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Abb. 1: Die erreichte hohe Durchimpfungsrate ist erfreulich, soll aber aktiv weiter angestrebt werden.
 
Innere Medizin 30. April 2009

FSME in Österreich – Bilanz 2008

Infektiologie / Intensivmedizin

Mangelndes Risikobewusstsein und unzureichender Impfschutz sind für den Anstieg der Erkrankungszahlen verantwortlich.

Wie eine Expertenrunde im Jänner in Wien berichtete, war 2008 eine Steigerung der Fallzahlen bei Patienten mit Frühsommer-Meningoencephalitis (FSME) zu beobachten. Die Analyse der Ursachen und eine Darstellung der Konsequenzen, die daraus zu ziehen sind, waren Gegenstand einer Presseveranstaltung.

 

Univ.-Prof. Dr. Franz Xaver Heinz, Vorstand des Instituts für Virologie der Medizinischen Universität Wien, referierte über die epidemiologische Situation in Österreich. Das Institut für Virologie der Medizinischen Universität Wien erfasst als Referenzzentrale für FSME in Österreich die jährlichen FSME Fälle in Zusammenarbeit mit den Hygiene-Instituten der Medizinischen Universitäten Graz und Innsbruck und präsentiert das Ergebnis dieser Arbeiten.

 

2008 wurden in Österreich insgesamt 86 FSME Fälle registriert. Das sind zwar, so Heinz, wesentlich mehr Fälle als 2007 (46 Erkrankte), allerdings sind solche Schwankungen für die FSME typisch und wurden auch in der Ära vor Einführung der FSME Impfung beobachtet. Tirol nimmt erstmals seit der Erfassung der FSME Fälle in Österreich mit 20 in diesem Bundesland Hospitalisierten Platz eins der Erkrankungsstatistik ein, gefolgt von Kärnten und der Steiermark, ex aequo, mit je 17 Fällen. An dritter Stelle steht Oberösterreich mit 14 Fällen.

 

Bereits ab dem 40. Lebensjahr steigen die Fallzahlen an, überproportional häufig erkranken Personen ab dem 50. Lebensjahr. Eine Besonderheit der FSME Bilanz 2008 ist die Erkrankung einer ungeimpften Graviden, das Neugeborene zeigte jedoch keine Krankheitszeichen. Die Mortalität der FSME beträgt in Europa 0,1 bis 1 Prozent. 2008 war ein Todesfall zu verzeichnen: ein 78-jähriger, ungeimpfter Patient verstarb an den Folgen einer schweren Meningoencephalitis.

Eine bei uns sonst seltene Übertragung des FSME Virus durch nicht-pasteurisierte Milch wurde 2008 in Vorarlberg beobachtet: Sechs ungeimpfte Personen wurden durch den Genuss von Käse, der aus der Milch einer infizierten Ziege hergestellt worden war, mit dem FSME Virus infiziert. Vier dieser sechs Menschen entwickelten auch klinisch eine FSME und mussten hospitalisiert werden. Bemerkenswert ist an diesem Fall, dass die Ziege auf der Alpe Gamp, in einer Seehöhe von 1.564 Metern, von einer Zecke gestochen worden war, wobei man bislang davon ausging, dass Zecken nur in Gebieten bis zu einer Seehöhe von 1.350 Metern leben können. Neuere Studien weisen aber darauf hin, dass sich Zecken in immer höheren Lagen auch noch vermehren können, und es wird vermutet, dass diese Verschiebungen mit dem Klimawandel zusammenhängen. Neue Infektionsorte, so Heinz, lagen 2008 in alpinen Tälern, wie z. B. im Salzach- und Gasteinertal.

 

„Zecken wandern in immer größere Höhen und verursachen dort auch Infektionen“, fasste der Experte zusammen. Erfreulich, so Heinz, ist die gute Durchimpfungsrate in Österreich: 87 Prozent der Österreicher sind zumindest einmal gegen FSME geimpft worden. Ein Blick in unser Nachbarland beweist den Erfolg unserer FSME-Impfkampagnen: Die Durchimpfungsrate in der Tschechischen Republik beträgt 17 Prozent; entsprechend hoch sind die Fallzahlen dort.

