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Prof. Dr. Elisabeth Preisinger Primaria am Institut für Physikalische Medizin und Rehabilitation, Krankenhaus Hietzing in Wien

 
Innere Medizin 24. September 2011

Osteoporose-Interview: "Eine Ursache ist die unzureichende Zusammenarbeit"

Die Betreuung von Patienten mit Osteoporose bedarf eines interdisziplinären Ansatzes.

Basis eines effizienten Osteoporosemanagements ist die Zusammenarbeit zwischen medizinischen Fächern, dem Krankenhaus und dem niedergelassenen Bereich. Interdisziplinarität zum Wohle des Patienten ist daher ein Schwerpunktthema des 10. Wiener Osteoporosetags am 7. Oktober in Wien. Aus diesem Grund führten wir mit Prof. Dr. Elisabeth Preisinger, Primaria am Institut für Physikalische Medizin und Rehabilitation am Krankenhaus Hietzing in Wien und Organisatorin dieser Fortbildungsveranstaltung, das folgende Interview.

Zahlreiche Patienten, vor allem im fortgeschrittenen Alter oder mit Polypharmazie, weisen ein erhöhtes Osteoporoserisiko auf. Warum werden diese Patienten oft nicht entsprechend abgeklärt?

Preisinger: Eine Ursache sehe ich in der unzureichenden interdisziplinären Zusammenarbeit bei der Betreuung von Risikopatienten oder auch bereits manifest Erkrankten. So werden beispielsweise ältere Patienten nach einem Sturz zwar unfallchirurgisch versorgt, eine möglicherweise dafür verantwortliche Osteoporose aber nicht abgeklärt. Ziel unserer Fortbildungsveranstaltung ist es daher, das Bewusstsein für die Osteoporose zu schärfen. Die Notwendigkeit der Sensibilisierung besteht bei verschiedensten Fachdisziplinen: Gynäkologen, Gastroenterologen, Pneumologen, Neurologen, Onkologen etc., da Patienten etwa mit Malabsorption, Mangelernährung, Colitis ulcerosa, Diabetes mellitus, chronischen Lebererkrankungen, mit Hemi-, Tetra, Paraplegin, COPD oder Asthma, aber auch unter Heparineinnahme hochgradig gefährdet sind, ebenso wie onkologische Patienten oder Organtransplantierte.

Die Abklärung und therapeutische Einstellung sollte zunehmend in Zusammenarbeit mit ausgebildeten Osteologen oder in Spezialeinrichtungen mit interdisziplinären Teams erfolgen, vor allem wenn beispielsweise eine Parathormongabe oder parenterale Therapien geplant sind. Die Weiterbetreuung sollte dann durch den Hausarzt erfolgen. Die Zusammenarbeit des Praktikers und Facharztes wie auch der einzelnen Fachrichtungen untereinander ist in Österreich jedoch noch verbesserungswürdig.

Welche sind die häufigsten Risikofaktoren für eine primäre und sekundäre Osteoporose?

Preisinger: Zu den Risikofaktoren der primären Osteoporose gehören Geschlecht, fortgeschrittenes Alter, eine vorzeitige Menopause, familiäre Disposition und ein niedriger Body Mass Index. Ursachen der sekundären Osteoporose sind chronische Medikamenteneinnahme von beispielsweise systemischen Kortikosteroiden >5mg >3 Monate, Fragilitätsfrakturen, Eltern mit Hüftfraktur, Hypogonadismus, unbehandelte Hyperthyreose, chronische Erkrankungen – z. B. rheumatoide Arthritis, Diabetes mellitus etc. – oder Lebensstilfaktoren wie Rauchen, Alkoholabusus oder Immobilität.

Galt Osteoporose lange als Frauenerkrankung, lässt sich deren Zunahme in den letzten Jahren auch bei Männern feststellen. Was sind die Ursachen dafür?

Preisinger: Bei Männern wird mehrheitlich eine sekundäre Osteoporose diagnostiziert. Daher steht bei ihnen die Suche nach krankheitsbedingten Ursachen im Vordergrund, um eine kausale Therapie durchführen zu können. Eine Ursache stellt der Hypogonadismus dar. Besonders bei Prostatakarzinom-Patienten wird ein Testosteronmangel durch eine antiandrogene Therapie induziert. Außerdem steigt die Lebenserwartung und damit das Osteoporoserisiko im Alter. Weitere Risikofaktoren sind auch in einem ungesunden Lebensstil mit falscher Ernährung, Nikotin- und Alkoholabusus sowie Bewegungsmangel zu suchen.

Welche therapeutischen Optionen stehen derzeit zur Verfügung, stellt auch eine HRT eine Therapieoption dar?

Preisinger: Basis für jede medikamentöse Therapie ist eine ausreichende Versorgung mit Kalzium und Vitamin D3. Durch die Nahrung kann zwar der Kalzium-, nicht jedoch der Vitamin-D-Bedarf gedeckt werden. Bei älteren Patienten muss auch auf eine ausreichende Eiweißaufnahme geachtet werden.

Körperliche Aktivität stellt nicht nur in der Prävention einen bedeutenden Faktor dar, da diese den Knochenaufbau fördert. Auch bei diagnostizierter Osteoporose ist die Erhaltung der Beweglichkeit und Selbständigkeit wichtig. Dementsprechend kann zusätzlich ein individuelles Übungs- und Trainingsprogramm zur Verbesserung der Körperwahrnehmung und -haltung und zur Erhaltung der körperlichen Leistungsfähigkeit verordnet werden. Diese Programme tragen auch zur Sturzprävention bei.

Jede Osteoporose-bedingte Fraktur stellt eine Indikation zur medikamentösen Therapie dar. Die Knochenstabilität wird dabei entweder durch Knochenabbau hemmende Substanzen (Antiresorptiva) wie Bisphosphonate, Denosumab, Selektive Östrogen-Rezeptor-Modulatoren, Strontium und die Hormonersatztherapie erreicht oder durch intermittierenden Einsatz von Parathormon und möglicherweise auch durch Strontium zur Osteoblastenstimulation.

Ziel rehabilitativer Maßnahmen ist die Optimierung der persönlichen Unabhängigkeit und die Verbesserung der Lebensqualität. Nach nicht-vertebralen Frakturen müssen häufig Funktionen wie Gehen oder Handgebrauch wieder erlernt werden, worauf ein gezieltes Muskelaufbautraining folgt. Propriozeptiv wirkende Orthesen wie Spinomed, Dorso Osteo Care oder PTS (Posture Training Support) können dies unterstützen.

Eine klinisch manifeste Wirbelfraktur kann durch Zementaugmentation mittels Ballonkyphoplastie oder Vertebroplastie stabilisiert werden. Das Einbringen von Knochenzement führt zur signifikanten Schmerzreduktion bei gleichzeitiger Belastungsstabilität und rascher Mobilisierung. Die Vorteile für das Langzeit-„Outcome“ sind derzeit nicht restlos geklärt.

Da chronische Schmerzen zu den schwerwiegendsten Folgen der Osteoporose zählen, ist auch eine effiziente Schmerztherapie für das individuelle Wohlbefinden und die Remobilisierung des Patienten entscheidend. In der Akutschmerzbehandlung sollte die Dosis nach variabler Behandlungszeit zurückgenommen werden, hingegen sollen bei chronischen Schmerzen Medikamente ausgehend von einer niedrigen Dosis bis zur zufriedenstellenden Schmerzlinderung titriert werden. Rückenorthesen können zur Schmerzlinderung beitragen und die Mobilisierung nach frischer Fraktur beschleunigen. In der Langzeittherapie führen individuelle Übungsprogramme per se zur Schmerzlinderung.

Das Gespräch führte Dr. Friederike Hörandl

 

 Info: www.medevent.cc

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