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Innere Medizin 3. März 2009

Ein Leben in WC-Reichweite

Chronisch entzündliche Darmerkrankungen machen einen normalen Alltag unmöglich.

Morbus Crohn und Colitis ulcerosa sind für die Betroffenen mit schwerwiegenden Belastungen verbunden. Obwohl die Häufigkeit dieser Erkrankungen gerade auch bei jungen Menschen dramatisch zunimmt, sind sie in der Öffentlichkeit kaum bekannt. Zudem wird die Diagnose nicht selten trotz chronischer Beschwerden erst spät gestellt.

 

Chronisch entzündliche Darmerkrankungen treten meist zwischen dem 20. und dem 40. Lebensjahr, manchmal sogar schon in der Kindheit erstmals auf. Bei Morbus Crohn und Colitis ulcerosa leiden die Patienten an Durchfall und Bauchschmerzen, oft verbunden mit Blut im Stuhl und eitrigen Fistelgängen im Darm- und Analbereich. „Der Aktionsradius der Erkrankten ist oft begrenzt und muss sich nach der schnellen Verfügbarkeit einer Toilette richten“, erläuterte Prof. Dr. Walter Reinisch von der Wiener Universitätsklinik für Innere Medizin III auf dem 4. ECCO-Kongress (European Crohn´s and Colitis Organisation) in Anfang Februar in Hamburg. „In schweren Fällen können die Patienten den Stuhl nicht zurückhalten und müssen Windeln tragen.“

Ausgrenzung und Rückzug

Als Konsequenz sind viele Betroffene in ihrer körperlichen Aktivität stark eingeschränkt. Die Symptome gelten als beschämend. Bis zu 70 Prozent der Patienten ziehen sich sozial zurück und leiden unter Angststörungen und Depressionen. 30 bis 40 Prozent verlieren aufgrund der Erkrankung und ihrer Folgen ihre Beschäftigung; junge Betroffene müssen häufig die Schule oder das Studium abbrechen. „Die Lebensqualität von Menschen mit chronisch entzündlichen Darmerkrankungen liegt teils unter der von jenen, die an Diabetes mellitus oder rheumatoider Arthritis leiden“, so Reinisch weiter.

Studien zeigen, dass 15 Jahre nach der Diagnose 34 Prozent der Patienten eine, 14 Prozent zwei und 22 Prozent sogar drei oder noch mehr Operationen hinter sich haben. Das Risiko, an Dickdarmkrebs zu erkranken, ist bei ihnen gegenüber der Normalbevölkerung bis zu zehn Mal höher.

Der allgemeinen Bevölkerung sind die beiden Krankheiten entweder völlig unbekannt oder werden zumindest nicht mit dem Verdauungstrakt in Verbindung gebracht. Reinisch erklärt: „Das mangelnde Wissen und die Verharmlosung bewirken eine verzögerte oder falsche Diagnosestellung, inadäquate medizinische Versorgung und die Anwendung unwirksamer Medikamente teilweise über Jahre hinweg. Dies erhöht das Leiden der Betroffenen unnötigerweise zusätzlich.“ In der Regel wird erst über drei Jahre, nachdem die ersten Symptome festgestellt wurden, die korrekte Diagnose gestellt. In 30 Prozent der Fälle wird Morbus Crohn sogar erst mit einer Verzögerung von fünf Jahren diagnostiziert, trotz chronischer Beschwerden. „Die unnötige Verzögerung bis zur Einleitung einer wirksamen Therapie kann irreversible Schäden bedingen und Operationen erforderlich machen“, führte Reinisch weiter aus. „Zu diesen direkten Krankheitskosten kommen hohe indirekte, die aus der Arbeitsunfähigkeit und den sozialen Beihilfeleistungen resultieren. Diese übersteigen die direkten Kosten meist erheblich.“

Warum bei Morbus Crohn der gesamte Magen-Darm-Trakt vom Mund bis zum Darmausgang von Entzündungen befallen ist, ist unbekannt. Ebenso warum zunehmend jüngere Patienten erkranken. Bei Morbus Crohn wechseln gesunde und erkrankte Bereiche ab. Die Erkrankung schreitet progressiv von einer Entzündung zur Darmverengung und Fistelbildung voran. Die Colitis ulcerosa dagegen ist auf die Dickdarmschleimhaut begrenzt; in bis zu 20 Prozent der Fälle kann sie die Entfernung dieses Organs erfordern. Beide Erkrankungen können auch über den Magen-Darm-Bereich hinaus auf Gelenke, Wirbelsäule, Haut und Augen übergehen.

Webtipp: www.ecco-ibd.eu

 

ECCO/PH, Ärzte Woche

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