 

Astrid Eßl, Gesundheitsforschung des Instituts für Marktforschung von GfK Austria, berichtete sodann über den FSME Impfstatus der österreichischen Bevölkerung 2008.

 

Die Österreicher sind, wie die Befragung zeigte, mehrheitlich positiv zur FSME Impfung eingestellt, wobei ein leichter Aufwärtstrend in der positiven Bewertung zu erkennen ist, je älter die Menschen werden. Das Risiko, von einer verseuchten Zecke gestochen zu werden, wird zwar in den Bundesländern, wo FSME bereits seit längerer Zeit endemisch ist, realistisch eingeschätzt, weniger gefährdet sehen sich die Menschen in Wien und in den westlichen Bundesländern.

Die Österreicher wissen, so Eßl, dass die FSME Impfung Schutz vor der Erkrankung bietet. Wie die Angaben der rezenten Befragung zeigen, steigen aber die falschen Meinungen im Vergleich zu 2007 leicht an: „Gebiete mit Zecken meiden“, „Zecken sofort entfernen“, „FSME Impfung unmittelbar nach dem Biss“ sowie „homöopathische Mittel“ werden als probate Mittel angeführt, einer FSME Infektion vorzubeugen bzw. therapeutisch zu begegnen. Vor allem die Ungeimpften vertraten 2008 diese Meinungen: So denken 58 Prozent der ungeimpften Österreicher, dass es ausreicht, verseuchte Gebiete zu meiden, um einen ausreichenden Schutz zu erlangen.

Der Impfstatus im Bundesländervergleich ist, so Eßl, seit 2001 stagnierend: über ganz Österreich ergibt sich eine Impfrate von 87 Prozent. In der Zeitreihe 1995 bis 2008 zeigt sich seit 2001 ein gleichförmiges Bild (86 bis 88 Prozent).

 

Bei den Altersgruppen zeigt sich, dass Kinder ab dem Eintritt in den Kindergarten zu 85 Prozent geimpft sind. Vor dem Kindergartenalter (0 bis 3 Jahre) waren 2008 63 Prozent der Kinder geimpft. Die Impfrate bleibt durch alle Altersgruppen bis 60 Jahre etwa gleich hoch, zwischen 85 und 94 Prozent, ab dem Alter von 60 Jahren beginnt der Impfstatus wieder schlechter zu werden. Hier bricht auch das Impfverhalten ein: von den 60 bis 69-Jährigen sind 65 Prozent nicht korrekt geimpft.

 

Über das Impfschema weiß der Großteil der Österreicher nicht Bescheid: 47 Prozent der Geimpften wissen nicht, wann ihre nächste Impfung vorgesehen ist. Unter den nicht geimpften Österreichern gibt es Personen, die sich gegen FSME impfen lassen wollen (27 Prozent). Davon haben aber 16 Prozent vor, dies erst nächstes Jahr zu tun.

 

Univ.-Prof. Dr. Erich Schmutzhard, Leiter der Neurologischen Intensivstation der Medizinischen Universität Innsbruck, beschrieb zu Beginn seines Referates das FSME Virus – Virus aus der Familie der Flaviviren, derzeit drei Subtypen bekannt – und dessen Übertragungsmodi und ging sodann auf die klinischen Verlaufsformen der FSME ein. „Bei Frühsommer-Meningoencephalitis ist häufig eine intensivneurologische Betreuung erforderlich“, nahm der Experte vorweg. Der Stich selbst ist anamnestisch häufig nicht eruierbar. Bei etwa 70 Prozent der FSME Patienten manifestiert sich die Erkrankung nach einer Inkubationszeit von fünf bis 12 Tagen mit einem zweiphasischen Verlauf: an eine Prodromalphase, welche von einer kurzfristigen Besserung gefolgt ist, reiht sich ein zweiter Fieberanstieg, der den Beginn der zweiten Krankheitsphase signalisiert. Diese manifestiert sich in 50 Prozent der Fälle als Meningitis, bei bis zu 40 Prozent als Meningoencephalitis und bei zehn Prozent als Myelitis. Es gibt, wie der Experte betonte, keine kausale Therapie der FSME, daher wird ausschließlich symptomatisch behandelt. Die Prognose der FSME ist bei Kindern günstiger als bei Erwachsenen, allerdings wurden in den letzten Jahren auch Berichte über schwere Verläufe bei Jugendlichen publiziert. Meningitiden heilen in der Regel folgenlos aus. Bei etwa 20 Prozent der Patienten mit einer Meningoencephalitis ist mit einer Defektheilung zu rechnen. Myelitiden hinterlassen meist Lähmungen, die sich in der Mehrzahl der Fälle unvollständig rückbilden.

