In Österreich leiden zur Zeit mehr als 500.000 Menschen an Diabetes. Nicht zuletzt deshalb zählen Komplikationen, die durch Diabetes verursacht werden, zu den häufigsten Todesursachen. Daher empfehlen nationale und internationale Gesellschaften eine strenge Stoffwechseleinstellung und einen HbA1C-Zielwert ≤ 6,5 Prozent.

Hypoglykämie in drei Studien

Die Publikation dreier kardiovaskulärer Endpunktstudien sorgt seit kurzem für Diskussionen:

  • Bei ACCORD (10.251 Patienten) zeigte sich, dass mehr Patienten mit einer intensivierten Therapie verstarben als mit der Standardtherapie (257 versus 203 Patienten). Es konnte kein signifikanter Effekt in Bezug auf kardiovaskuläre Ereignisse gefunden werden.
  • Die Ergebnisse der ADVANCE-Studie (11.140 Patienten) belegen, dass durch eine mittlere HbA1C-Senkung von 7,5 Prozent auf 6,5 Prozent keinerlei Reduktion der makrovaskulären Ereignisse oder der Mortalität erreicht werden konnte.
  • Bei VADT (1.791 Patienten) konnte kein signifikanter Effekt der HbA1C-Senkung von 9,4 Prozent auf 6,9 Prozent hinsichtlich dem Auftreten von makrovaskulären Ereignissen oder Tod festgestellt werden.

In allen drei Studien war die Hypoglykämiehäufigkeit in den intensivierten Therapiearmen deutlich höher als in den Vergleichsgruppen. Vor dem Hintergrund dieser Ergebnisse traf sich ein österreichisches Expertenteam, um aktuelle Erfahrungen zum Thema Hypoglykämie und deren Risiken auszutauschen.

Mögliche Risikofaktoren für das häufige Auftreten von Hypoglykämien sind fortgeschrittene Diabetesdauer, autonome Neuropathie, diabetische Nephropathie und ein tiefer HbA1C-Wert. In vielen Fällen spielt die reduzierte oder fehlende Hypoglykämiewahrnehmung der Patienten eine Schlüsselrolle. „Mit zunehmender Diabetesdauer nimmt die Fähigkeit des Organismus zur Gegenregulation auf einen Blutglukoseabfall immer mehr ab“, betont Prof. Dr. Thomas Wascher, Ambulanz für Diabetes und Stoffwechsel im Krankenhaus Wien. „Erschwerend kommt noch hinzu, dass mit fortschreitender Diabetesdauer Hypoglykämien von Betroffenen immer schlechter bis schließlich gar nicht mehr wahrgenommen werden können.“

Risikofaktoren berücksichtigen

In der modernen Diabetes-Therapie raten Experten daher, Hypoglykämien möglichst zu vermeiden. Nutzen und Risiken einer intensivierten Blutzuckersenkung sollten dabei mit Rücksicht auf die individuelle Situation des Patienten abgewogen werden. Faktoren wie Alter, Hypoglykämierisiko, Diabetestyp und -dauer sowie das Vorliegen kardiovaskulärer Erkrankungen müssen in die Festlegung der HbA1C-Zielwerte einfließen.

Prof. Dr. Rudolf Prager von der 3. Medizinischen Abteilung im Krankenhaus Hietzing resümiert: „Hypoglykämien gehören zu den gefürchtetsten Begleiterscheinungen der Diabetestherapie und haben nicht nur erheblichen Einfluss auf die Lebensqualität der Patienten, sondern auch auf die Qualität der Blutzuckereinstellung. Bei erhöhtem Risiko für Unterzuckerungen – z.B. bei älteren Patienten oder lang fortgeschrittener Diabetesdauer – müssen Hypoglykämien durch Aufklärung und Schulung der Patienten, aber auch durch Medikamente bzw. Therapieformen mit möglichst geringem Hypoglykämiepotenzial weitgehend vermieden werden“.

Quelle: MSD Fachpressegespräch „Hypoglykämie“, April 2009, Wien

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