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Foto: Privat
Prof. Dr. Cornelia Speth Department für Hygiene, Mikrobiologie und Sozialmedizin, MedUni Innsbruck
 
Innere Medizin 4. März 2009

Die „Winter Vomiting Disease“ hat wieder Saison

Hohe Infektionsität der widerstandsfähigen Noroviren stellt hohe Anforderungen an die Hygiene.

„Wenn irgendwo wieder einmal ein ganzes Hotel oder ein Kreuzfahrtschiff an Durchfall und Erbrechen leidet – wer könnte daran schuld sein?“ fragte Prof. Dr. Cornelia Speth und gab auch gleich die Antwort: „Noroviren sind jedenfalls ein guter Tipp!“ Speth vom Department für Hygiene, Mikrobiologie und Sozialmedizin der MedUni Innsbruck informierte am diesjährigen Pädiatrischen Fortbildungskurs in Obergurgl über Noroviren als Krankheitserreger und Hygieneproblem. Vor allem im Winter kommt es gehäuft zu Infektionen, weshalb auch von der „Winter vomiting disease“ gesprochen wird.

 

Noroviren sind ubiquitär verbreitet. Sie sind nackte Viren ohne Lipidhülle und haben daher eine hohe Stabilität in der Umwelt. Es benötigt bei 56 Grad Celsius immerhin eine Stunde, um sie vollständig zu inaktivieren. Bei 100 Grad immer noch eine Minute, wie Speth erklärte. Es handelt sich dabei um RNA-Viren, die sich durch eine hohe Genomvariabilität auszeichnen. Einerseits kommt es zu zahlreichen Mutationen (antigenic drift) und andererseits zu Rekombinationen (antigenic shift) zwischen unterschiedlichen Norovirusstämmen, wenn eine Zelle doppelt infiziert ist. „Das erschwert natürlich die Diagnostik und eine eventuelle Vakzinentwicklung“, erläuterte Speth.

Niedrige Infektionsdosis

Die Übertragung erfolgt fäkal-oral oder aerogen:

  • Schmierinfektion mit Stuhl oder Erbrochenem von Infizierten;
  • Lebensmittel und Trinkwasser – kontaminiert durch Düngung oder Handling von infizierten Personen;
  • Inhalation von Aerosolen nach Erbrechen.

Die hohe Infektionsität ergibt sich, wie Speth erklärte, durch hohe Ausscheidungsraten (106–8 Viruspartikel pro Gramm Stuhl) einerseits und durch die niedrige Infektionsdosis (10–100 Viruspartikel) andererseits, kombiniert mit der Tatsache, dass es nicht nur während der akuten Phase, sondern auch mehrere Tage bis Wochen nach Abklingen der klinischen Symptome (Kasten 1 ) zu einer Ausscheidung kommt. „Damit nicht genug – es gibt auch asymptomatische Verläufe mit ‚Viral Shedding’“, so Speth.

In Europa und den USA sind Noroviren bei älteren Kindern und Erwachsenen die häufigste Ursache von nicht bakteriell bedingten akuten Gastroenteritiden, und zwar mit über 96 Prozent. Bei Säuglingen und Kleinkindern stellen Noroviren nach Rotaviren die zweithäufigste Ursache für solche Erkrankungen dar. Bis zum Alter von fünf Jahren haben laut Speth 70–80 Prozent der Kinder bereits eine Norovirus-Infektion durchgemacht.

Wer geschützt und wer anfällig ist

„Die Histo-Blutgruppenantigene, HBGA, wurden kürzlich als Rezeptoren für die Noroviren identifiziert. Damit ergeben sich wichtige Erkenntnisse über die Epidemiologie, da das breite Spektrum verschiedener Noroviren mit jeweils unterschiedlichen HBGAs reagiert“, so Speth. Dadurch erklärt sich, wer geschützt ist oder wer anfällig für Noroviren ist: „Die Infektion des Darmepithels mit dem spezifischen Norovirus erfolgt nur bei Personen mit passenden ABH- und Lewis-Blutgruppenantigenen.“

Dies ist auch der Grund, warum Stillen vor Noroviren-Infektionen schützen kann: Muttermilch enthält Oligosaccharide und Glycoconjugate mit endständigen HBGA-Epitopen. Diese Oligosaccharide werden im kindlichen Verdauungstrakt nicht degradiert. Die Milch von secretor-positiven Frauen hemmt somit die Bindung der Noroviren an ihre Liganden, wie Speth erläuterte.

Ausbrüche häufiger

Infolge verbesserter Diagnostik und Surveillance wird generell eine Zunahme von Norovirus-Ausbrüchen beobachtet. Die Problematik dieser Ausbrüche liegt im explosionsartigen Verlauf unter Patienten ebenso wie unter dem medizinischen Personal, ganz zu schweigen von den Komplikationen (Kasten 2 ). Stationsschließungen bis hin zu Aufnahmestopps aufgrund der hohen Ausfallsrate unter dem Personal führen zu erheblichen Versorgungsengpässen und wirtschaftlichen Einbußen. Die Erstellung und Anwendung von entsprechenden Hygienerichtlinien in Krankenhäusern ist demnach laut Speth essenziell.

Hygienemaßnahmen

Welche Hygienemaßnahmen sind nun bei Noroviren-Ausbrüchen zu setzen? „Die Richtlinien umfassen Maßnahmen für den Umgang mit Norovirus-Erkrankten, für das Management des Personals und der Besucher sowie Maßnahmen zur Unterbrechung der Übertragungskette. Zur Händedesinfektion garantiert hierbei nur ein Präparat mit 95 Prozent Alkohol eine gute Wirksamkeit“, betonte die Expertin.

Patientenkontaktflächen müssen mindestens einmal täglich, Türklinken mehrmals täglich desinfiziert werden. Ein Beispiel dafür, wie schwierig es sein kann, nach einem Norovirusausbruch die Situation in den Griff zu bekommen: Nach einem Ausbruch in einem Tiroler Hotel wurden zwar eine Sperre, die komplette Reinigung und Desinfektion veranlasst, und dennoch wurde auch der nächste Turnus an Urlaubern wieder krank. Warum? Man hatte vergessen, die Schlüsselanhänger zu desinfizieren.

Kasten 1:
Klinik
  • Inkubationszeit 15–48 Stunden;
  • Selbstlimitierender Verlauf mit zwölf bis 60 Stunden Dauer;
  • schwallartiges Erbrechen, gefolgt von wässriger Diarrhö;
  • häufig begleitet von schwerem Krankheitsgefühl, Glieder- und Muskelschmerzen, abdominellen Krämpfen und Fieber.
Kasten 2:
Komplikationen
  • Teils schwere Verläufe bei Kleinkindern und Älteren mit ausgeprägtem Flüssigkeits- und Elektrolytverlust;
  • schwerwiegende Aspirationspneumonien bei Erbrechen beim Essen;
  • Letalität: 7,5/10.000;
  • chronisch persistierende Diarrhö (über Jahre!) in immunsupprimierten Transplantationsempfängern;
  • ungewöhnliche Symptome (Nackensteifigkeit, Lichtempfindlichkeit, Verwirrtheit) bei Patienten in Stresssituationen.
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Prof. Dr. Cornelia Speth Department für Hygiene, Mikrobiologie und Sozialmedizin, MedUni Innsbruck

Von Dr. Karin Reischl, Ärzte Woche

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