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Innere Medizin 3. September 2010

Mangelhafter Einsatz gegen Mangelernährung

NutritionDay Daten zeigen weiterhin Defizite und große länderspezifische Unterschiede

Bis zu 60 Prozent der stationären Patienten leiden unter krankheitsbezogener Unterernährung, und werden nicht nur in einem unterernährten Zustand aufgenommen, sondern entwickeln einen derartigen auch erst im Krankenhaus. Der Mangel an Bewusstsein ist das grundlegende Problem in der Betreuung. Ungenügendes Wissen und mangelnde Ausbildung behindern als Hauptfaktoren eine gute Ernährung dieser Patienten. Eine Auswertung der NutritionDay Daten der Jahre 2007 bis 2008 von Schindler et al. zeigt die immer noch bestehenden Defizite aber auch die länderspezifischen Unterschiede. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie häufig hospitalisierte Patienten in Europa und Israel (die Teilnehmer am NutritionDay) als mangelernährt eingestuft werden und ob diese Wahrnehmung zu konkreten Maßnahmen führt.

Für eine Strategie gegen Mangelernährung sind mehrere Faktoren wesentlich. So ist einerseits auf die Krankheit selbst zu achten, die den Energiebedarf und die Nahrungsaufnahme beeinflusst, als auch auf die Verfügbarkeit der Instrumente, um mangelernährte Patienten und solche, die ein Risiko für Mangelernährung aufweisen, zu identifizieren.

Niedrige Prävalenz in Österreich, Ungarn und Deutschland

Die in verschiedenen Einrichtungen an einem Tag des Jahres erhobenen Werte der NutritionDays 2007 und 2008 erfassten 21.007 Patienten in 1217 Einheiten an 325 Spitälern in 25 Ländern. Die Mehrheit der teilnehmenden Einheiten (64 %) waren innere und allgemeinchirurgische Stationen. Zwischen 21 und 73 Prozent der teilnehmenden Einheiten gaben an, bei der Spitalsaufnahme die Patienten auf ihren Ernährungszustand hin sowie auf eine eventuelle Gefährdung zu erfassen. Am häufigsten wurden dafür lokal entwickelte Instrumente eingesetzt. Eine Screening-Routine bestand in 93 Prozent der Einheiten in Großbritannien während in Österreich, Deutschland und den Südosteuropäischen Staaten weniger als 33 Prozent angaben, ihre Patienten bei der Aufnahme regelmäßig zu erfassen. Das Ernährungsrisiko wurde von den Betreuern bei 91 Prozent der Patienten erhoben, wobei etwa ein Drittel als mit einem Ernährungsrisiko behaftet identifiziert wurden. Der Anteil der als Risikopatienten eingestuften Personen variierte substantiell zwischen europäischen Regionen und Ländern. Die Prävalenz an Mangelernährung war am niedrigsten in Ungarn, Österreich und Deutschland, während sie in Großbritannien und den restlichen westlichen Regionen, den restlichen südlichen Regionen, den zentraleuropäischen und den nordischen Ländern am höchsten war.

Die Analyse zeigte, dass jene Patienten, für die ein Ernährungsrisiko erhoben wurde, älter waren, einen niedrigeren BMI (Body Mass Index) hatten, in den vorangegangenen drei Monaten Gewicht verloren hatten und zum Stichtag weniger aßen als angemessen gewesen wäre. Patienten mit Mangelernährungsrisiko waren weniger mobil und es war wahrscheinlicher, dass auch Organe betroffen waren und sie wiesen eher Komorbiditäten, inklusive Diabetes mellitus, Krebs und Infektionskrankheiten auf. Jene Fachgebiete, die häufiger Patienten mit einem Ernährungsrisiko einstuften, waren die Innere Medizin und die Geriatrie.

Die Anwesenheit eines Ernährungsberaters oder Diätassistenten oder von Ernährungsteams sowie eine Screening-Routine an der Station erhöhte die Wahrscheinlichkeit, dass das Ernährungsrisiko eines Patienten erkannt wurde. 20 Prozent der Patienten, für die ein Ernährungsrisiko festgestellt wurde, erhielten Eiweißergänzungsnahrungen. Das Vorhandensein einer Screening-Routine, die Anwesenheit eines Ernährungsberaters oder eines Diätassistenten und eines Ernährungsteams führte zu einem signifikanten Unterschied in der Versorgung mit Eiweißergänzungsnahrungen.

Ernährungsscreening nur bei der Hälfte der Teilnehmer

Obwohl allgemein akzeptierte Standards und Richtlinien für das Management der Spitalsernährung inklusive Ernährungsscreening und -monitoring, existieren, so die Autoren, zeigen die Ergebnisse der Untersuchung, dass nur in der Hälfte der teilnehmenden Einheiten ein Ernährungsscreening als tägliche Routine durchgeführt wird, wobei es große regionale Unterschiede gibt. Der Anteil der Einheiten ohne Screening-Programm war in den deutschsprachigen Ländern, der Südosteuroparegion, Rumänien und Italien überraschend hoch. Die Autoren nehmen an, dass dies daran liegen könnte, dass Einheiten an der Untersuchung teilnahmen, die bisher nicht an Ernährungsfragen interessiert waren oder sich bisher nicht damit beschäftigt hatten. So wurde beispielsweise in Österreich die Teilnahme am NutritionDay sehr aktiv durch Pflegeverbände beworben – auch in Abteilungen, die sich bisher nicht speziell mit klinischer Ernährung beschäftigt hatten. Jedenfalls, so die Autoren, zeigte sich, dass ein Screening für Mangelernährung, wie es als best practice empfohlen wird, nicht überall umgesetzt ist. Zusätzlich zur Erfassung eines Risikos sollte auch die Nahrungsaufnahme dokumentiert und verfolgt werden, wie Empfehlungen nahelegen – speziell wenn der Patient ein Mangelernährungsrisiko aufweist.

Die Autoren stellen fest, dass die aktuelle Analyse der NutritionDay Daten von 2007/08 weiterhin eine mangelhafte Ernährungsroutine und ernährungsbezogene Betreuung in europäischen und israelischen Gesundheitseinrichtungen aufzeigt. Das Vorhandensein eines Ernährungsberaters oder eines Diätassistenten und der Einsatz eines Screening-Instruments förderte die Versorgung der betroffenen Patienten mit Spezialnahrung, allerdings ist es notwendig die interdisziplinäre Zusammenarbeit und die Festlegung von Verantwortlichkeiten für die Ernährung auf Stations- und auf Spitalsebene zu fördern und zu verbessern.

Karin Schindler K. et al: How nutritional risk is assessed and managed in European hospitals: A survey of 21.007 patients findings from the 2007–2008 cross-sectional nutritionDay survey, in: Clinical Nutrition (2010), doi: 10.1016/j.clnu.2010.04.001

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