zur Navigation zum Inhalt
Depressivität und Schmerzausmaß hängen mit dem „catastrophical thinking“ eng zusammen.

Foto: Privat

PD Dr. Monika Graninger Universitätsklinik für medizinische Psychologie und Psychotherapie, MedUni Graz
 
Innere Medizin 26. Dezember 2011

Ist Fibromyalgie weiblich?

In der klinischen Diagnostik und im Managment darf Gender keine Einschränkung sein.

Die Fibromyalgie ist eine langdauernde Schmerzerkrankung, bei der keine mechanischen oder entzündlichen Ursachen fassbar sind. Die über Monate und Jahre bestehenden Schmerzen werden über große, symmetrische Bereiche des Bewegungsapparats verspürt und auf englisch als „chronic wide spread pain syndrome“ (CWS) bezeichnet.

Pathophysiologisch besteht bei der Fibromyalgie (FM) eine Veränderung der Verarbeitung von Schmerzimpulsen, die bis zu einer erhöhten Empfindlichkeit gegenüber psychosozialen Stressoren geht. Der Ausdruck „central sensitivity syndrome“ [2] weist auf die Vermutung einer zentralen Veränderung der Schmerzwahrnehmung hin [3-5] , wie sie in angedeuteter Analogie auch bei biologisch plausiblen Situationen, etwa bei durch Zytokine getriggerten Infektmyalgien oder nach stundenlanger Inaktivität bei Langstreckenflügen entsteht.

Die Kombination der „unerklärlichen“ chronischen Schmerzen mit einer Vielzahl von „vegetativen“ und auch psychischen Befindlichkeitsstörungen führte oft zur Kategorisierung als psychogener Rheumatismus und zur Entstehung einer inneren Abwehrhaltung bei überwiegend organisch orientierten und in ihrer Betreuerrolle verunsicherten Ärzten.

Frauen sind nicht wehleidiger als Männer

Die Vielfältigkeit der mit dieser Krankheit gekoppelt auftretenden Symptome (siehe Tabelle) führt nicht nur zu einem hohen Leidensdruck der Betroffenen, sondern auch zur Notwendigkeit einer umfassenden Differentialdiagnose und damit verbundenem diagnostischen Aufwand mit der Gefahr einer neurotischen Symptomfixierung. Die Abwägung des Absicherungsbedürfnisses und der plausibel notwendigen Tests wurde durch die Leitlinie der Deutschen Rheumagesellschaft unterstützt [6].

Die tägliche Praxiserfahrung der AllgemeinmedizinerInnen ist es, dass sich wesentlich mehr Frauen mit generalisierten Schmerzen im Bewegungsapparat präsentieren als Männer [7]. Die Literatur zeigt, dass Frauen schon im Experiment eine reduzierte Toleranz bei Schmerzinduktion haben [8]. Dies rechtfertigt natürlich nicht den Gemeinplatz, dass Frauen „einfach wehleidiger“ als Männer seien.

Es darf auch nicht übersehen werden, dass Fibromyalgiesyndrome auch bei Männern und außerhalb der „typischen“ Altersgruppen, nämlich auch bei Kindern [9;10] und bei betagten Personen zu diagnostizieren sind. In systematischen Untersuchungen wurden zwar keine geschlechtsbezogenen Differenzen in den Schmerzskalen gefunden, sehr wohl aber in den Strategien zur Krankheitsbewältigung und in den Hilfsbedürfnissen zum Umgang mit der Schmerzkrankheit [11;12].

Die Verknüpfung von Schmerzintensität mit dem Ausmaß der Depressivität und der Schlafstörung wurde nur bei Frauen als valid beschrieben [13].

Dr. Winfried Häuser vom Klinikum Saarbrücken publizierte eine Studie zum Geschlechtervergleich bei Fibromyalgie an 885 Frauen und 138 Männern. Neben der längeren Symptomdauer und der höheren Zahl an Schmerzpunkten fanden sich bezüglich vegetativer und depressiver Symptome keine Unterschiede zwischen diesen Gruppen. Somit wurde auf der Basis datengestützter wissenschaftlicher Untersuchung so manches gängige Klischee eines Unterschieds zwischen den Geschlechtern im klinischen Bild widerlegt. [14]

Eine je nach Geschlecht des Patienten verschiedene diagnostische Vorgangsweise wurde bei praktizierenden Rheumatologen beobachtet, die sich im Übrigen nur selten nach den publizierten Diagnosekriterien richteten. Der diagnostische gender bias bezog sich besonders auf die physikalische Untersuchung der – mittlerweile ja in ihrer Aussagekraft eingeschränkten – tender points [15].

