zur Navigation zum Inhalt
Foto: Archiv
Prof. Dr. Jörg Slany Facharzt für Innere Medizin in Wien
 
Innere Medizin 13. November 2011

Häufige Fehler im Hypertonie-Management

Mangelhafte Diagnostik, Unterschätzung des Risikos und inadäquate Therapie erhöhen die Wahrscheinlichkeit für Spätfolgen von Patienten mit Bluthochdruck.

Herzinfarkt und Schlaganfall zählen nach wie vor zu den führenden Todesursachen. Hypertonie ist dabei einer der wesentlichsten Risikofaktoren. Trotzdem und trotz Verfügbarkeit wirksamer und verträglicher Medikamente sind nur zwischen 10 und 30 Prozent der Hypertoniker gut eingestellt. Für Prof. Dr. Jörg Slany, Facharzt für Innere Medizin in Wien, ein guter Grund, um im Rahmen der Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Innere Medizin in Innsbruck auf häufige Fehler im Management der Hypertonie aufmerksam zu machen.

 

Fehler Nummer eins ist laut Slany eine zumeist unzureichende Diagnostik, wobei er sowohl fehlerhafte Messungen aufgrund mangelhafter Messgeräte als auch Fehler bei der Messtechnik bei ärztlicher und auch bei Selbstmessung für falsche Ergebnisse verantwortlich macht. So entsprachen in verschiedenen Untersuchungen zwischen 18 und 30 Prozent der Blutdruckmessgeräte in Arztpraxen, Krankenhäusern und Apotheken nicht dem Europäischen Kalibrierungsstandard von ±3  mmHg oder waren ungenau. Von den untersuchten Geräten zur Selbstmessung ergaben bis zu 80 Prozent keine korrekten Blutdruck-Werte.

Fehler seitens der Ärzteschaft und des Pflegepersonals entstehen vor allem, wenn Messstandards nicht eingehalten werden, sei es durch Unkenntnis oder aufgrund der Fehleinschätzung, dass die exakte Kenntnis des Blutdrucks unwichtig sei. Deutlich größer sei laut Slany das Fehlerpotenzial bei Selbstmessung.

Die ideale Messmethode ist das ambulante 24-Stunden-Blutdruckmonitoring, das allerdings aufwändig und nur eingeschränkt verfügbar ist. Für die Ordination bieten sich laut dem Experten neue automatische, oszillometrische Blutdruckgeräte an, die den Blutdruck mehrfach messen und deren Ergebnissen gut mit denen eines 24-Stunden-Monitorings korrelieren. Die Einhaltung der Standards sei allerdings notwendig, da epidemiologische Daten sowie die Ergebnisse von Interventionsstudien auf Standardmessungen beruhen. „Anders erhobene Blutdruckdaten sind irrelevant“, so Slany.

Unterschätztes Risiko

Seit mehr als einem Jahrzehnt werden von nationalen und internationalen Fachgesellschaften Leitlinien zu Diagnose und Therapie der Hypertonie publiziert und laufend aktualisiert. Laut einer Befragung von mehr als 11.000 niedergelassenen Ärzten in Deutschland waren im Jahr 2001 diese Guidelines nur rund einem Viertel der Befragten bekannt. Slany machte in diesem Zusammenhang darauf aufmerksam, dass die österreichischen Leitlinien zuletzt 2007 und 2008 im Journal für Hypertonie publiziert wurden und auch auf der Website der Österreichischen Gesellschaft für Hypertensiologie (www.hochdruckliga.at) zum Download zur Verfügung stehen.

Ein weiteres Problem ist laut Slany, dass Hausärzte das Risiko von Hockdruckpatienten häufig unterschätzten. So habe eine rezente Studie von ihm gezeigt, dass Hausärzte 60 Prozent der Hypertoniepatienten ein zu geringes Risiko attestieren.

Mangelhaftes Wissen um verfügbare Medikamente

Für das Nichterreichen der Zielwerte gibt es unterschiedliche Ursachen. Slany ist aus vielen Erhebungen bekannt, dass bei 50 bis 80 Prozent der Patienten, die trotz Therapie einen Blutdruck von über 140/90 mmHg haben, keine Adaptation der Behandlung erfolgt. Das mag auf mangelnde Überzeugung von der Notwendigkeit des Erreichens dieser Zielwerte, aber auch auf Gleichgültigkeit oder Frustration aufgrund der Non-Compliance der Patienten zurückzuführen sein. Das Engagement des Therapeuten sei jedoch laut einer Studie aus dem Jahr 2010 direkt proportional zur Güte der Blutdruckeinstellung. Dieses Engagement schließe auch Maßnahmen zur Steigerung der Therapietreue ein wie verständliche Information über Art, Wirkung und Nebenwirkung der Medikamente. Außerdem gehörten dazu einfache Therapieschemata, regelmäßige Kontrolltermine und das Erfragen von Feed-back.

Nicht zuletzt prangerte Slany das mangelhafte Wissen über und damit den fehlerhaften Umgang mancher Ärzte mit den blutdrucksenkenden Medikamenten an. So würde vielen Patienten eine Kombinationstherapie vorenthalten, obwohl sie bei ihnen indiziert sei. Werden Medikamente kombiniert, so wird bei der Wahl laut Slany nicht ausreichend auf Pathomechanismen der Kombinationspartner geachtet, sodass keine oder nur eine geringe additive Blutdrucksenkung erzielt wird.

Blutfettwerte oft unbeachtet

Zu wenig Beachtung werde auch der Dyslipidämie als begleitender Risikofaktor der Hypertonie für kardiovaskuläre Ereignisse geschenkt. Eine spanische Studie hat diesbezüglich gezeigt, dass von mehr als 15.000 Hypertonikern bei 25 Prozent der Blutdruck, bei 26 Prozent das LDL-Cholesterin und nur bei 8 Prozent beides gut eingestellt war.

Wie Daten der ASCOT-Studie (The Anglo-Scandinavian Cardiac Outcomes Trial) gezeigt haben, führt die gemeinsame Kontrolle von Blutdruck und Lipiden zu einer signifikanten Reduktion der Häufigkeit von Myokardinfarkt und koronarer Herzkrankheit.

Zuletzt machte Slany darauf aufmerksam, dass bei therapierefraktärer Hypertonie an das eventuelle Vorliegen einer sekundären Hypertonie etwa infolge eines obstruktiven Schlafapnoe-Syndroms, einer Nierenerkrankung oder eines primären Aldosteronismus gedacht werden sollte.

 

Website der Österreichischen Gesellschaft für Hypertensiologie: www.hochdruckliga.at

 

Quelle: 42. Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Innere Medizin, 5. bis 8. Oktober 2011, Innsbruck

Von H. Leitner , Ärzte Woche 45 /2011

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben