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Bei übergewichtigen Patienten hat eine Gewichtsreduktion auch einen günstigen Effekt auf den Blutdruck.
 
Innere Medizin 15. November 2011

Wie viel Drucksenkung ist durch Abspecken zu erwarten?

Um eine langfristig wirksame Blutdrucksenkung bei Hypertonikern mit Übergewicht zu erreichen, muss die Gewichtsreduktion langsam erfolgen.

Gewichtsreduktion ist bei adipösen Hypertonikern eine wesentliche Therapiekomponente. Als Faustregel gilt: Ein Kilo weniger Fettgewebe reduziert den Blutdruck um 1,5/1 mmHg. Praxistipps zum nachhaltigen Abnehmen bei Hypertonie gibt Prof. Dr. Gerd Bönner, Park-Klinikum Bad Krozingen.

 

Die arterielle Hypertonie erhöht das kardiovaskuläre Risiko ganz erheblich und ist einer der wichtigsten Risikofaktoren für Schlaganfall, Herzinfarkt, Herzinsuffizienz und Nierenversagen. Ihre Behandlung hat sich in zahlreichen Studien als sehr erfolgreich in der Risikoreduktion von Herz-Kreislauferkrankungen erwiesen.

Eine Komponente der Therapie sind die nichtmedikamentösen Maßnahmen der Lebensstiländerung.1, 10 Übergewicht fördert die Entwicklung einer Hypertonie.5,8,13 Bei übergewichtigen Patienten hilft deshalb besonders die Gewichtsreduktion bei der Blutdruckeinstellung. Man geht aufgrund der Ergebnisse zahlreicher Studien davon aus, dass die Reduktion des Fettgewebes um 1 kg zu einer Blutdruckreduktion von systolisch etwa 1,5 mmHg und diastolisch von etwa 1 mmHg führt.3,4,9,11,12 Umgekehrt kann Gewichtszunahme durch Aufbau von Fettgewebe zu Blutdruckanstieg führen.

Intraabdominelles Fett abbauen

Entscheidend ist, dass besonders das endokrin aktive intraabdominelle Fettgewebe abgebaut wird. Studien mit pharmakologischer Gewichtsreduktion haben gezeigt, dass der Abbau des intraabdominellen Fettgewebes um ein Kilogramm einer Reduktion des Bauchumfanges von ca. 1 cm entspricht.7 Bei einer effektiven Gewichtsabnahme sollte daher die Gewichtsreduktion von einem parallelen Rückgang des Bauchumfanges begleitet sein. Ist dies nicht der Fall, hat der Patient entweder nur Wasser durch eine initiale Kochsalzrestriktion verloren, oder er baut im ungünstigsten Fall zum energetischen Ausgleich überwiegend Eiweiß der Skelettmuskulatur ab.

Realistische und langfristige Ziele

Das Ziel der Gewichtsreduktion wird von den meisten Patienten zu ehrgeizig festgelegt. Die Ziele für eine gesundheitsförderliche Gewichtsreduktion sind vorsichtig und erreichbar zu formulieren und sollten auf eine Langzeitstrategie abzielen, wie es in Kasten 1 zusammengefasst ist.5 Der Weg zum nachhaltigen Abnehmen umfasst:

  • Alle Maßnahmen langfristig als Änderung des Lebensstils planen (keine kurzfristigen Diäten durchführen!)
  • Energieaufnahme bei ausgewogener Mischkost um etwa 600 kcal pro Tag reduzieren
  • Ergänzend regelmäßiges Kraft-Ausdauer-Training zur Steigerung des muskulären Energieumsatzes durchführen
  • Alkoholkonsum kontrollieren, täglichen Konsum am besten einstellen

Energieaufnahme reduzieren

Primär entscheidend ist es, die Energieaufnahme zu reduzieren. Eine Reduktion von 600 kcal pro Tag wird allgemein als ausreichend angesehen. Diese Kalorienreduktion sollte mit einem verminderten Verzehr von Kohlenhydraten und Fetten erreicht werden. Besonders tierische Fette sollten reduziert und gegen pflanzliche Öle ausgetauscht werden.Es sollte eine ausgewogene Mischkost mit hohem Ballaststoffanteil und viel Gemüse und Salat (Achtung auf fette Soßen und Dressings) einseitigen Diäten vorgezogen werden, da diese erfahrungsgemäß nicht langfristig eingehalten werden können. Auf Zwischenmahlzeiten und Naschereien sollte verzichtet werden, dafür regelmäßig drei Mahlzeiten in Ruhe eingenommen werden. Die Reduktion von Kohlenhydraten und Fett beim Essen kann durch folgende Maßnahmen vorgenommen werden:

