zur Navigation zum Inhalt
Fotos (3):  Nanut/Regal
 Skoda wollte den erhobenen akustischen Befund auf die Gesetze der Akustik zurückführen.

Joseph Skoda starb am 13. Juni 1881 in seinem Haus in der Reitergasse – heute Skodagasse – im 8. Wiener Gemeindebezirk.

Ärzte und Studenten strömten aus der ganzen Welt nach Wien, um von Skoda zu lernen.

 
Innere Medizin 7. Juni 2011

Auskultation und Perkussion revolutionieren die Diagnostik

Vor 130 Jahren starb einer der Begründer der „Zweiten Wiener Medizinischen Schule“.

„Trompeterldoktor“ nannten ihn seine Kollegen despektierlich. Patienten beschwerten sich über den lästigen jungen Arzt, der ungewöhnlich häufig an ihnen „herumfummelte“. Einige Jahre später pilgerten Studenten und Ärzte aus der ganzen Welt ins Allgemeine Krankenhaus in Wien, um seine Kurse zu besuchen. Vor 130 Jahren, am 13. Juni 1881, starb Joseph Skoda, Leitfigur und einer der Begründer der weltberühmten „Zweiten Wiener Medizinischen Schule“.

 

Beinahe wäre der 1805 in Pilsen geborene Skoda Geistlicher geworden. Zwei Söhne in Wien Medizin studieren zu lassen, konnte sich sein Vater, der eine kleine Schlosserei betrieb, nicht leisten. Zum Glück verhinderte dies eine Wiener Seidenzeugfabrikantin, bei der sein älterer Bruder Nachhilfe gab. Sie gab Skoda die Möglichkeit, in ihrem Haushalt in Wien als Werkstudent zu wohnen. Im Jahr 1825 immatrikulierte er an der Universität Wien.

Die kleine Schlosserei übernahm übrigens sein jüngerer Bruder, der die väterliche Werkstatt in Pilsen zu den heute weltbekannten Skoda-Werken ausbaute. Sein Studium finanzierte sich Skoda wie viele seiner Kollegen aus den bäuerlichen, handwerklichen oder kleinbürgerlichen Schichten der Monarchie mit Privatstunden als Hauslehrer in der wohlhabenden Wiener Gesellschaft. Nach seiner Promotion zum Doctor medicinae im Jahr 1831 musste er sich zunächst als Choleraarzt in Böhmen verdingen. Ein Jahr später erhielt er eine Stelle im Allgemeinen Krankenhaus in Wien – zunächst natürlich nur als unbesoldeter Sekundararzt.

Beurteilung der Schallqualität

Schon als Student hatte sich Skoda nicht nur mit Medizin, sondern auch mit Physik und Mathematik beschäftigt. Er kannte die Auenbruggersche Methode der Perkussion – deren Wert Gerard van Swieten eigenartigerweise nicht erkannt hatte – und er wusste auch, wie der Franzose René Laennec mit der Erfindung des Hörrohrs diese Methode erweitert hatte. Die Beurteilung der Schallqualität war aber in der französischen Schule höchst subjektiv. So wurde jedem Organ oder auch Krankheiten ein bestimmter Schall zugeordnet. Man sprach etwa von Magenschall, Milzschall, Herz- und Lungenton.

Skoda schwebte ein anderer Weg vor. Er wollte den erhobenen akustischen Befund ganz einfach auf die Gesetze der Akustik zurückführen und nicht spekulieren und deuteln. In seiner heute weltberühmten Abhandlung über Percussion und Auscultation schrieb er später: „Die Verschiedenheit der Schalle ist nicht im eigenthümlichen Schalle dieser Organe begründet, sondern entspringen aus der Menge, Vertheilung, Spannung etc. der enthaltenen Luft...“ Gemeinsam mit dem Pathologen Carl von Rokitansky (1904–1878) begann Skoda, die an seinen Patienten erhobenen Auskultations- und Perkussionsbefunde nach ihrem Tod mit den bei der Obduktion gestellten objektiven Befunden der pathologischen Anatomie zu vergleichen.

Aus diesen physikalischen Krankenbefunden, dem pathologisch-anatomischen Wissen des Untersuchers und anderen Symptomen entstand nun durch ein diagnostisches Ausschlussverfahren die endgültige Diagnose. Dies erforderte höchste Genauigkeit bei der Untersuchung, enormes Sachwissen, Erfahrung und die Fähigkeit, zu kombinieren und logische Schlüsse zu ziehen. Man musste alle Organveränderungen durchgehen, alles ausschließen, was nicht zu einem erhobenen Befunde passte, um schließlich die Diagnose zu finden, die sowohl dem physikalischen Befund als auch den übrigen Symptomen entsprach.

Strafversetzung und Armenarzt

Als Skoda zusammen mit dem Chirurgen Franz Schuh bei einem Patienten, der zu ersticken drohte, einen Luftröhrenschnitt durchführte, ohne das Konsilium mit seinem Primararzt abzuwarten, wurde er strafweise in die Abteilung für „stille Irre“ versetzt. Seine Untersuchungen über Perkussion und Auskultation führte er aber fort und demonstrierte sie zunächst nur seinen Kollegen am Krankenbett. Die älteren Kollegen konnte er aber nicht überzeugen. Wie skeptisch die alten Kliniker den diagnostischen Methoden Skodas gegenüberstanden, zeigt ein Ausspruch des Internisten Franz Xaver Hildebrand, Inhaber des Lehrstuhls für Innere Medizin an der Wiener Universität von 1830 bis 1841: „Ich bin ein ausgezeichneter Musiker und habe ein feines Gehör, aber eine Pneumonie habe ich noch nie geigen gehört.“

Skoda hielt schließlich Privatkurse ab, die 1838 sogar von der Spitalsdirektion geduldet wurden. Da seine Dienstzeit im Allgemeinen Krankenhaus zeitlich beschränkt war, musste er die Klinik 1839 verlassen und sich als Armenarzt in der Vorstadt durchbringen. Daneben betrieb er aber weiter seine Studien und veröffentlichte im selben Jahr seine später so berühmte „Abhandlung über Percussion und Auscultation“.

Abklopfen und Abhorchen

Erst durch eine richtige Diagnose, die er beim Herzog von Blacas stellte, erlangte er die Aufmerksamkeit und das Wohlwollen des Vizedirektors der medizinisch-chirurgischen Studien. Der überraschenderweise zum Konsil beigezogene, noch recht unbekannte Skoda diagnostizierte ein großes Aneurysma der Bauchaorta, während die anerkannten Wiener Autoritäten ein Leberleiden vermuteten und den Kranken nach Karlsbad schicken wollten. Als der von Skoda vorhergesagte baldige Tod tatsächlich eintraf und er auch die genaue Größe und Lage des Aneurysmas richtig angegeben hatte, war „sein Sieg ein vollständiger“.

1846 erfolgte die Ernennung zum Professor und Vorstand der Klinik für innere Krankheiten im Allgemeinen Krankenhaus. Bald strömten Ärzte und Studenten aus der ganzen Welt nach Wien, um von Skoda in die Geheimnisse des Abklopfens und Abhorchens eingeweiht zu werden. Er ging aber nicht nur als genialer Diagnostiker in die Geschichte der Wiener Medizin ein. Sein Einsatz für den Bau der Wiener Hochquellleitung, seine Beschäftigung mit der Kanalisation Wiens, dem gesundheitsschädlichen Staub der Gehsteige, dem Impfzwang und dem Findelhauswesen zeigen, dass Joseph Skoda auch engagierter Sozialhygieniker war, der Krankheiten bereits vor ihrem Entstehen zu bekämpfen versuchte.

Joseph Skoda starb am 13. Juni 1881 in seinem Haus in der Reitergasse – heute Skodagasse – im 8. Wiener Gemeindebezirk. Sein beträchtliches Vermögen vermachte er Wohltätigkeitsinstituten und Armen. Am Haus Skodagasse 13, in dem er lebte, starb und auch auf eigenen Wunsch obduziert wurde, erinnert noch heute eine bereits 1883 angebrachte Gedenktafel an jenen Arzt, der die medizinische Diagnostik revolutionierte.

Faszinierend ist, dass Skodas Methode der physikalischen Krankenuntersuchung auch heute noch in fast unveränderter Form gelehrt, gelernt und betrieben wird. Gelegentlich gelingt es einem geübten Untersucher sogar, radiologische Schattendeuter zu verblüffen und plötzlich, trotz ihrer Millionen Euro teuren Technologie, ganz klein aussehen zu lassen.

Von Dr. Wolfgang Regal und Dr. Michael Nanut , Ärzte Woche 23 /2011

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben