zur Navigation zum Inhalt
Foto: flickr / Marcella Tôrres
Egal, wo man das Piercing versteckt, es bleibt ein Risiko.
 
Innere Medizin 22. Jänner 2009

Schmückende Unverträglichkeit

Die bei vor allem bei jungen Frauen trendigen Piercings können lebenslange Allergien auslösen.

Das deutsche Bundesinstitut für Risikoforschung warnt vor Piercings. Während in der Gesamtbevölkerung die Sensibilisierung gegenüber Nickel fällt, steigt sie bei jungen Mädchen deutlich an.

 

Nickel gehört zu den ältesten Metallen, welche die Menschheit für sich entdeckt hat. Ob die ersten Menschen, die das Metall bereits im vierten Jahrtausend vor Beginn unserer Zeitrechnung nutzten, bereits Allergien entwickelten, ist hingegen nicht überliefert. Da Nickel ein bedeutendes Legierungsmetall ist, kam es früher fast ubiquitär vor. Seit bekannt wurde, dass das – in seiner reinen Form – silbrig-weiße Metall zu den häufigsten Auslösern von Kontaktallergien zählt, werden Metalle und Legierungen, die mit der Haut direkt in Kontakt kommen, seltener vernickelt. Trotzdem sind nickelhaltige Bedarfsgegenstände wie Münzen (die Ein-Euro-Münze enthält im Außenring fünf Prozent Nickel und im Kern 25 Prozent), Essbestecke, medizinische Geräte, Schlüssel und Reißverschlüsse weit verbreitet. Bei sensibilisierten Personen kommt es nach ein bis zwei Tagen an der Kontaktstelle zu einer entzündlichen Reaktion.

Gefährdete Schwitzer

Bei der Freisetzung des Nickels aus dem jeweiligen Material spielen andere Bestandteile des Materials eine wichtige Rolle. Stoffe wie Schwefel forcieren die Freisetzung ebenso wie Körperflüssigkeiten, warnte vor wenigen Monaten das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) und betonte in diesem Zusammenhang die Gefahr, die von nickelhaltigen Piercings ausgehe. Kommt der Schmuck direkt mit der Haut oder darunter liegendem Fett- und Knorpelgewebe in Kontakt, wird Nickel durch Schweiß, Urin oder Blutplasma leicht herausgelöst. Dabei kann sich der Verbraucher niemals sicher sein, ob Entwarnungen wie „nickelfrei“ auch wirklich zutreffen, da viele Schmuckgegenstände häufig nur mit einem Lack beschichtet sind, der mit der Zeit spröde und für Nickelionen durchlässig wird.

Das BfR untersuchte dieses Thema, weil eine deutliche Zunahme der Sensibilität bei Frauen unter 18 Jahren festzustellen war, die – an verschiedenen Körperteilen – deutlich häufiger gepierct sind als ihre männlichen Altersgenossen (das Durchstechen des Ohrläppchens wurde nicht mit einbezogen, da dies bei den untersuchten Mädchen fast durchgehend der Fall war).

In der deutschen Gesamtbevölkerung hat sich in den letzten Jahren die Zahl jener, die gegen Nickel sensibilisiert sind, kaum verändert. Das liegt vor allem an der sogenannten Nickelrichtlinie (siehe Kasten 1), dank der der Anteil an sensibilisierten Personen bei Frauen bis zum 30. Lebensjahr von 36 auf rund 25 Prozent sank und sich inzwischen auf diesem Niveau eingependelt hat.

Junge Frauen stehen auf Metall

Letztlich kommt das BfR nach Durchsicht der Datenlage zu dem Schluss, dass „Studien, die den Zusammenhang zwischen Piercing und Nickelallergie untersuchen, kaum publiziert sind“. Und weiter: Ein Zusammenhang von Nickelallergie und Piercing erscheine jedoch wahrscheinlich. Die größte Wahrscheinlichkeit, sich piercen zu lassen, besteht in der Gruppe der unter 18-Jährigen. Von den Piercingträgern entwickelt ein Drittel eine Nickel-Kontaktallergie, Frauen tragen dreimal so häufig Piercings wie Männer. Ob die Alterung des Immunsystems, wie der atrophierende Thymus und die Verminderung von Rezeptoren auf Zellen des angeborenen Immunsystems, für die geringere Wahrscheinlichkeit verantwortlich sein könnte, eine Nickelallergie im Alter zu erwerben, ist spekulativ.

Letztlich lässt sich durchaus ein Risiko für Piercings – speziell bei jungen Menschen – erkennen, da die Entwicklung einer Nickelallergie mit all ihren Einschränkungen in der Lebensqualität als sehr wahrscheinlich zu gelten hat. Eine umfassende Aufklärung der Jugendlichen im Schulunterricht erscheint geboten, die BfR-Experten stellen auch zur Diskussion, ob bei piercingwilligen Jugendlichen unter 18 Jahren nicht eine Einverständniserklärung der Eltern verlangt werden sollte. Das Bundesinstitut plädiert für eine weitere Senkung des derzeit gültigen Höchstwerts der Freisetzung von Nickel aus Bedarfsgegenständen.

Kasten 1:
Richtlinie 94/27/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 30. Juni 1994
Die Richtlinie wurde in Kraft gesetzt, um die Anwesenheit von Nickel in bestimmten Gegenständen, die unmittelbar und länger mit der Haut in Berührung kommen, zu begrenzen. So sind nickelhaltige Verbindungen in folgenden Gegenständen nicht zugelassen: • in Stäben, die während der Epithelisation der beim Durchstechen verursachten Wunde in durchstochene Ohren oder andere durchstochene Körperteile eingeführt werden, und zwar unabhängig davon, ob die Stäbe später wieder entfernt werden. Ausgenommen sind Stäbe, die homogen sind und deren Nickelkonzentration – ausgedrückt als Masse Nickel der Gesamtmasse – unter 0,05 Prozent liegt.
• in Produkten, die unmittelbar und länger mit der Haut in Berührung kommen, wie zum Beispiel Ohrringe, Halsketten, Armbänder und Nietknöpfe.
Kasten 2:
Überempfindlichkeitsreaktion Typ IV gegen Nickel
Bei der Nickelallergie handelt es sich um eine Überempfindlichkeitsreaktion vom verzögerten Typ, die der gültigen Einteilung nach Coombs und Gell folgend als Typ IV klassifiziert wird und sich in zwei Phasen gliedert: die Sensibilisierung und die Auslösephase.
24 bis 48 Stunden nach dem Kontakt mit einem Antigen setzt eine Reaktion des spezifischen Immunsystems ein. Die Typ-IV-Reaktion ist gekennzeichnet durch das Fehlen von erhöhten Immunglobulin E-Titern im Blut und einer fehlenden Mastzellaktivierung.
Im Unterschied zu den Histamin-vermittelten Überempfindlichkeitsreaktionen werden bei Typ-IV-Reaktionen Immunantworten unter der Beteiligung von T-Helferzellen (Th1) und Makrophagen vermittelt. Die Typ-IV-Reaktion beim Menschen im Fall von Nickel wird im Epikutan (Patch)-Test getestet.
Foto: flickr / Marcella Tôrres

Egal, wo man das Piercing versteckt, es bleibt ein Risiko.

Von Raoul Mazhar, Ärzte Woche

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben