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Innere Medizin 5. Februar 2009

Das Sprachrohr der Diabetiker

Die individuelle Behandlung der Patienten erfordert viel Erfahrung und Know-how.

Der Präsident der Österreichischen Diabetesgesellschaft (ÖDG) äußert sich optimistisch, was die Zukunft der Antidiabetika betrifft. Deutlich weniger hoffnungsvoll ist er hinsichtlich der Entwicklung der Diabetesprävalenz in den nächsten Jahren.

 

Trotz Wellness-Boom nimmt die Prävalenz des Diabetes als Volkskrankheit nach wie vor weiter zu. Eine effiziente landesweite Betreuung der Patienten basiert auf der Evaluierung des Ist-Zustandes. Die Ärzte Woche sprach mit dem amtierenden Präsidenten der Österreichischen Diabetesgesellschaft Prof. Dr. Bernhard Ludvik, Abteilung für Endokrinologie und Stoffwechsel der MedUni Wien, über erreichte und offene Ziele.

 

Sie sind seit einem Jahr im Amt. Welche Bilanz können Sie ziehen?

LUDVIK: Das vergangene Jahr war für die ÖDG durchaus ein Erfolg. Insbesondere die Mitarbeit an den Bundesqualitätsleitlinien zum Disease-Management-Programm (DMP) „Therapie aktiv“ war sehr erfolgreich, viele Empfehlungen der Diabetesgesellschaft sind im Programm verankert. Es obliegt der ÖDG auch, die Ärzte entsprechend auszubilden. Zudem sind wir dazu aufgerufen, die zweite Ebene mit endokrinologischen stationären Einrichtungen und Ambulanzen, welche neben niedergelassenen Endokrinologen die Ansprechpartner für die DMP-Ärzte sind, zu definieren. Insgesamt sind wir gesundheitspolitisch gut eingebunden.

 

Welche konkreten Punkte wurden etwa umgesetzt?

LUDVIK: Es ist etwa ein großer Fortschritt, dass der Zuckerbelastungstest in die Mutter-Kind-Passuntersuchung aufgenommen wurde, um frühzeitig einen Gestationsdiabetes zu diagnostizieren. Der Test, der für die 24. bis 28. Schwangerschaftswoche vorgesehen ist, wurde noch unter der damaligen Bundesministerin Kdolsky etabliert.

Außerdem konnte die Bereitstellung von Blutzuckermessstreifen durch die Sozialversicherungen geregelt werden. Dies wird im Konsens mit den Betroffenen über die Selbsthilfegruppen, den Hauptverband und uns als Fachgesellschaft koordiniert. Hinsichtlich eines ähnlichen Vorgehens für nicht insulinpflichtige Diabetiker sollte auch bald eine Lösung gefunden werden.

 

Es geht auch um Bewusstseinsbildung bei den zuständigen Stellen …

LUDVIK: Im Rahmen des Weltdiabetestages wollen wir erneut das Bewusstsein schärfen, dass Diabetes eine noch nicht ideal behandelte Erkrankung ist. Mittels Forderungskatalog wollen wir auf die Notwendigkeit einer verbesserten Betreuung im Rahmen des Disease-Management-Programms hinweisen. Neben dem besseren Zugang zu neuen, innovativen Medikamenten soll auch der Forschungsförderung auf diesem Gebiet Rechnung getragen und eine optimierte Strukturierung der landesweiten Diabetesbetreuung im Sinne spezialisierter Ambulanzen und endokriner Abteilungen geschaffen werden. Dies ist natürlich auch eine Frage der Finanzierbarkeit.

 

Wie gut konnte sich die ÖDG als Gesellschaft präsentieren?

LUDVIK: Wir hatten eine gelungene Frühjahrestagung, die Jahrestagung mit 1.400 Teilnehmern in Baden wird nicht zuletzt aufgrund des steigenden Besucherinteresses nächstes Mal in Salzburg stattfinden.

Zwar sind wir eine wissenschaftliche Gesellschaft, dürfen jedoch nicht aus dem Auge verlieren, auch als Sprachrohr der Diabetiker zu fungieren. Insofern werden wir uns auch zu den relevanten gesundheitspolitischen Themen äußern. Diese Vorgehensweise will auch mein Nachfolger, Prof. Weitgasser, weiter verfolgen.

Im Bereich Genderforschung und Migration haben wir einen Ausschuss gegründet. Hier ist es besonders notwendig, international zu kooperieren, um zu evaluieren, welche Auswirkungen Migration für die Krankheit Diabetes und die Versorgung der Patienten hat.

 

Wohin zielen diese Ansätze?

LUDVIK: Wir sammeln Daten und vergleichen die diabetische Betreuung von Österreichern mit Menschen mit Migrationshintergrund, auch im Hinblick auf die Situation in den jeweiligen Ursprungsländern. Es zeigt sich nämlich, dass der Zugang zu einer adäquaten Diabetestherapie für Migranten oft schlechter ist. Auch das Wissen um die Erkrankung ist bei den Patienten geringer, das Verhältnis zwischen Ärzten und Migranten nicht immer einfach und die Kommunikation zumindest verbesserungswürdig. Auch hier gilt es, die Situation zu evaluieren und danach entsprechende Maßnahmen zu setzen.

