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Foto: Archiv
Prof. Dr. Günther Gastl Klinische Abteilung für Hämatologie und Onkologie, Medizinische Universität Innsbruck
 
Innere Medizin 7. Mai 2009

Umkämpfte Onkologie

In kaum einer anderen Disziplin gibt es so viele Überschneidungen.

Neuer Onkologie-Facharzt ante portas: Der internistische Onkologe soll als zentraler Kompetenzpartner aufgebaut werden.

 

Da die Onkologie ein Teilbereich vieler medizinischen Fachrichtungen ist, führt die Spezialisierung zwangsläufig zu Kompetenzstreitigkeiten. Die Ärzte Woche sprach mit dem amtierenden Präsidenten der Österreichischen Gesellschaft für Onkologie und Hämatologie (ÖGHO) Prof. Dr. Günther Gastl über ein sinnvolles Management der Tumorpatienten.

 

Welche Aufgaben erwarten Sie als amtierender Präsident der ÖGHO?

GASTL: Ein wesentlicher Punkt ist sicher, unsere Rolle als internistische Onkologen zu kommunizieren. Sowohl gegenüber unseren Patienten als auch Spitalsträgern und Vertretern der Gesundheitspolitik. Als Moderatoren in den Tumorboards sehen wir unsere Aufgabe als Koordinationszentrale im Rahmen eines interdisziplinären Patientenmanagements bei Krebserkrankungen.

 

Diese Rolle ist allerdings nicht unumkämpft…

GASTL: Das Feld der Onkologie ist extrem umkämpft. Es bedarf jedoch noch einiger struktureller Umstellung, bis die krebsmedizinische Versorgung zufriedenstellend gelöst werden kann. Wenn es um die klinischen und gesundheitspolitischen Fragen geht, wollen wir wesentlich mitbestimmen und uns stärker in die Diskussionen einbringen.

Wir treten dabei als Gesellschaft für eine stark zentrumsorientierte Onkologie in Form von Tumorzentren ein. Schließlich handelt es sich bei der Krebsmedizin um eine hochspezialisierte und multidisziplinäre Medizin. Ein Forcierung von reinen Organzentren würde hingegen einen höheren strukturellen und personellen Aufwand mit der Gefahr von Doppelstrukturen und eine Unterversorgung in peripheren Krankenhäusern bedeuten. Im Rahmen einer zentralisierten und interdisziplinären Onkologie kann Kernkompetenz auch in peripheren Krankenhäusern gesammelt und in den Tumor-Konferenzen kommuniziert werden.

 

Wie sieht es mit dem Facharzt für Hämatologie und Onkologie aus?

GASTL: Die Ausbildung für das Fachgebiet der internistischen Onkologie und Hämatologie wandelt sich. Tatsächlich soll ein eigener Facharzt als Sonderfach etabliert werden. Mit der Ausbildung von insgesamt acht Jahren orientieren wir uns an der European Haematological Association (EHA) und der Europäischen Gesellschaft für Medizinische Onkologie (ESMO), die gemeinsam mit dem amerikanischen ASCO ein globales Curriculum einführen. Unsere Mitarbeiter werden nach internationalem Standard ausgebildet. 2010 wird diese Ausbildung starten.

 

Wie sieht es mit den bereits in Ausbildung stehenden Kollegen aus?

GASTL: Natürlich sollen hier nicht zwei Klassen von Onkologen geschaffen werden. Die Kollegen, die sich zurzeit in Ausbildung befinden, können nach altem Lehrplan das Additivfach erwerben, basierend auf dem Sonderfach Innere Medizin. Es wird eine mehrjährige Übergangsphase geben, um die Zulassung für Sonderfächer Hämatologie und internistische Onkologie zu bekommen. In Zukunft wird es nach den aktuellen Plänen der Österreichischen Ärztekammer die Sonderfächer Hämatologie und Onkologie mit einer dreijährigen Basisausbildung in Innerer Medizin geben.

 

Wird es Änderungen innerhalb der Gesellschaft geben?