  • Begrenzung von Kartoffeln, Teigwaren, Brot, Obst und Backwaren
  • Ballaststoffreiche Kohlenhydrate bevorzugen (Vollkornkost)
  • Obst und Obstsäfte maßvoll essen
  • Süßigkeiten und Schokolade in den Kalorienplan einberechnen
  • Weniger Streichfette einsetzen
  • Halbfette Milchprodukte einkaufen, Käse bis 30 % Fett i.Tr. oder 15 % absolut bevorzugen
  • Magere Fleisch- und Wurstsorten auswählen und sichtbares Fett abtrennen; Aufschnitt mit erkennbarer Fleischstruktur und kaum sichtbarem Fettanteil sind besser
  • Fleisch 1–2 x pro Woche durch fettarmen Fisch ersetzen
  • Besonders kritisch und zu meiden sind Mischungen aus Kohlenhydraten und Fett wie: Pommes frites, Bratkartoffeln, Gebäck, Pralinen, Kuchen, Butterbrot, Butterbrezel, fette Soßen

Auch in Getränken findet man nicht selten einen hohen Gehalt an Kohlenhydraten in Form von Zucker. Deshalb sind auch die Getränke in den Kalorienplan mit aufzunehmen. Folgender Umgang mit Getränken ist empfohlen:

  • Vor dem Essen ein Glas natriumarmes Mineralwasser trinken
  • Kaffee und Tee ohne Zucker
  • Keine mit Zucker gesüßten Getränke trinken (Cola, Limo, Obstsäfte), solche Getränke nur verzehren, wenn sie mit Süßstoff gesüßt oder als Schorle stark verdünnt sind.
  • Gemüsesäfte sind unbedenklich, wenn sie wenig Kochsalz enthalten
  • Alkoholika stark reduzieren, zum Beispiel auf alkoholfreie Biere oder Weinschorle mit Mineralwasser ausweichen.

Um nachhaltig eine Gewichtsreduktion zu erreichen, muss auch ein eventueller regelmäßiger Alkoholkonsum kontrolliert oder besser noch eingestellt werden. Alkohol hat eine sehr hohe energetische Dichte und wird im Körper meist in den Fettstoffwechsel integriert. Deshalb ist sein Konsum in einer Reduktionskost auf etwa 15 g bei Männern und 10 g bei Frauen zu begrenzen. Besser ist, während einer Reduktionsphase keinen Alkohol zu trinken.

Körperliche Belastung forcieren

Um bevorzugt Fettgewebe abzubauen, ist es erforderlich, Maßnahmen zu ergreifen, die den Abbau von Eiweiß aus der Skelettmuskulatur verhindern. Deshalb sollte regelmäßig körperlich trainiert werden:

  • Kraft-Ausdauer-Sport mit Energieverbrauch von 1.500 bis 2.000 kcal pro Woche
  • Aktivität mindestens 3x/Woche ausüben, besser 5- bis 7x/Woche
  • Dauer der Betätigung zwischen 30 und 60 Minuten
  • Belastung bis leichtes Schwitzen beginnt, ohne dass Luftnot auftritt – „Schwitzen ohne zu Schnaufen“

Empfohlene Belastungen sind Krafttraining mit 60 bis 70 Prozent der maximalen Kraft an Geräten wie Beinpresse sowie ein Ausdauertraining mit 60 Prozent der Maximalbelastung. Geeignete Bewegungsarten sind beispielsweise zügiges Gehen, Walking, Bergwandern, Nordic Walking, Radfahren, Schwimmen und Ski-Langlauf.

Mittels Belastungs-EKG sollte zuvor die persönliche Belastbarkeit festgestellt werden. Diese ist neben dem Alter und der Fitness von Begleiterkrankungen des Patienten abhängig. Eine Faustregel besagt, dass ein effektives Training bei der Frequenz stattfindet, die aus Ruhefrequenz und maximaler Belastungsfrequenz nach der Formel „Ruhefrequenz + (Maximalfrequenz-Ruhefrequenz)/100 x 60“ errechnet wurde.

Eingenommene Medikamente nehmen ebenfalls Einfluss auf die Trainingsfrequenz, so ist zum Beispiel bei der Einnahme von Betablockern die Trainingsfrequenz um weitere 10 Prozent zu reduzieren, wenn der Belastungstest ohne Medikation erfolgte.

Die Grenze kann während des Trainings beispielsweise mit einer Pulsuhr optimal überwacht werden. Es geht aber auch ohne Pulsuhr mit dem sogenannten Körpergefühl „Schwitzen ohne zu schnaufen“. In der Tabelle sind einige Beispiele angegeben, die eine gute körperliche Aktivität zur Unterstützung der Gewichtsreduktion widerspiegeln.2 Der Kalorienverbrauch durch die körperliche Betätigung sollte in der Woche bei etwa 1.500 bis 2.000 kcal liegen und ist nicht nur von der Intensität der Betätigung, sondern auch vom Gewicht des Patienten abhängig.