 

Welchem diabetischen Feld möchten Sie sich in der zweiten Hälfte Ihrer Amtsperiode noch besonders annehmen?

LUDVIK: Ein nach wie vor vernachlässigter Bereich ist der Typ-1-Diabetes bei Kindern und Jugendlichen. Hier sollen Aufklärungskampagnen in Kindergärten, Schulen und Ordinationen ein entsprechendes Bewusstsein schaffen. Häufig werden erste Anzeichen nicht ernst genommen oder etwa als Magersucht fehl gedeutet. Wir arbeiten diesbezüglich mit der Universitätskinderklinik Wien, allen voran Frau Prof. Edith Schober und Frau Prof. Birgit Rami, zusammen. Ziel ist es, die Zahl der Kinder, die mit einer ketoazidotischen Entgleisung stationär aufgenommen werden, zu senken. Ein ähnliches Projekt in Italien konnte dies erreichen.

 

Wird es Öffentlichkeitskampagnen geben?

LUDVIK: Die Öffentlichkeitsarbeit zur Diabetesprävention konzentriert sich auf die Vermeidung der Adipositas als wesentlichsten Risikofaktor. Bei ausreichender Finanzierung soll jedoch erst einmal eine Evaluierung der tatsächlichen Verbreitung von Diabetes in Österreich durchgeführt werden. Der Wert der Vorsorgeuntersuchung für die Eindämmung der Erkrankung ist nicht zu unterschätzen.

 

Welche Innovationen werden sich in den kommenden Jahren etablieren?

LUDVIK: Gemeinsam mit dem Forschungszentrum ARC Seibersdorf wird die Telemedizin weiterentwickelt, sodass Blutzuckerwerte und Insulindosen eines Patienten über ein Handy automatisch an einen Server übermittelt werden. Dies erleichtert das Feedback und die Auswertung und erinnert die Patienten kontinuierlich an die Messungen.

Klinisch wird zurzeit eine Reihe neuer Therapieoptionen getestet. Dabei handelt es sich nicht nur um Me-Too-Präparate, sondern durchaus um vielversprechende innovative Ansätze für Typ-2-Diabetiker. Neben bewährten Substanzen stehen etwa die DPP-IV-Inhibitoren zur Verfügung. Auch die Inkretinmimetika mit der einmal wöchentlichen Verabreichung sind als moderner Therapieansatz zu nennen. Derzeit befinden sich selektive SGTL-2-Inhibitoren, die den Glukoserücktransport in der Niere hemmen, Glukagonrezeptorantagonisten und Aktivatoren der Glukokinase in klinischen Phase-3-Studien. Deren Marktreife ist in etwa vier Jahren zu erwarten.

 

Ist trotz Wellness-Trend und vermehrtem Gesundheitsbewusstsein ein weiterer Anstieg der Diabetesprävalenz zu erwarten?

LUDVIK: Zweifelsohne! Die Adipositaswelle der vergangenen Jahre wird sich in nächster Zeit in Form einer gesteigerten Diabetesprävalenz manifestieren. Zudem steigt die Zahl der übergewichtigen Kinder und Jugendlichen deutlich an. Dies sind die Patienten der kommenden zehn bis zwanzig Jahre. Ein Ende ist also nicht abzusehen.

 

Welche Strategien kann man dagegen entwickeln?

LUDVIK: Ideal wäre die Einrichtung eines Diabetesregisters, in dem wir alle Daten zur Erkrankung erfassen. Neben der Prävalenz kann so über eine Längsschnittuntersuchung auch die Betreuungsqualität überprüft und verbessert werden. Ein solches Register sollten wir als Fachgesellschaft gemeinsam mit Hauptverband und Ärztekammer zu etablieren suchen. Denn wir haben eine Reihe hervorragender Medikamente zur Verfügung. Es gilt, sie den Betroffenen auch zukommen zu lassen.

 

Ab welchem Zeitpunkt sehen Sie die Notwendigkeit einer medikamentösen Behandlung?

LUDVIK: Je früher man mit Maßnahmen startet, je eher die Diabeteserkrankung im Vorstadium diagnostiziert wird, desto länger lassen sich allein mit Lebensstilmaßnahmen die Zielwerte erreichen. Bei manifestem Diabetes sollte spätestens ab einem HbA1c-Wert von sieben medikamentös interveniert werden. Werden postprandial allerdings extrem hohe Spitzen erreicht, so ist bereits zuvor an eine pharmakologische Strategie zu denken. Dies ist aber die spannende Herausforderung für Diabetologen: Dass hier die ärztliche Kunst noch einen großen Stellenwert hat, um die individuell beste Therapie für unsere Patienten zu finden.

 

Das Gespräch führte Dr. Ronny Teutscher

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