 

Die Letalität der FSME, bezogen auf alle Verlaufsformen, liegt bei 1 Prozent, die Letalität der Encephalitis und/oder Myelitis ist etwa zehnmal höher.

Zuletzt erwähnte Schmutzhard, dass 2008 in Tirol insgesamt 20 Patienten mit FSME stationär aufgenommen worden waren, was einen Höchstwert darstellt. Welche Ursachen dieser Zunahme zugrunde liegen, werden künftige Forschungsprojekte zu klären versuchen. Die Wanderung der Zecken in größere Seehöhen und das veränderte Freizeitverhalten der Menschen sind Parameter, die offenbar eine Rolle spielen.

 

Univ.-Prof. Dr. Michael Kunze griff das Freizeitverhalten auf: Die Finanzkrise führt zu einem veränderten Verhalten der Menschen, auch in der Freizeit. Kostensparende Aktivitäten in der Natur stehen heute höher im Kurs denn je. Dadurch und aufgrund des mangelnden Impfschutzes ist die österreichische Bevölkerung aber der Zeckengefahr verstärkt ausgesetzt. Um ein weiteres Ansteigen der Erkrankungszahlen zu verhindern, darf die Aufklärung über FSME nicht stoppen.

 

Kunze erwähnte sodann einige demographische Trends, denen mit der FSME Aufklärung und -impfung Rechnung zu tragen ist: Menschen in der Altersgruppe 50+ sind heute aktiver denn je und viel in der Natur unterwegs. Diese Altersgruppe war aber 2008 verstärkt von FSME Erkrankungen (56 Erkrankungen von 86 in allen Altersgruppen – das sind mehr als 65 Prozent) betroffen, denn der Aktivität steht kein entsprechender Impfschutz gegenüber.

 

Der gesundheitsgefährdende Trend zur Verlängerung der Impfintervalle setzt sich in allen Altersgruppen fort. Ein Grund dafür, so Kunze, könnte die Unkenntnis des Impfschemas sein, welche auch Frau Eßl bereits erwähnte. Ärzte sollten daher jeden Patientenkontakt dazu nützen, den Impfstatus zu überprüfen und an Impfungen zu erinnern.

 

Da die FSME in Zentraleuropa, aber auch in China, Japan, Kasachstan und anderen GUS Staaten endemisch ist, hat die FSME Impfung auch einen Stellenwert als Reiseimpfung. Während Touristen vor Fernreisen über mögliche Reisekrankheiten gut informiert werden, gibt es nur wenig Information für Europa-Reisende über die Gefährdung durch FSME.

 

Die Tagung der International Scientific Working Group on Tick-Borne Encephalitis (ISW-TBE), welche im Jänner in Wien stattfand und auf die Kunze nochmals hinwies, hat es sich zum Ziel gemacht, in Zukunft intensive Aufklärungsarbeit zu leisten, um Reisende zu warnen, keinenfalls ungeimpft in die europäischen Endemiegebiete zu reisen.

 

Zusammenfassend stellten die Experten fest, dass die FSME Impfung in Österreich zwar bereits eine hohe Durchimpfungsrate hat, dass aber die Veränderungen im Verhalten der Überträger, aber auch im Verhalten der Menschen ins Kalkül zu ziehen sind. Eine weitere intensive Information und Aufforderung zur Impfung ist zu begrüßen.

Quelle: Pressekonferenz, Wien, 17. 2. 2009

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