Jedes körperliche Training ist vorsichtig zu beginnen und langsam nach der erzielten Leistungssteigerung zu intensivieren. Es sollten sich kurze Aktivitätsphasen mit kurzen Erholphasen abwechseln. Im Laufe des Trainings werden dann die Erholphasen immer kürzer und seltener in das Training eingeschoben.

Jojo-Effekt des Gewichts verhindern

Um den Jo-Jo-Effekt des Gewichtes zu verhindern und eine langfristige Gewichtsreduktion und Blutdrucksenkung zu erzielen, ist die Gewichtsreduktion langsam, aber nachhaltig zu planen. Kurzzeit-Diäten sind auf jeden Fall zu meiden. Es handelt sich dem Namen nach um „Lebensstiländerungen“, was bedeutet, dass diese Änderungen für das weitere Leben gelten sollten!

Wenn so eine Gewichtsreduktion bei dem übergewichtigen Hypertoniker erreicht werden kann, ist deutlich mehr erreicht als nur Blutdruckkosmetik, da nachgewiesen ist, dass durch Gewichtsreduktion die erhöhte sympathische Aktivität der Patienten reduziert wird, die Kochsalz-Sensitivität abnimmt, der minimale periphere Gefäßwiderstand und das freie intrazelluläre Kalzium der Skelettmuskelzelle sinkt.6,8

Nachteile einer korrekt durchgeführten Gewichtsreduktion bei Hypertonikern mit den angegebenen Zielen sind nicht bekannt. Es sollten deshalb alle Betroffenen zur Gewichtsreduktion motiviert werden.

 

1 Deutsche Hochdruckliga (2009) Leitlinien zur Behandlung der arteriellen Hypertonie. Nieren- und Hochdruckkrankheiten 38: 137-188

2 Hauner H et al, 2000, Dtsch Ärzteblatt 97: A768-A774

3 Langford Hg et al, 1991, Hypertension 17: 210-217

4 Moore LL et al, 2005, Arch Intern Med 165:1298-1303

5 National Task Force on the Prevention and Treatment of Obesity (2000) Archives of Internal Medicine 160: 898 – 904

6 Rocchini AP et al, 1989, N Engl J Med 321: 580-585

7 Scheen AJ et al, 2006, Lancet 368: 1660-1672

8 Staessen J et al, 1989, J Hypertens 7 (Suppl 1): S19-S23

9 Stevens VJ et al, 2001, Ann Intern Med 134: 1-11

10 The Task Force for the Management of Arterial Hypertension of the European Society of Hypertension (ESH) and of the European Society of Cardiology (ESC) (2007), J Hypertens 25: 1105-1187

11. The Treatment of Mild Hypertension Research Group (1991), Arch Intern Med 151: 1413-1423

12 The Trials of Hypertension Prevention Collaborative Research Group (1992) , JAMA 267: 1213-1220

13 Yusuf S et al, 2005, Lancet 366: 1640-1649

 

Prof. Dr. Gerd Bönner ist Chefarzt in der Klinik Lazariterhof und Klinik Baden-Privatklinik in Bad Krozingen

 

Der Originalartikel inklusive Literaturquellen ist erschienen in MMW – Fortschritte der Medizin 2011/22: 47-50, © Springer-Verlag

Kasten 1
Ziel der Gewichtsreduktion
Effektive Blutdrucksenkung bei Gewichtsreduktion von relativ
• 5 Prozent des Gewichtes bei Personen mit Gewicht unter 100 kg
• 10 Prozent des Gewichtes bei Personen mit Gewicht von 100 kg und darüber

oder auf ein absolutes Körpergewicht
• unter BMI von 25 kg/m2 bei Übergewicht oder mindestens
• unter BMI von 27 kg/m2 bei krankhafter Adipositas

Das Ziel gilt als erreicht, wenn die Gewichtsreduktion mindestens ein Jahr gehalten wird.
Tabelle
Zusammenhang zwischen Kalorienverbrauch, Intensität und Zeitaufwand einer sportlichen Betätigung
 Körpergewicht um 80 kgKörpergewicht um 100 kg
  kcal/Std Häufigkeit kcal/Std Häufigkeit
Ski- Langlauf 550 6 x 30 min/ Woche 700 5 x 30 min/ Woche
Gehen 5 km/h 240 6 x 1 Std./ Woche 300 5 x 1 Std./Woche
Gehen 6 km/h 360 4 x 1 Std./ Woche 450 3 x 1 Std./Woche
Berg- wandern 360 4 x 1 Std./ Woche 450 3 x 1 Std./Woche
Laufen 8 km/h 360 4 x 1 Std./ Woche 450 3 x 1 Std./Woche
Radeln 15 km/h 360 4 x 1 Std./ Woche 450 3 x 1 Std./Woche
Schwimmen 360 4 x 1 Std./ Woche 450 3 x 1 Std./Woche

Von G. Bönner , Ärzte Woche 45 /2011

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