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Neue HIV-Diagnosen (pro Million) in Europa (Daten stammen aus 2006).

Übertragungswege des HIV in Europa.

Nicht in allen Ländern Europas ist der HAART-Zugang barrierefrei.

Foto: Privat

Prof. Dr. Brigitte Schmied Oberärztin der II. Internen Abteilung SMZ Baumgartner Höhe, Leiterin der Immunambulanz am Otto Wagner Spital und Präsidentin der Österreichischen AIDS-Gesellschaft

 
Innere Medizin 1. Juni 2010

Nachbar in Not: HIV in Osteuropa

HAART-Zugang, Menschenrechte und politische Verantwortung.

Die Zahl der Menschen, die mit HIV/AIDS leben, ist in der EU und den Nachbarländern von 1,2 Millionen im Jahr 2001 auf 2,2 Millionen im Jahr 2007 gestiegen. Die Staaten Osteuropas und Zentralasiens sind neben dem südlichen Afrika die am stärksten von HIV/AIDS betroffenen Gebiete der Welt. Verantwortlich für die Weitergabe des HI-Virus sind insbesondere kontaminierte Injektionsnadeln beim Drogenmissbrauch, wenngleich die sexuellen Übertragungswege zunehmend wichtiger werden.

 

Ungefähr 730.000 HIV-infizierte Menschen leben in der EU. 50.000 neu diagnostizierte HIV-Infektionen wurden allein im Jahr 2007 registriert. Die Prävalenz und die Übertragungswege sind von Land zu Land verschieden. In den letzten Jahren wurde eine kontinuierlich ansteigende Prävalenz in Osteuropa und Zentralasien beobachtet. Derzeit geht man von einer HIV-Prävalenz in dieser Region von einem Prozent aus, wobei Russland und die Ukraine mit ca. 1,6 Prozent die am stärksten betroffenen Länder sind.

Hauptproblem Drogengebrauch

Die Anzahl der Neuinfektionen in Osteuropa und Zentralasien betrug im Jahr 2008 110.000, so dass derzeit ca. 1,5 Mio. HIV-infizierte Menschen in dieser Region leben. Das entspricht einem Anstieg von 66 Prozent gegenüber dem Jahr 2001. Der Hauptübertragungsweg ist nach wie vor intravenöser Drogengebrauch. 57 Prozent aller neu diagnostizierten Infektionen können auf den Gebrauch von kontaminierten Nadeln und Spritzen zurückgeführt werden (van de Laar et al, 2008). Man muss davon ausgehen, dass 35 bis 50 Prozent der Drogengebraucher (IDUs) mit dem HI-Virus infiziert sind (Mathers et al, 2008; Kruglov et al, 2008).

Aufgrund mangelnder Versorgungsaspekte ist Drogengebrauch oft mit Sexarbeit verknüpft. Dadurch wird das Risiko der Transmission auf sexuellem Weg maßgeblich erhöht. Mittlerweile zeichnet sich eine entscheidende Änderung der epidemiologischen Situation ab. Bis dato war die HIV-Infektion hauptsächlich in der drogengebrauchenden Bevölkerung ein Problem, nun gewinnt das sexuelle Transmissionsrisiko zunehmend an Bedeutung. Mädchen und Frauen sind besonders gefährdet.

Drogenabhängige haben geringere Chancen

Der Zugang zu antiretroviraler Therapie (ART), spezifischer Versorgung, Opioidsubstitutions-Therapie (OST) und Nadel-/Spritzentauschprogrammen ist in den oben genannten Staaten sehr limitiert. Lediglich 22 Prozent der Menschen, die einer ART bedürfen, erhalten auch die entsprechenden Medikamente. Obwohl der Zugang bereits verbessert wurde, ist die Situation in EECA-Staaten (Osteuropa/Zentralasien) wesentlich (um ca. 50 Prozent) schlechter als in anderen „middle income countries“, wo durchschnittlich 42 Prozent eine hochaktive antiretrovirale Therapie (HAART) erhalten. Speziell für Drogengebraucher ist die Chance auf eine Behandlung im Allgemeinen geringer.