Anhand einer narrativen Beurteilung von pharmazeutischen Werbekampagnen wurde beschrieben, wie auf dem Gebiet der Fibromyalgie eine Feminisierung dieser Diagnose in einem Kontext erfolgt, der den Frauen eine hohe Irrationalität zuschreibt.[16] In einer deskriptiven Untersuchung über die Effekte eines multimodalen Rehabilitationsprogramms wurden bei Männern eine stärkere Gesundheitsbeeinträchtigung und Einschränkung der physischen Beweglichkeit beschrieben, während bei den Frauen mit FM eine größere Beschränkung der Lebensqualität durch die Schmerzen gefunden wurde, die Unterschiede blieben trotz des Behandlungserfolges nach der Kur bestehen. [17]

Einfluss der Depressivität

Bei chronischen Schmerzpatienten wurde eine sehr signifikante Interaktion zwischen Depressivität, Schmerzausmaß und dem „catastrophical thinking“ gefunden. Die Berücksichtigung kognitiver Faktoren in der Verhaltenstherapie ist eine wichtige Komponente der Therapieführung, die Daten waren zwischen den Geschlechtern nicht unterschiedlich [18]. Andererseits wurde bei Kindern und Jugendlichen schon ein geschlechtsspezifischer anderer Umgang mit experimentellem Akutschmerz gefunden, der sich im wesentlichen auf die „hysterische“ (wenn man „catastrophizing“ so übersetzen möchte) Bewertung des Schmerzes bezog [19]. Sogar mit immunologischen Messungen von Interleukin-6 wurde ein geschlechtsspezifischer Unterschied in der affektiven Bewertung von verbaler Schmerzpräsentation gezeigt, der eine andere emotionale Bewertung von Schmerz sozusagen am biologischen Surrogat demonstriert. [20]. Die Resilienzforschung zeigt geschlechtsspezifische Unterschiede bei Gruppen von chronischen Schmerzpatienten in der Fähigkeit, trotz des chronischen Stressfaktors „Schmerz“ gut in der Gesellschaft zu funktionieren [21].

Die Therapieempfehlungen sind weitgehend geschlechtsunabhängig, sie zielen auf die Lebensqualität der PatientInnen ab und auf die hohen sozioökonomischen Belastungen durch dieses Syndrom. Die EULAR-Empfehlungen zum Management der Fibromyalgie befassten sich mit 146 Interventionsstudien und kamen zu neun Empfehlungen aus dem Konsensus, der den Leitlinien zum multimodalen Therapiemix entspricht. [22]

Fazit

Zusammenfassend wird es klar, dass zwischen den Geschlechtern Unterschiede in der Schmerzverarbeitung, Schmerztoleranz und im psychologischen Umgang mit chronischen Schmerzen bestehen, die nicht leicht zu erklären sind. Das klinische Bild des „chronic wide spread pain syndrome“ ist aber nicht geschlechtsspezifisch. In der klinischen Diagnostik und im Management des Individuums darf jedenfalls Gender keine Einschränkung darstellen.

Die vom Verlag im Titel gestellte Frage kann so beantwortet werden: „Ja, aber nur grammatikalisch!“

Referenzen:

1. Wolfe F, Clauw DJ, Fitzcharles MA, Goldenberg DL, Katz RS, Mease P et al. The American College of Rheumatology preliminary diagnostic criteria for fibromyalgia and measurement of symptom severity. Arthritis Care Res (Hoboken ) 2010; 62: 600-10.

2. Yunus MB. Central sensitivity syndromes: a new paradigm and group nosology for fibromyalgia and overlapping conditions, and the related issue of disease versus illness. Semin Arthritis Rheum 2008; 37: 339-52.

3. Pollok B, Krause V, Legrain V, Ploner M, Freynhagen R, Melchior I et al. Differential effects of painful and non-painful stimulation on tactile processing in fibromyalgia syndrome and subjects with masochistic behaviour. PLoS One 2010; 5: e15804.

4. Hargrove JB, Bennett RM, Simons DG, Smith SJ, Nagpal S, Deering DE. Quantitative electroencephalographic abnormalities in fibromyalgia patients. Clin EEG Neurosci 2010; 41: 132-9.

5. Fayed N, Garcia-Campayo J, Magallon R, ndres-Bergareche H, Luciano JV, Andres E et al. Localized 1H-NMR spectroscopy in patients with fibromyalgia: a controlled study of changes in cerebral glutamate/glutamine, inositol, choline, and N-acetylaspartate. Arthritis Res Ther 2010; 12: R134.

6. Hauser W, Thieme K, Turk DC. Guidelines on the management of fibromyalgia syndrome - a systematic review. Eur J Pain 2010; 14: 5-10.

7. Yunus MB. Gender differences in fibromyalgia and other related syndromes. J Gend Specif Med 2002; 5: 42-7.

8. Jackson T, Iezzi T, Chen H, Ebnet S, Eglitis K. Gender, interpersonal transactions, and the perception of pain: an experimental analysis. J Pain 2005; 6: 228-36.

9. Romano TJ. Fibromyalgia in children; diagnosis and treatment. W V Med J 1991; 87: 112-4.

10. Evans S, Taub R, Tsao JC, Meldrum M, Zeltzer LK. Sociodemographic factors in a pediatric chronic pain clinic: The roles of age, sex and minority status in pain and health characteristics. J Pain Manag 2010; 3: 273-81.

11. Lange M, Karpinski N, Krohn-Grimberghe B, Petermann F. [Patients with fibromyalgia: gender differences]. Schmerz 2010; 24: 262-6.

12. Yunus MB, Celiker R, Aldag JC. Fibromyalgia in men: comparison of psychological features with women. J Rheumatol 2004; 31: 2464-7.

13. Vishne T, Fostick L, Silberman A, Kupchick M, Rubinow A, Amital H et al. Fibromyalgia among major depression disorder females compared to males. Rheumatol Int 2008; 28: 831-6.

14. Hauser W, Kuhn-Becker H, von WH, Settan M, Brahler E, Petzke F. Demographic and clinical features of patients with fibromyalgia syndrome of different settings: a gender comparison. Gend Med 2011; 8: 116-25.

15. Katz JD, Mamyrova G, Guzhva O, Furmark L. Gender bias in diagnosing fibromyalgia. Gend Med 2010; 7: 19-27.

16. Barker KK. Listening to Lyrica: contested illnesses and pharmaceutical determinism. Soc Sci Med 2011; 73: 833-42.

17. Hooten WM, Townsend CO, Decker PA. Gender differences among patients with fibromyalgia undergoing multidisciplinary pain rehabilitation. Pain Med 2007; 8: 624-32.

18. Arnow BA, Blasey CM, Constantino MJ, Robinson R, Hunkeler E, Lee J et al. Catastrophizing, depression and pain-related disability. Gen Hosp Psychiatry 2011; 33: 150-6.

19. Vierhaus M, Lohaus A, Schmitz AK. Sex, gender, coping, and self-efficacy: mediation of sex differences in pain perception in children and adolescents. Eur J Pain 2011; 15: 621-8.

20. Darnall BD, Aickin M, Zwickey H. Pilot study of inflammatory responses following a negative imaginal focus in persons with chronic pain: analysis by sex/gender. Gend Med 2010; 7: 247-60.

21. Karoly P, Ruehlman LS. Psychological „resilience“ and its correlates in chronic pain: findings from a national community sample. Pain 2006; 123: 90-7.

22. Carville SF, rendt-Nielsen S, Bliddal H, Blotman F, Branco JC, Buskila D et al. EULAR evidence-based recommendations for the management of fibromyalgia syndrome. Ann Rheum Dis 2008; 67: 536-41.

 

 

Tabelle: Häufige Begleiterscheinungen beim Fibromyalgiesyndrom
  • Chronische Müdigkeit
  • Schnelle Erschöpfbarkeit
  • Nicht erholsamer Schlaf bzw. Schlaflosigkeit
  • Empfindungsstörungen
  • Konzentrations- und Gedächtnisstörungen
  • Überempfindlichkeit gegenüber externen Reizen
  • Depressionen und Angstgefühle
  • Magen-Darm-Probleme
  • Funktionelle Herzbeschwerden
  • Schwellungsgefühl an Händen und Füßen
  • Sicca-Symptomatik
  • Kopfschmerzen

M. Graninger, rheuma plus 4/2011

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben