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Der Katzenspulwurm verfehlt oft den richtigen Wirt und befällt den Menschen.
 
Innere Medizin 4. März 2009

Würmer auf dem Vormarsch

Bisher eher wenig beachtete parasitäre Erkrankungen wie etwa Infektionen mit Helminthen kommen auch in unseren Breiten zunehmend vor.

Ärzte müssen in Zukunft vermehrt damit rechnen, mit den Krankheitsbildern der bislang sehr seltenen Erreger der Zerkariendermatitis, der alveolären Echinokokkose, der Toxokarose und der kutanen Dirofilariose konfrontiert zu werden.

Prof. Dr. Herbert Auer vom Klinischen Institut für Hygiene und Medizinische Mikrobiologie, Abteilung für Medizinische Parasitologie, stellte „Würmer, an denen man in Österreich erkranken kann“ in den Mittelpunkt seines Vortrags am 17. Februar. Dieser fand im Rahmen der infektiologischen Fortbildungsreihe „Giftiger Dienstag“ statt, die von der Österreichischen Gesellschaft für Infektionskrankheiten der Universitätsklinik für Innere Medizin I, Klinische Abteilung für Infektionen und Tropenmedizin der MedUni Wien, und dem Fortbildungsreferat der Ärztekammer für Wien angeboten wird.

Fadenwürmer

Dirofilariose beginnt in Österreich Fuß zu fassen

Die von Stechmücken übertragene Dirofilariose oder Herzwurmerkrankung war ursprünglich im Nachbarland Ungarn zu finden und machte vor den österreichischen Grenzen halt. Der erste dokumentierte heimische Fall war der einer ungarischen Grenzbeamtin im September 2006. Im Raum Gänserndorf wurden schon mehrere Hunde mit der Infektion diagnostiziert, die neben Katzen die natürlichen Wirte sind. Die übertragenen Larven des Dirofilaria repens entwickeln sich subkutan zu ausgewachsenen Helminthen und führen zur Knotenbildung. Durch die Fortbewegung der Würmer unter der Haut entstehen wandernde Schmerzen. Meist wird die Diagnose der subkutanen Dirofilariose erst nach der operativen Sanierung gestellt, wenn der Wurm im Operationspräparat zu sehen ist.

Trichobilharzia szidati – harmlos, aber unangenehm

1847 erstmals in Japan beschrieben und seit 1971 regelmäßig in Österreich vorkommend ist der Befall mit Trichobilharzia szidati und anderen Vogelbilharzien. Diese Würmer kommen in sämtlichen Süßgewässern Mitteleuropas vor. Endwirte sind eigentlich Wasservögel, bei denen die Eier im Darmlumen ulzerieren. Beim Fehlwirt Mensch führt die wiederholte Penetration der Haut zur Zerkariendermatitis. Diese zeigt sich in Juckreiz und erythematöser Quaddelbildung. Die im Grunde harmlose Krankheit wird symptomatisch behandelt.

Spulwürmer

Ein weitaus häufigeres Problem sind Hundespulwurm (Toxocara canis) und Katzenspulwurm (Toxocara cati). Nach neueren Erkenntnissen sind 18 Prozent der Hunde (bis zu 80 Prozent der Welpen) und 70 Prozent der Katzen infiziert. „Toxocara ist weit verbreitet, aber kaum jemand ist sich dessen bewusst“, berichtet Auer. Dabei nimmt der Mensch als Fehlwirt die Eier dieser Spulwürmer auf. Bei Infektion kommt es zum Krankheitsbild der Toxokarose und je nach Einwanderungsgebiet zu verschiedenen Krankheitsbildern. Das okuläre-Larva-migrans-Syndrom (OLM Sydrom) kann zu Visisverlust, Retinitis und Ophthalmitis führen. Bei der Infektion von Kindern tritt meist das Larva-migrans–visceralis-Syndrom (LMV) auf.

Bei rezidivierenden Bronchitiden, gastrointestinalen Beschwerden, Hepatomegalie und vor allem Eosinophilie sollte vom behandelnden Arzt eine Toxokarose in Betracht gezogen werden. Auch Verhaltensauffälligkeiten zusammen mit Eosinophlie und Hepatomegalie können Hinweise für eine inapparente oder Neurotoxokarose sein. Obwohl hoch exponiert, kommt es in Österreich jährlich lediglich zu 45 bis 60 Fällen. Auer betont, dass weit unter 0,1 Prozent der serologisch positiven Personen klinisch auffällig sind. Dennoch sollte Personen, die zu Risikogruppen zählen, wie zum Beispiel Veterinärmediziner, Landwirte oder Tierpfleger, zur serologischen Abklärung geraten werden. Natürlich sollten auch Hunde- und Katzenbesitzer über nötige Hygienemaßnahmen aufgeklärt werden. Die Infektion des Menschen erfolgt durch Schmutz- und Schmierinfektion durch orale Aufnahme der Wurmeier, aber auch durch Verzehr von nicht genügend gegartem Fleisch von Hühnern, Kaninchen oder Hasen, wenn diese mit Toxocarea infiziert sind.

Bandwürmer

Fuchsbandwurm – Tollwutbekämpfung steigert Fuchsbestand

Eine durchaus ernstzunehmende Erkrankung wird vom Fuchsbandwurm (Echinococcus multiocularis) ausgelöst. Dieser ein bis fünf Millimeter große Wurm verbreitet sich durch Ausscheidung des letzten Bandglieds samt der darin befindlichen Eier, die außergewöhnlich resistent gegen Umwelteinflüsse sind und Jahre überdauern können. Sie können direkt oral vom Erdboden aufgenommen oder durch Verschleppung von Haustieren ins Haus gelangen. Einmal im Organismus, infiltriert die Finne in alle Richtungen. Meist manifestiert sich eine Lebererkrankung mit Hepatomegalie, Zirrhose und Oberbauchschmerz, die als alveoläre Echinokokkose bezeichnet wird. In der Sonographie zeigt sich eine nicht glatte Leberläsion.

Die Inzidenz liegt zurzeit bei 2,5 Fällen pro Jahr und steigt, weil das Verbreitungsgebiet in Europa größer wird. Dies hängt vermutlichmit der flächendeckenden Bekämpfung der Tollwut zusammen. Vor allem in den westlichen Bundesländern ist das Auftreten der Erkrankung nicht mehr zu unterschätzen.

„Die lange Inkubationszeit von fünf bis 15 Jahren ist ein großes Drama, aber auch eine große Chance“, betont Auer. Vor allem durch die gute Diagnostik: Die Sensitivität des serologischen Antikörpernachweises beim Bandwurmbefall beträgt annähernd hundert Prozent. Regelmäßige Tests bei besonders exponierten Personen, wie es etwa Jäger, Förster und Katzenbesitzer sind, können einen fulminanten Krankheitsverlauf durch frühzeitige Diagnose verhindern.

Tabelle:
Wurmerkrankungen, die auch in Österreich vorkommen können
HelminthenVorkommen/InvasionKlinikKrankheitsbildTherapie
Trichobilharzia szidati Süßwasser / Hautpenetration Juckreiz, Hautrötung, erythematöse Quaddelbildung Zerkariendermatitis bei wiederholter Penetration der Haut Symptomatisch,
hydrophobe Niclosamidcreme
Echinococcus multicularis (Fuchsbandwurm) Erdboden / oral Leberinfektion,
Zirrhose
Alveoläre Echinokokkose mit gallertartigen Einlagerungen Albenazol
Toxocara canis (Hundespulwurm)
Toxocara cati (Katzenspulwurm)
Hund, Fuchs, Katze / oral

Schmier- oder Schmutzinfektion
Wiederkehrende Eosinophilien,
Hepatomegalie,
Visusverlust,
Retinitis, Verhaltensauffälligkeit, GIT-Beschwerden
LMV Syndrom
Augentoxokarose
OLM Syndrom
Inapparente Toxokarose
Neurotoxokarose
Antihelminthika
Kortikosteroide
Dirofilaria repens Hund, Katze / Stechmückenstich subkutane Knotenbildung, die wandern kann, Juckreiz (Sub-)kutane Dirofilariose Chirurgische Sanierung
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Der Katzenspulwurm verfehlt oft den richtigen Wirt und befällt den Menschen.

Von Barbara Buchner, Ärzte Woche

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