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Innere Medizin 25. Dezember 2011

Das Leiden der Männer

Hat die Gicht ein Genderproblem?

Der Rheumabegriff ist ein komplexes und heterogenes Gebilde. Sinn und Gehalt können nur aus der geschichtlichen Entwicklung heraus verstanden werden. Die Gicht als eine Krankheit mit „Vergangenheit“ zu bezeichnen ist somit gar nicht so abwegig als man im ersten Augenblick glauben würde, denn wahrscheinlich ist ihre Historie so alt wie jene der Menschheit. Es erstaunt aber, dass das Leiden an der Gicht in der Geschichte nur bei den Männern im Mittelpunkt stand.

Der Begriff Rheuma wird heute als Synonym für alle Beschwerden oder Schmerzen am Stütz- und Bewegungsapparat gebraucht. Die ersten Beschreibungen sind aus heutiger Sicht wohl definierte Krankheitsbilder.

Literarische Zeugnisse gibt es seit 2.000 Jahren. Schon der berühmteste Arzt des Altertums, Hippokrates, hat den akuten Gichtanfall genau beschrieben, Unterschiede in der Lokalisation vermutet, aber auch gemeinsame Ursachen. Thomas Sydenham schilderte 1683 aufgrund eigener Leiden und Erleben die noch heute gültige Symptomatologie des akuten Anfalls. William Cullan beschrieb den charakteristischen Typus des Gichtkranken als robust, wohlgenährt, blutreich und korpulent und von männlichem Geschlecht. 1709 wurden erstmals Kristalle im Gichtknoten identifiziert. Das heutige Konzept der Hyperurikämie als verminderte Harnsäureausscheidung bei gleichzeitig erhöhter Harnsäurebildung wurde Anfang des vorigen Jahrhunderts formuliert.

Historische gichtkranke Männer – wo sind die Frauen?

Die Auswirkungen der Erkrankung wurden schon vor Jahrhunderten von Künstlern erfasst (Dürer, Botticelli, Rubens). Schon damals ist das häufige Vorkommen beim männlichen Geschlecht aufgefallen (vielleicht haben Männer auch mehr über Gelenkbeschwerden geklagt als Frauen, oder besteht bei Frauen eine größere Toleranz gegen akute Schmerzattacken).

Einzigartig und wahrscheinlich unvollständig ist die Liste berühmter Gichtkranker: Alexander der Große, Karl der Große, Heinrich VIII., Kaiser Karl V., Peter Paul Rubens, Wallenstein, Cromwell und Friedrich der Große von Preußen – alles Männer!

Auffallend dabei: Beschrieben wurde immer nur das Leiden bei Männern, während die Literaturangaben oder Zeichnungen von Anfällen bei Frauen in Kunst und Literatur kaum zu finden sind. Frauen werden als diejenigen dargestellt, welche die Leiden der Männer hegen und pflegen und zu vermindern versuchen.

Akuter Gichtanfall im Rückgang

Die in den vergangenen Jahrzehnten durchgeführten epidemiologischen Studien (TECUMSEH; FRAMMINGHAM) brachten neue Erkenntnisse über die Pathogenese und die Therapie der Gicht. Durch die neuen Therapieformen ist eigentlich der akute Gichtanfall im Rückgang, jedoch die primäre und sekundäre Hyperurikämie in deutlicher Progression begriffen. Außerdem wurde der Zusammenhang mit Diabetes mellitus, verschiedenen Hyperlipidämieformen und der Gicht dokumentiert.

Die Prävalenzdaten für Männer aus Untersuchungen in Europa bewegen sich zwischen 0,1 bis fünf Prozent, die Zahlen in Nordamerika sind ähnlich. Bei Frauen beträgt die Prävalenz etwa 0,1 Prozent. Die Gesamtprävalenz (Männer und Frauen) der Gicht beträgt 0,3 Prozent in Mitteleuropa und Nordamerika, die Prävalenz bei Verwandten ersten Grades sechs Prozent.

Regionale Unterschiede

In Afrika ist die Gicht praktisch unbekannt. Manche ethnische Gruppen in Asien und Pazifikraum weisen eine hohe Prävalenz auf: z.B. Maori in Neuseeland, Atayal in Taiwan, Pima-Indianer in Nordamerika.

Durch die Lebensweise und die Ernährung scheint es zu einem Ansteigen der Prävalenz in Mitteleuropa zu kommen, wobei gleichzeitig auch häufig eine arterielle Hypertonie zu erkennen ist, außerdem Komorbiditäten – wie schon erwähnt mit Diabetes mellitus, Hyperlipidämie, Adipositas und Urolithiasis.

Interessant ist jedenfalls, dass das Leiden bei den Frauen während der vergangenen Jahre stetig zunimmt. Nach neuesten Schätzungen liegt die Prävalenz bereits bei ein bis zwei Prozent. Dieses Phänomen ist wohl auf eine Vermehrung von sitzenden Tätigkeiten und die Ernährung zurückzuführen.

A. Dunky, rheuma plus 4/2011

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