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Untersuchungen an aktiven Sportlern haben gezeigt, dass die Art der Belastung – hohe, ungewohnte versus zyklische, niedrige Belastung – ein Determinant für die Knochenmineraldichte ist.
Foto: Privat

Prof. Dr. Katharina Kerschan-Schindl Univ.-Klinik für Physikalische Medizin und Rehabilitation, AKH Wien

 
Innere Medizin 23. November 2010

Ist jedes Training gut für den Knochen?

Ziele und Effektivität regelmäßiger körperlicher Aktivitäten sind altersabhängig.

In der Kindheit ist es vorrangig, spielerisch die Freude an Bewegung zu wecken. Nur wenn es Spaß macht, werden Kinder langfristig körperlich aktiv sein – und das ist wichtig, denn die in der Kindheit und Jugend aufgebaute „peak bone mass“ entscheidet über das Risiko einer zukünftigen osteoporotischen Fraktur. Je früher mit regelmäßigen körperlichen Aktivitäten begonnen wird, desto effektiver sind diese.

 

Training in der Kindheit hat nicht nur positive Effekte auf den Knochenstoffwechsel, nämlich den Knochenanbau, sondern auch Einfluss auf die Knochengeometrie. Der Querschnitt eines Röhrenknochens (periostaler Durchmesser) nimmt in der Pubertät zu. Dieses die Stabilität /Belastbarkeit des Knochens verbessernde Phänomen wird durch regelmäßige körperliche Aktivität noch weiter gesteigert. Außerdem bleibt der periostal zugewonnene Knochen bis ins fortgeschrittene Alter erhalten, denn der altersbedingte physiologische Knochenabbau erfolgt trabekulär, endokortikal und im Havers‘schen Kanal, kaum jedoch periostal. Daraus ergibt sich der langfristige Benefit von regelmäßiger körperlicher Aktivität /gezieltem Training in der Kindheit und Jugend.

Hohe Belastung vor der Menopause

Regelmäßiges Training bei prämenopausalen Frauen hat positive Effekte – sowohl auf die lumbale Knochenmineraldichte als auch auf jene im Schenkelhalsbereich. Besonders sinnvoll dürften Trainingsformen mit relativ hoher Belastung der Knochen (z. B. Springen) sowie die Kombination aus Krafttraining und hoher, teilweise ungewohnter Belastung sein.

Diese Ergebnisse decken sich mit Untersuchungen an aktiven Sportlern, die gezeigt haben, dass die Art der Belastung (hohe beziehungsweise ungewohnte Belastung versus zyklische, niedrige Belastung) ein Determinant für die Höhe der Knochenmineraldichte ist. Auch die praktizierte Sportart ist entscheidend für verschiedene strukturelle Parameter des Knochens. Hohe Belastungen sind für den Knochen gut, aber ein zu intensives Training wirkt sich negativ aus, speziell dann, wenn Athletinnen amenorrhoeisch sind.

Die Knochenmineraldichte amenorrhoeischer Athletinnen ist geringer als jene eumenorrhoeischer Athletinnen. Nach Wiedereinsetzen der Menses kommt es zu einer Erholung des Knochenstoffwechsels, aber nicht zu einem vollständigen Rückgewinn der Knochenmasse. Selbst viele Jahre nach der aktiven Sportlerkarriere bleibt die Knochenmineraldichte deutlich niedriger als jene immer eumenorrhoeisch gebliebener Athletinnen.

Auch bei männlichen Extremsportlern kommt es durch besondere Belastungen, wie zum Beispiel einen Ultramarathon, zu transienten Veränderungen im Knochenstoffwechsel: Die Knochenresorption überwiegt gegenüber der Knochenformation. Eine Störung im RANK/RANKL/OPG-System dürfte diesen Veränderungen zugrunde liegen. Überdurchschnittlich lange andauernde körperliche Aktivität hat somit negative Auswirkungen auf das muskulo-skelettale System. Daraus ergibt sich die Empfehlung, eher hohe und für den Knochen ungewohnte Belastungen mit Krafttraining zu kombinieren. Ausdauersportarten sollten nicht zu extensiv betrieben werden.

Krafttraining in der Postmenopause

Mit zunehmendem Alter verändert sich die Mechanosensitivität des Knochens, körperliche Aktivität ist daher weniger knochenanabol. Krafttraining hat in der Postmenopause den größten Effekt auf die Knochendichte. Die frühere Meinung, dass nur sehr hoch dosiertes Krafttraining positive Effekte hat, wird durch rezente Untersuchungen in Frage gestellt. Möglicherweise hat Krafttraining unabhängig von der Intensität und der Trainingsfrequenz, zumindest für gewisse Bereiche des Skelettes, positive Effekte auf den Knochen. In Hinblick auf isoliertes Gehtraining scheint nur sehr forciertes, flottes Gehen sinnvoll zu sein.

In einer Untersuchung an einer Gruppe älterer Damen wurde gezeigt, dass ein einjähriges kombiniertes Kraft- und Balancetraining im Vergleich zur Kontrollgruppe keine nennenswerten Unterschiede in der Knochenmineraldichte, aber signifikante Unterschiede in der Knochenfestigkeit mit sich bringt. Dieser positive Effekt war auch nach einem Jahr noch zu erkennen.

Sport ist nicht gleich Sport

Es ergibt sich somit: Sport ist nicht gleich Sport. Wir müssen zwischen Sport im Sinne einer Freizeitbeschäftigung – wie Autorennen fahren oder Schach spielen – auf der einen Seite und Sport im Sinne eines gezielten Trainings auf der anderen Seite unterscheiden. Körperliche Aktivität ist nicht in jedem Lebensabschnitt gleich effektiv.

Die größten knochenanabolen Effekte haben wir in der Kindheit, aber auch körperliche Aktivität bis ins höhere Alter trägt dazu bei, die Selbständigkeit möglichst lange zu bewahren. Die einzelnen Belastungsphasen einer Trainingseinheit sollten kurz sein, Trainingspausen sind ganz entscheidend für die Effektivität des Trainings. Dies gilt speziell für den Ausdauersport. Wichtig in Bezug auf die Effektivität eines Trainings ist natürlich auch die Intensität: Trainingsprogramme mit höherer Belastung gelten als effektiver.

Von Prof. Dr. Katharina Kerschan-Schindl, Ärzte Woche 47 /2010

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