GASTL: Um die Fachgesellschaft weiter zu professionalisieren und unsere Ziele besser umzusetzen, wird eine Geschäftsführung etabliert werden. Derart gerüstet, können wir uns auch vermehrt der Forschungsförderung widmen. Da diese in Österreich eher rückläufig sind, müssen wir uns bemühen, vor allem auch die translationale und klinische Forschung öffentlich zu unterstützen. Wir wollen gemeinsam mit anderen Fachgesellschaften eine öffentliche Unterstützung anstreben, da wir sonst Gefahr laufen nur mehr industriegesponserte Forschung betreiben können.

 

Was zeichnet den internistischen Onkologen aus?

GASTL: Der internistische Onkologe kann im engeren Sinn eine für den Betroffenen ganzheitliche Betreuung anbieten. In fünf bis zehn Jahren wird die Hälfte der onkologischen Patienten über 70 Jahre sein. Davon werden etwa 80 bis 90 Prozent komorbid sein. Da wir auf einer internistischen Grundausbildung aufbauen, sind uns solche meist internistischen Begleiterkrankungen vertraut. Aus diesem Grund wird in Zukunft dem internistischen Onkologen ein weit höherer Stellenwert eingeräumt werden. Vor allem in Hinblick auf die medikamentöse systemische Therapien besitzen wir maximale Expertise und Betreuungskomptetenz. Die Kernkompetenz anderer Fächer, wie etwa in der Gynäkologie liegt vor allem im chirurgisch-onkologischen Bereich.

 

Welchen Stellenwert nimmt die komplementäre Medizin ein?

GASTL: Die Komplementärmedizin hat durchaus einen Stellenwert in der supportiven Krebsmedizin. Allerdings sollte sie nicht als Alternativmedizin verstanden werden, sondern nur in Symbiose mit den etablierten Methoden. Von der Schmerztherapie über die psychische Unterstützung, dem verbesserten Infektionsschutz und der höheren Lebensqualität lässt sich eine Reihe von komplementären Therapiemaßnahmen durchführen. Natürlich gibt es eine große Grauzone hinsichtlich der Effizienz. Leider schütten oft auch Schulmediziner das Kind mit dem Bade aus, wenn sie über den Kamm alle komplementären Ansätze ablehnen.

 

Was lässt sich hinsichtlich der Lebenserwartung und -qualität sagen?

GASTL: Die Onkologie ist ein sehr heterogenes Feld. Tendenziell steigt die Lebenserwartung unserer Patienten. Vor allem das kurative Potenzial der modernen Krebsmedizin nimmt deutlich zu. Einerseits lassen sich die Tumore durch die modernen bildgebenden Verfahren weitaus früher und besser diagnostizieren. Zum anderen können wir im medikamentösen Bereich auf große Fortschritte vor allem auf dem Gebiet der molekuar-gezielten Therapieverfahren verweisen. Im Bereich der chirurgischen Krebstherapie sind wir mit minimal invasiven OP-Methoden und organerhaltenden Verfahren bereits auf einem hohen Level angelangt. Auch die neoadjuvanten und adjuvanten Therapiekonzepte haben die Erfolge der Krebschirurgie verbessert. Im Hinblick auf palliative Erkrankungen werden wir in Zukunft bei einer Reihe von Tumorerkrankungen den Zustand einer „chronic disease“ erreichen. Dies bedeutet für viele Patienten zwar kein Kuration aber bei guter Lebensqualität eine annehmbare Lebenserwartung. Die Verbesserungen gelten dabei sowohl für hämatologische Erkrankungen, als auch für solide Tumore. Neue Designer-Medikamente können bei seltenen Erkrankungen wie z.B. GIST-Tumoren ein Überleben von fünf bis zehn Jahren bei guter Lebensqualität ermöglichen. Die molekulare Diagnostik bietet zusätzliche Chancen. Denn was wir heute als eine Tumorentität sehen, kann in Zukunft als molekular heterogen klassifiziert und gezielter therapiert werden. So ist in der Perspektive eine personalisierte Form der Krebsmedizin zu entwickeln.

 

Das Gespräch führte Dr. Ronny Teutscher

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