Nadel- und Spritzentauschprogramme stehen nur in limitiertem Ausmaß zur Verfügung (0-33Prozent), OST ist nur für ca. ein Prozent der IDUs zugänglich. Eine mindestens 60-prozentige Abdeckung ist aber notwendig, um als effektive Prophylaxemaßnahme zu wirken (UNAIDS 2006). ART, Nadel-/Spritzentausch und OST haben in Regionen, in denen aus ethnischen und vielen anderen Gründen Kondomgebrauch nicht üblich ist, im Sinne der Prophylaxe essentielle Bedeutung. Tuberkulose, Hepatitis B und C, Stigmatisierung, Diskriminierung, mangelnde Aufklärung und fehlende Informationen (speziell bei Mädchen und Frauen) und die Einhaltung von Menschenrechten stellen weitere Herausforderungen dar. Menschenrechtsverletzungen tragen essentiell zur Verbreitung von HIV/AIDS bei. Global betrachtet finden sich auch soziale Ursachen der Epidemie: Faktoren wie Diskriminierung, mangelhafter Zugang zu Präventionsmaßnahmen, Informationen und Verhütungsmitteln sowie stark limitierter Bildungszugang, mangelnder Rechtsschutz, Armutsgefährdung sowie erhöhtes Risiko für Gewalt und Missbrauch begünstigen die weitere Ausbreitung des HI-Virus. Vor allem Angst vor Stigmatisierung und Diskriminierung führt letztlich auch zu einer ablehnenden Haltung gegenüber dem HIV-Test. Oft bleibt die Erkrankung viele Jahre unerkannt, und es kann nicht rechtzeitig mit einer adäquaten Therapie begonnen werden. Aus der uneingeschränkten Schwächung des Immunsystems resultieren das Auftreten von opportunistischen Infektionen und eine hohe Morbidität und Mortalität. Andererseits besteht bei nicht diagnostizierter HIV-Erkrankung das Risiko der HIV-Transmission auf die Sexualpartner, wenn sicherer Sex nicht praktiziert wird.

Die Verantwortung der Gesellschaft

Die Achtung der Menschenrechte ist daher eine grundlegende Voraussetzung für eine erfolgreiche Bekämpfung von HIV/AIDS. Die Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen hat 2006 bestätigt, dass „die vollständige Verwirklichung aller Menschenrechte und grundlegenden Freiheiten für alle Menschen ein wesentliches Element im weltweiten Kampf gegen die HIV-Pandemie darstellt“.

Das Recht auf Gesundheit und sexuelle Selbstbestimmung, Gesetze gegen Stigmatisierung und Diskriminierung von HIV-infizierten Menschen, insbesondere die Rechte von Frauen und Kindern, müssen eingefordert und sichergestellt werden, um letztendlich auch erfolgreich im Kampf gegen HIV/AIDS zu sein (OEZA, 2009).

Staaten sind verpflichtet, die Menschenrechte zu achten, zu schützen und zu erfüllen. Dies umfasst unter anderem die Bereitstellung von Präventionsprogrammen und bestmöglicher medizinischer Behandlung. Ein entschlossenes politisches Engagement, eine stärkere Einbindung der Zivilgesellschaft, Bemühungen zugunsten erschwinglicher antiretroviraler Arzneimittel, die Finanzierung von Präventionsprojekten und -programmen, Forschungsinvestitionen sowie eine enge partnerschaftliche Zusammenarbeit sind wichtigste Elemente im Kampf gegen die Epidemie.

Die XVIII. Internationale AIDS Konferenz, die vom 18. bis zum 23. Juli 2010 im Wiener Messezentrum stattfindet, ist gerade auch aus diesen Gründen auf HIV/AIDS in osteuropäischen und zentralasiatischen Ländern fokussiert. Das Motto der AIDS-2010-Konferenz „Rights Here, Right Now“ hebt die essentielle Bedeutung von Menschenrechten hervor.

 

 Linktipp: www.aidsgesellschaft.org und www.aids2010.org.

Von Prof. Dr. Brigitte Schmied, Ärzte Woche 22 /2010

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