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Innere Medizin 3. Mai 2012

Nicht jede schmerzende Zehe ist Gicht

Wichtig ist die Abgrenzung zur infektiösen Monoarthritis.

Bei einer Podagra denkt fast jeder an Gicht. Doch gerade beim ersten Anfall manifestiert sich eine Gicht gar nicht selten auch an anderen Gelenken. Umgekehrt ist nicht alles, was nach einem Gichtanfall aussieht, auch wirklich einer. Im Zweifel punktieren!

 

Auch in Zeiten der modernen Bildgebung sei ein Gichtanfall in erster Linie eine klinische Diagnose, betonte Prof. Dr. Bernhard Manger vom Universitätsklinikum Erlangen bei einer Veranstaltung. „Bei einem typischen Gichtanfall ist die klinische Diagnose ausreichend, um eine Behandlung zu beginnen“, so der Experte.

Typisch sind hochakute Schmerzen an einem Einzelgelenk, die innerhalb von zwölf Stunden ihr Maximum erreichen. Häufig wachen die Patienten mit Schmerzen auf und ertragen kaum die Bettdecke über den Füßen.

Dieser akute Verlauf grenzt die Gicht von anderen rheumatischen Erkrankungen ab. „Typisch ist auch eine ausgeprägte Rötung des Gelenks, die in der Rheumatologie sonst sehr selten ist“, sagte Prof. Dr. Stefan Schewe aus München-Gräfeling.

Die Dauer des Anfalls lasse ebenfalls gewisse Rückschlüsse zu, so Schewe. Ein Gichtanfall dauere einige Tage, selten auch mal bis zu zwei Wochen. Schübe anderer rheumatischer Erkrankungen dauerten dagegen eher länger: „Eine Arthritis, die drei bis vier Wochen anhält, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit kein Gichtanfall.“

Wer als Arzt beim Gichtanfall zu sehr auf das vermeintlich typische Großzehengrundgelenk fixiert ist, kann diagnostisch Schiffbruch erleiden. Gerade beim ersten Gichtanfall sei nur bei etwa jedem zweiten Patienten die Großzehe betroffen, erläuterte Schewe.

Akuter Gichtanfall oder infektiöse Monoarthritis?

Immerhin jeder vierte erstmals auftretende Gichtanfall manifestiere sich am Sprunggelenk, ebenso viele am Knie. Bei jedem sechsten Patienten ist der Mittelfuß Schauplatz des ersten Gichtanfalls. Patienten, bei denen die Gicht nicht an der Großzehe manifest wird, machen noch immer häufig lange Odysseen durch, bevor die Diagnose gestellt wird.

Prof. Dr. Wolfgang Schmidt von der Rheumaklinik Berlin-Buch berichtete von einem aktuellen Patienten, der wegen als rheumatoide Arthritis fehlgedeuteten Beschwerden in mehreren Fußgelenken zehn Jahre lang mit Kortikoiden therapiert wurde.

Umgekehrt kann eine scheinbar typische „Gicht“-Manifestation im Bereich der Großzehe aber auch auf eine falsche Spur führen. Wenn ein älterer Mensch nach einer Feier mit akuten Schmerzen im Großzehengrundgelenk vorstellig wird, dann kann das natürlich ein Gichtanfall sein. Gedacht werden muss allerdings auch an eine reaktivierte Arthrose: „Nicht jede Großzehe, die wehtut, ist automatisch Gicht“,so Schmidt.

Wichtig ist die Abgrenzung des akuten Gichtanfalls von der infektiösen Monoarthritis. Verletzungen weisen hier häufig den diagnostischen Weg. Wenn auch nur geringste Zweifel bestehen, ist eine Punktion zwingend erforderlich. Intrazelluläre, nadelförmige Kristalle, die in der Polarisationsmikroskopie das Licht doppelt brechen, sind beweisend für einen Gichtanfall. Sie beweisen aber nicht zwangsläufig, dass keine Infektion vorliegt. „Eine mikrobiologische Untersuchung ist bei Punktionen aber Pflicht“, so Manger.

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